Straße mit Trümmern in Port-au-Prince | REUTERS

Zehn Jahre nach dem Beben Haiti am Abgrund

Stand: 12.01.2020 04:13 Uhr

Haiti hat sich bis heute nicht von den Folgen des verheerenden Erdbebens vom 12. Januar 2010 erholt. Heute steht das Land wieder am Abgrund: Es herrschen Korruption, Chaos und Hoffnungslosigkeit.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko

12. Januar 2010: Menschen irren ziellos durch den Trümmerhaufen Port-au-Prince. Ihre Gesichter sind staubbedeckt, grau, die Augen vor Entsetzen weit aufgerissen. Etwa eine Minute hat die Erde kurz vor Einbruch der Dunkelheit gebebt. Genug, um Schulen, Universitäten, Krankenhäuser und sogar den Präsidentenpalast zum Einsturz zu bringen. Das ärmste Land der westlichen Hemisphäre kann sich in dieser Katastrophe nicht selber helfen.

Anne-Katrin Mellmann ARD-Studio Mexiko City

Helfer brauchten Tage ins Katastrophengebiet

"Wir brauchen dringend Hilfe. Unsere Leute sterben an ihren Verletzungen. Alles, was wir brauchen, ist Hilfe", klagt eine Frau. Aber weil die ohnehin schwache Infrastruktur der Hauptstadt Port-au-Prince komplett zerstört ist, vergehen Tage, bis sich ausländische Helfer überhaupt ihren Weg bahnen können. Es riecht nach Tod, die Verzweiflung der Überlebenden ist unermesslich.

Der damalige ARD-Korrespondent Michael Castritius erreichte Port-au-Prince drei Tage nach dem Beben: "Ich kam in eine apokalyptische Stadt", erzählt er. "Ich habe mich gefragt: Wie kann so eine Katastrophe, in der sich das Land ja schon immer befunden hatte, wie kann die noch so gesteigert werden? Das war unvorstellbar. Und es war unvorstellbar, dass die Menschen trotzdem weiterleben konnten."

Es habe keine Massenflucht aus der Stadt eingesetzt, sagt Castritius: "Sie haben apathisch verharrt, gehofft auf Hilfe. Ich war in Lagern, wo die Obdachlosen auf Hilfe warteten, in ewig langen Schlangen, nur um ein paar Liter Wasser zu kriegen, in der prallen Sonne. Ich habe in Schulen gesessen, wo die Dächer eingestürzt und Dutzende Lehrer und Kinder ums Leben gekommen waren - all das haben die Menschen ertragen. Für mich war es fast unerträglich."

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Erdbeben

Chance nicht genutzt

Etwa 300.000 Menschen waren nach Regierungsangaben ums Leben gekommen, 1,5 Millionen obdachlos. Allein in Port-au-Prince stapelten sich 24 Millionen Kubikmeter Trümmer. Die ganze Welt wollte Haiti helfen und versprach mehr als elf Milliarden US-Dollar. Die Krise als Chance - endlich sollte das kleine Land seine Probleme im strukturierten Wiederaufbau lösen, Armut, Gewalt und Chaos hinter sich lassen.

Aber die Hilfe war schlecht koordiniert und viele Zusagen wurden nie eingelöst. Wenigstens die Spenden von Privatleuten aber seien durch die Nichtregierungsorganisationen bei der Bevölkerung angekommen, erklärt Dirk Günther von der Welthungerhilfe in Haiti: "Die Erfolge waren sicherlich in der ersten Soforthilfe. Haiti war in den ersten sechs Monaten nicht in der Lage, wesentliche Beiträge selbst zu leisten für die betroffene Bevölkerung. Das heißt: Die ersten sechs Monate sind Lebensmittel gekommen, Trinkwasser sichergestellt worden, einfache Unterkünfte, Zelte und so weiter. "

Nur wenige Projekte funktionierten

Es gebe auch eine ganze Reihe von Dingen, bei denen er Wiederaufbau ganz gut funktioniert habe, sagt Günther - das Zentrum von Port-au-Prince gehört aber weniger dazu. "Da sehen wir heute immer noch riesige Bereiche, die in Trümmern liegen. Aber viele Projekte im Wohnungsbau durch Nichtregierungsorganisationen, aber auch bilateral, hat es gegeben und haben funktioniert."

Hilfe, die Venezuela schickte, wurde von Politikern veruntreut. Korruption ist auch ein Grund für das aktuelle Chaos in dem bitterarmen Land. Seit Monaten protestieren Haitianer gegen ihre Regierung. Am meisten leiden unter der andauernden Instabilität die fast zwei Drittel der Bevölkerung, die unterhalb der Armutsgrenze leben müssen. Erschwerend hinzu kommen Dürreperioden und Naturkatastrophen, denen das Land ungeschützt ausgeliefert ist. Hilfsorganisationen warnen bereits, dass der Hunger in nächster Zeit rapide zunehmen werde.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 12. Januar 2020 um 09:36 Uhr,