Aktivist Joshua Wong nach seiner Freilassung in Hongkong | Bildquelle: ROMAN PILIPEY/EPA-EFE/REX

Proteste in Hongkong Die Regierungschefin und ihr Gegenspieler

Stand: 19.06.2019 09:04 Uhr

Die Proteste in Hongkong reißen nicht ab - trotz Entschuldigung von Regierungschefin Lam. Für ein Erstarken der Proteste könnte auch die Freilassung eines jungen, aber altbekannten Aktivisten sorgen.

Von Axel Dorloff, ARD-Studio Peking

Bunt sieht es aus vor dem Parlamentsgebäude auf Hongkong Island. Hunderte Protestzettel hängen am Gitterzaun, in Gelb, in Rosa, in Grün. Darauf Forderungen wie "Hongkong, nicht China" oder "Freiheit für unsere junge Generation". Eine etwa 30-köpfige Baptistengemeinde zieht vorbei, mit Plakaten gegen das umstrittene Auslieferungsgesetz.

Drinnen steht Regierungschefin Carrie Lam am Rednerpult, hinter ihr die Hongkong-Flagge, weiße Orchideen-Blüte auf rotem Grund. Lams erster öffentlicher Auftritt seit dem Millionen-Protestmarsch am Sonntag. "Die Unruhen der vergangenen Monate sind durch Defizite in unserer Regierungsarbeit und dem Umgang mit dem Gesetzesvorhaben entstanden. Ich trage dafür die Hauptverantwortung. Das hat zu Kontroversen, Konflikten und Ängsten geführt. Dafür möchte ich mich bei den Bürgerinnen und Bürgern von Hongkong aufrichtig entschuldigen."

Hongkongs Regierungschefin Carrie Lam | Bildquelle: AP
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Hongkongs Regierungschefin Carrie Lam steht wegen der anhaltenden Proteste unter Druck.

Der Gegenspieler der Regierungschefin

Es ist ihre größte politische Krise, seit Lam ihr Amt vor zwei Jahren angetreten hat. Den Amtseid hatte ihr damals Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping abgenommen. Vor und nach der Wahl kam es wegen Lams Nähe zur Pekinger Zentralregierung zu Protesten in Hongkong.

Angeführt wurden sie auch damals von Demokratieaktivist Joshua Wong. Der war schon 2014, als 17-jähriger Schüler, das Gesicht der so genannten Regenschirmproteste und hatte Hunderttausende für den Protest gegen den wachsenden Einfluss Chinas und für mehr Demokratie mobilisiert. Am Montag, einen Tag nach dem Millionenmarsch von Hongkong, wurde er aus der Haft entlassen. Noch vor dem Gefängnistor die ersten Botschaften: "Zwanzig Aktivisten sind noch immer im Gefängnis. Ich bin glücklich, dass ich heute entlassen wurde. Ich hoffe, dass es in Zukunft keine politischen Gefangenen in Hongkong mehr gibt. Hongkong sollte ein Ort der Freiheit, Demokratie und Menschenrechte sein."

Der Hongkonger Demokratieaktivist Joshua Wong | Bildquelle: AFP
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Joshua Wong ist schon länger einer der führenden Köpfe der Proteste.

Rücktritt kommt für Lam nicht in Frage

Eine der Kernforderungen der Proteste in Hongkong bleibt der Rücktritt der Regierungschefin. Aber die will nicht. Lam arbeitet seit fast 40 Jahren im Staatsdienst, hatte mehr als 20 verschiedene Posten inne. Und machte gestern nochmal klar: Ein Rücktritt kommt für sie derzeit nicht in Frage.

Lam wirkt dabei bestimmt, und gibt sich zugleich selbstkritisch und demütig. "Ich habe durch diesen Vorfall realisiert, dass ich mehr tun muss. Ich habe in meinen öffentlichen Ämtern keine Mühen gescheut, aber ich habe erkannt, dass ich als Regierungschefin noch viel lernen und Interessen besser ausbalancieren muss. Und auch noch mehr zuhören, um unsere Gesellschaft nach vorne zu bringen."

Bescheidenheit und scharfe Rhetorik

Aber die jungen Leute wollen weiter protestieren - auch gegen Lam. Und jetzt mit Joshua Wong. Seine Freilassung könnte die Protestbewegung verändern, bislang gibt es keine klaren Führungspersönlichkeiten. Wong kombiniert bescheidenes Auftreten mit scharfer Rhetorik. "Ich werde der Protestbewegung gegen das Auslieferungsgesetz beitreten. Wir werden uns jetzt besprechen und dann entscheiden, was die nächsten Schritte sind. Aber egal was passiert, ich werde jetzt mitmachen. Die Menschen in Hongkong werden nicht verstummen. Auch nicht unter der Unterdrückung von Präsident Xi und Regierungschefin Lam. Carrie Lam muss abtreten!"

Es sind die größten Proteste in Hongkong, seitdem Großbritannien seine einstige Kronkolonie 1997 offiziell an China übergeben hat. "Wir haben den Kampf noch nicht gewonnen, bleibt dabei!", heißt ein Protestaufruf für diesen Donnerstag, der in Hongkong gerade die Runde macht.

Die Zukunft von Hongkong: Carrie Lam vs. Joshua Wong
Axel Dorloff, ARD Peking, zzt. Hongkong
19.06.2019 08:50 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 18. Juni 2019 um 14:13 Uhr.

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