Autos warten in Schlangen in einem Impfzentrum in Houston im US-Bundesstaat Texas (Archivbild). | AP

Kampf gegen das Coronavirus Impfwunder USA?

Stand: 06.03.2021 03:36 Uhr

In den USA laufen die Impfungen in einem rasanten Tempo. Aber wie schaffen es die US-Amerikaner, so viel schneller und effizienter gegen das Coronavirus zu impfen als Deutschland?

Von Jule Käppel, ARD-Studio Washington

In dieser Woche konnte Präsident Biden mit einer frohen Botschaft vor die Kameras treten. "Wir sind auf dem besten Weg, jeden Amerikaner bis Ende Mai zu impfen", sagte Biden. Und wenn der Präsident eine gute Nachrichten hat, wiederholt er sie gern. "Also noch einmal, jeder Erwachsene in Amerika ist bis Ende Mai geimpft."

Jule Käppel ARD-Studio Washington

Biden will die Pandemie bekämpfen und die Wirtschaft in Gang bringen. Das sind seine wichtigsten Ziele, und daran arbeitet er ehrgeizig - von Beginn an. In seinen ersten 100 Tagen - bis Ende April - sollen 100 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner eine Impfung erhalten. Mehr als die Hälfte ist bereits geschafft, und die Impfgeschwindigkeit nimmt stetig zu. Zum ersten Mal konnte nun die Gesundheitsbehörde CDC melden, dass über zwei Millionen Menschen an einem Tag geimpft wurden.

Krieg gegen das Virus

Wie schafft Amerika diese Quote täglich? Der Kampf gegen das Virus wurde zum Krieg erklärt. "Das ist eine kriegerische Anstrengung", sagte Biden und freute sich über "bahnbrechende Ansätze" in dieser Schlacht. Dazu gehört die Kooperation der beiden konkurrierenden Pharma-Giganten Johnson und Johnson und "Merck". "Merck" hat keinen eigenen Impfstoff. In den Fabriken soll mehr vom Johnson & Johnson-Mittel hergestellt werden, von dem eine Dosis genügt.

"Das ist eine Zusammenarbeit, wie wir sie im Zweiten Weltkrieg erlebt haben", sagte Biden. Um die Herstellung maximal zu beschleunigen, nutzt die Regierung ein Rüstungsgesetz. Amerikanische Konzerne werden damit unterstützt, rund um die Uhr mehr Impfstoff zu produzieren, zu verpacken und auszuliefern. Das Verteidigungsministerium hilft bei der Verteilung. Nationalgardisten und der Katastrophenschutz sind im Einsatz. Pensionierte Ärztinnen und Krankenpfleger verstärken die Impftruppe.

Mega-Impfzentren im ganzen Land

Mit Impfstoff und dem Personal fehlt noch der Ort, an dem geimpft wird. Eine Paradedisziplin der Bundesstaaten.

Der Gouverneur von Maryland, Larry Hogan, hat gute Laune an diesem Morgen. Er schaut sich auf dem ersten Massen-Impfzentrum in seinem Bundesstaat um: ein riesiger Parkplatz. Rund 4000 Impfungen schaffen sie hier täglich, und die Menschen können im Auto sitzen bleiben. Reinfahren, Scheibe runter, Spritze - fertig. Im ganzen Land gibt es solche Mega-Impfstellen - in Kongresszentren, Football-Stadien, sogar in Disneyland. Dazu kommt ein engmaschiges Netz von Apotheken, medizinischen Gemeindezentren und Kliniken, wo mit und ohne Termin geimpft wird. 

Impfwunder auch Dank Trump

Nachholbedarf haben die Vereinigten Staaten bei der Impf-Gerechtigkeit. Hispanics und Schwarze erhalten seltener eine Impfung als Weiße. Präsident Biden will den Zugang für alle verbessern und mehr Vertrauen bei Minderheiten schaffen. Das Statistik-Institut "Gallup" hat ermittelt: die Impfbereitschaft ist mit 71 Prozent so hoch wie noch nie, mit mehr Impfgegnern im republikanischen Lager. Daran könnte dieser Aufruf etwas ändern.

Die Spritze sei nicht schmerzhaft und jeder sollte sich seinen Schuss holen, sagte Ex-Präsident Trump seinen Anhängern am vergangenen Wochenende. Seine "Operation Warp Speed" hat mit "intergalaktischer Geschwindigkeit" den Weg für den Impfstoff freigemacht. Der Ex-Präsident hatte Milliarden Dollar in die Forschung gepumpt und frühzeitig Verträge geschlossen - damals eine Wette mit ungewissem Ausgang. 

Das Impfwunder USA haben zwei Präsidenten wahr gemacht - mit Risikobereitschaft, Pragmatismus und Effizienz.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es zum Vergleich, in Deutschland seien bislang zwei Millionen Menschen gegen das Coronavirus geimpft worden. Richtig ist, dass laut Robert Koch-Institut bis zum Wochenende rund 2,4 Millionen Menschen in Deutschland sowohl die Erst- als auch die Zweitimpfung erhalten haben. Diesen Wert mit den täglichen Einzelimpfungen in den USA zu vergleichen, ist jedoch wenig aussagekräftig. Wir haben den Vergleich gestrichen.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell im Hörfunk am 06. März 2021 um 08:09 Uhr.