Menschen sitzen in einem Hongkonger Restaurant und essen. | Bildquelle: REUTERS

Hongkong Wenn essen gehen politisch wird

Stand: 03.12.2019 09:46 Uhr

Hongkong ist zunehmend gespalten. Selbst Restaurants werden mittlerweile den politischen Lagern zugeordnet. Einige profitieren davon - andere fühlen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt.

Von Ruth Kirchner, RBB, zzt. Hongkong

Es ist Mittagszeit in Causeway Bay. In den Cafés und Restaurants im Zentrum ist die Hölle los. Vor einer Filiale der "Lung Mun"-Kette warten massenhaft Gäste auf einen freien Tisch. Im Fenster hängt ein Plakat mit dem Slogan der Demokratiebewegung: "Stand with Hongkong" - Haltet zu Hongkong.

Geteilt in "blau" und "gelb"

"Wir haben, was die Proteste angeht, die gleiche Meinung und treten für die gleichen Werte ein wie der Besitzer von Lung Mun", sagt eine junge Angestellte einer Baufirma. "Daher wollen wir ihn unterstützen." Essen gehen gilt als politisches Statement. Ein halbes Dutzend Apps und Facebook-Gruppen zeigen, welches Restaurant für die Protestbewegung ist und wer eher zur Regierung hält.

Die Hongkonger Farbenlehre teilt die Stadt in "gelb" und "blau". "Gelb" steht für das demokratische Lager, "blau" für das regierungsfreundliche. Sie sei zum ersten Mal bei "Lung Mun", sagt eine Studentin. Mithilfe der Apps habe sie auch schon andere Restaurants ausprobiert, die die Protestbewegung unterstützen.

Aktivisten randalieren in einem Restaurant der Kette "Yoshinoya" | Bildquelle: MIGUEL CANDELA/EPA-EFE/REX
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Regierungsfreundliche Restaurants müssen nicht nur mit Boykott rechnen. Am Wochenende randalierten Aktivisten in einer Filiale der Kette "Yoshinoya".

Die Besitzer werden nicht gefragt

Doch wer legt die Farben fest? Nutzerkommentare spielen eine große Rolle, manchmal gibt es Abstimmungen. Das birgt Risiken: Schnell hat ein Restaurant seine Farbe weg - wird selbst aber nicht gefragt. Passiert ist das der "Gia Trattoria Italiana", einem Restaurant unweit des Hafens.

Der italienische Besitzer, seit Jahren in Hongkong, hatte einen Facebook-Post geteilt - eine Liste von Ländern, in denen es Vermummungsverbote gibt. Manche hatten das als Zustimmung zu Hongkongs zeitweiligem Vermummungsverbot interpretiert. Die Folge: die "Gia Trattoria" galt fortan als "blau" - also regierungsfreundlich.

Marketing-Managerin Jessica Ying ist sauer. "Das wichtigste wäre doch, dass die Betreiber dieser Apps und Listen erstmal die Fakten checken, woher die Informationen kommen, aus welchen Quellen, ob die zuverlässig sind", sagt sie. "Denn wir haben ja kein Mitspracherecht, welche Farbe wir zugeteilt bekommen."

Die "Gia Trattoria" hat sich gegen das blaue Label gewehrt - per Online-Statement. Die Farbe auf der Restaurant-Liste wurde schließlich in "grün" umgewandelt - das heißt politisch neutral.

Eine verwüstete "Starbucks"-Filiale nahe der Polytechnischen Universität in Hongkong. | Bildquelle: BING GUAN/EPA-EFE/REX
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Auch "Starbucks"-Filialen gelten als Ziel von Angriffen.

Angst vor Vandalismus

Ob der Streit dem Restaurant geschadet hat, kann Ying nicht sagen - Angst von radikalen Aktivisten heimgesucht zu werden, haben "blaue" Restaurants und Geschäfte aber durchaus. Erst am vergangenen Wochenende verwüsteten Aktivisten eine Filiale der japanischen Schnellimbiss-Kette "Yoshinoya", die als regierungsfreundlich gilt. Auch "Starbucks"-Filialen wurde unlängst attackiert - aus dem gleichen Grund.

Mit Gewalt und Vandalismus wollen die App-Entwickler nichts zu tun haben. Doch diese junge Frau vor dem "Lung Mun"-Café räumt ein, dass sie um vermeintlich regierungsfreundliche Restaurants einen Bogen macht. "Wenn man in solche Restaurants geht, ist man doch vermutlich abgestoßen oder sauer und würde sie schon von daher meiden."

Auf manchen Protestveranstaltungen wird offen dafür geworben, "gelbe" Unternehmen zu unterstützen. Doch ob "blau" oder "gelb" - letztlich machen die monatelangen Proteste allen Gastronomen zu schaffen. Denn die Touristenzahlen sind massiv eingebrochen, die Umsätze in der Gastronomie zurückgegangen. Ob das nur "blaue" oder auch "gelbe" Restaurants betrifft, lässt sich nicht sagen. Zumindest die Statistik Hongkongs ist bislang nicht nach Farben aufgeteilt.

Hongkong: Wenn sogar essen gehen politisch wird
Ruth Kirchner, RBB, zzt. Hongkong
03.12.2019 09:07 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. Dezember 2019 um 07:16 Uhr.

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Ruth Kirchner, RBB

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