Flüchtlingslager in Idlib | Bildquelle: Hechler ARD

Flüchtlingselend in Idlib "Es gibt kein härteres Leben"

Stand: 30.01.2019 10:47 Uhr

Nach der Machtübernahme der HTS-Dschihadisten droht in der syrischen Rebellenregion Idlib ein Krieg. Die Zivilisten leiden schon jetzt unter Hunger und Kälte. Ein ARD-Team konnte dort drehen.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Mit Steinen und Müllbeuteln versucht Hasan Schehan, das rissige Zelt abzudichten. Doch gegen Wind und Regen hat er kaum eine Chance. Die Kälte kriecht durch alle Ritzen des maroden Zeltes. Seine drei Kinder zittern jeden Tag bei Temperaturen um den Gefrierpunkt.

"Offen gesagt, haben wir nichts", sagt Hasan. "Nur Gott kann uns noch helfen. Wir haben schlicht und ergreifend gar nichts."

Flüchtlingslager in Idlib | Bildquelle: Hechler ARD
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Im Flüchtlingslager Um Tweineh gibt es quasi keine Versorgung durch Hilfsorganisationen - dementsprechend fehlen den Flüchtlingen die grundlegendsten Dinge.

"Bitte bringt uns irgendwas!"

Seine Ehefrau Hasna Chaled entzündet im Zelt ein Feuer, um ihre Lieben ein wenig zu wärmen. "Wir leben, schlafen, kochen, waschen in diesem Zelt", meint sie. "Es gibt kein härteres Leben als dieses hier." Ihr Sohn leide unter akuter Bronchitis. "Wir können uns keine Medikamente leisten, kein Essen, nichts."

Die Familie floh vor einem Jahr vor den Bomben der syrischen Luftwaffe aus ihrer Heimat Hama nach Idlib. Hier hofften sie auf Sicherheit. Aber das Leben wurde für sie zur Hölle. "Wir brauchen Seife, Tee, Windeln. Bitte bringt uns irgendetwas. Decken würden uns auch helfen. Wir haben keine Heizung!", ruft Schehan verzweifelt.

Furcht vor einer Invasion

So geht es vielen in Um Tweineh. Das Flüchtlingslager im Norden Idlibs versinkt im Matsch. 1500 Menschen flohen aus anderen Landesteilen Syriens vor Assads Truppen hierher - in der vagen Hoffnung auf Sicherheit und Geborgenheit für ihre Familien. Hilfsorganisationen kommen allerdings kaum durch.

"Wir haben unsere Tiere und Häuser zurückgelassen", sagt eine ältere Frau, die anonym bleiben will. "Wir sind nur mit den Klamotten hierhergekommen, die wir am Leib tragen. Wir tragen sie noch immer." Ein anderer Flüchtling ergänzt: "Wir fürchten uns vor allem: vor dem Wind, dem Regen, aber auch vor Schüssen, die irgendwo fallen könnten."

Schüsse, die Vorboten eines Krieges sein könnten.

Flüchtlingslager in Idlib | Bildquelle: Hechler ARD
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Die Flüchtlinge können ihre Zelte nur extrem notdürftig instand halten.

Assad will die letzte Rebellenhochburg zurückerobern

Idlib ist wieder ins Fadenkreuz der Großmächte geraten. In der letzten Rebellenhochburg Syriens leben drei Millionen Menschen auf engstem Raum. Jeder zweite hier ist ein Flüchtling.

Assad würde die Provinz lieber heute als morgen zurückerobern. So wie andere Landesteile schon zuvor. Der Preis dafür allerdings dürfte Zerstörung, millionenfaches Leid und Tod sein. Die Türkei fürchtet zudem eine neue Flüchtlingswelle.

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan will das vor den Regionalwahlen im März unbedingt verhindern. Mit Assads wichtigstem Verbündeten, dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, verständigte er sich im September auf einen Waffenstillstand für die Provinz. Radikalislamische Gruppierungen wie die HTS sollten sich mitsamt schweren Waffen aus einer Pufferzone zurückziehen.

Dschihadisten übernehmen die Macht

Das Gegenteil ist eingetreten: Die HTS schlug Anfang Januar moderatere Milizen vernichtend und kontrolliert nun die gesamte Provinz. Unter den Augen Russlands und der Türkei ist nun ein Kleinstaat auf Basis der Scharia entstanden. Hunderte Oppositionelle sollen inhaftiert worden sein.

Dennoch fürchten viele in Idlib eine Invasion mehr als die Islamisten. Der Idliber Amr Tamaa beispielsweise glaubt, dass der Einmarsch syrischer Truppen nur noch eine Frage der Zeit sei: "Uns bleibt nichts anderes übrig, als uns zu verteidigen. Der Krieg kommt sowieso."

Flüchtlingslager in Idlib | Bildquelle: Hechler ARD
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Zwei der drei Millionen Bewohner Idlibs sind Flüchtlinge.

Deutschland stoppt Entwicklungshilfe

Nach der Machtübernahme der HTS stellten westliche Länder wie Deutschland ihre Finanzhilfen für die Provinz ein. Das traf auch Kliniken, Schulen, Bauernhöfe hart.

Idlibs Ministerpräsident Fawas Alhilal kritisiert das im ARD-Interview scharf. Er steht der HTS nahe. Sanktionen würden die Falschen treffen und eine neue Flüchtlingswelle auslösen, meint er: "Je größer das Leid der Bürger, die Lebensmittelknappheit, desto mehr werden ins Ausland fliehen. Menschen werden immer Sicherheit suchen, Orte, an denen es Brot gibt."

Für viele geht es ums Überleben

Tatsächlich sind laut UN-Angaben 1,6 Millionen Menschen in Idlib auf Lebensmittelhilfe angewiesen. Für viele geht es schon jetzt ums Überleben.

Die allermeisten sind Zivilisten, keine Terroristen, viele Kinder und Senioren. "Ich habe nichts", sagt eine ältere Frau im Flüchtlingslager Um Tweineh völlig verzweifelt. "Keine Decke, kein Essen." Ihre Familie sei von syrischen Truppen getötet worden, erzählt sie. Von ihrem alten Leben sei ihr so gut wie nichts geblieben: "Wenn sie jetzt nach Idlib kommen, ziehe ich meine Kleider aus und laufe ins offene Meer."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 30. Januar 2019 um 22:15 Uhr.

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