Fethullah Gülen

Der Prediger Fethullah Gülen Staatsfeind Nummer Eins

Stand: 23.03.2019 12:17 Uhr

Noch während der Putsch lief, machte die türkische Regierung den Prediger Gülen und seine Bewegung für den Umsturzversuch verantwortlich. Wofür steht der Prediger - und worauf geht der Konflikt mit der türkischen Regierung zurück?

Wer ist Fethullah Gülen?

Der am 27. April 1941 in der türkischen Provinz Erzurum geborene Gülen wirkte bis in die 1980er-Jahre hinein als Imam in verschiedenen türkischen Städten. Mit seinen Predigten und Büchern über den Islam, Bildungs- und Wissenschaftsfragen, soziale Gerechtigkeit und interreligiösen Dialog begeisterte Gülen viele Gläubige. Seit 1999 lebt der gesundheitlich angeschlagene Prediger auf einem abgeschirmten Anwesen in Pennsylvania und tritt nur noch selten in der Öffentlichkeit auf. Offiziell war er zur Behandlung in die USA gereist, in der Türkei drohte ihm zu diesem Zeitpunkt aber eine Anklage wegen staatsgefährdender Umtriebe.

Wofür steht Gülen?

Der Geistliche trat vor gut einem halben Jahrhundert mit einer Philosophie hervor, die eine eher mystische als orthodoxe Form des Islams vertritt und diese mit den Ideen von Demokratie, Bildung, Wissenschaft und Dialog zwischen den Religionen verband. Seine Forderung an die Muslime lautete stets, Schulen statt Moscheen zu bauen. Diese Entwicklung bezeichnete er mit dem Wort "Hizmet", was sich mit "Dienst an Gott" übersetzen lässt. Hizmet ist auch der offizielle Name der Gruppe. Mit der strikten Trennung zwischen Religion und Staat, die der türkische Staatsgründer Kemal Atatürk seinem Land verordnete, hat Gülen keine grundlegenden Schwierigkeiten.

Anhänger Gülens gründeten an die 1000 Schulen in mehr als 100 Ländern. In der Türkei entstanden Universitäten, Krankenhäuser, Wohltätigkeitsorganisationen und ein großes Medienimperium der Gülen-Bewegung. Auch in Köln, Stuttgart, Mannheim und Berlin findet man Schulen von Hizmet. Insgesamt waren es 2014 es 25 solcher Schulen und etwa 300 Nachhilfe-Vereine. Kritiker fürchten, dass von den Einrichtungen eine starke Islamisierung ausgehe. In den USA ermittelte das FBI wegen finanziellem Missmanagement und Visabetrugs gegen einige Schulen.

Wie kam es zum Konflikt mit Erdogan?

Ursprünglich gab es enge Beziehungen zwischen Hizmet und der konservativ-islamische AKP von Premierminister Recep Tayyip Erdogan. Das zunehmend autoritäre Gebaren des türkischen Ministerpräsidenten jedoch sorgte für Risse in der Freundschaft. Zum endgültigen Zerwürfnis kam es 2013, als die Behörden unter dem Vorwurf der Korruption Dutzende Personen aus dem engeren Umfeld der Regierung festnehmen ließ und zugleich immer schärfere Beschuldigungen gegen die Gülen-Bewegung erhob.

Was wirft die Regierung der Gülen-Bewegung vor?

Seit dem Bruch wirft Erdogan der Gülen-Bewegung vor, Parallelstrukturen im Staat errichten zu wollen und seinen Sturz zu betreiben. Die Regierung geht massiv gegen mutmaßliche Gülen-Anhänger vor, die sie vor allem bei der Polizei und in der Justiz vermutet. Tausende Polizisten, Staatsanwälte und Richter, die angeblich zur Gülen-Bewegung gehörten, wurden entlassen oder versetzt. Medienkonzerne, die Gülen zugerechnet werden, gerieten unter massiven Druck. Die Gülen-Bewegung wurde zu einer Terrororganisation erklärt, viele ihrer führende Köpfe stehen auf einer Liste der meistgesuchten Terroristen der Türkei. Gegen Gülen selbst wurden in der Türkei in Abwesenheit mehrere Prozesse geführt.

Proteste bei der Festnahme des "Zaman"-Chefredakteurs Dumanli
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2014 wurde der Chefredakteur der Zeitschrift "Zaman" festgenommen - sie soll der Gülen-Bewegung nahestehen.

Wie reagiert die Gülen-Bewegung auf die Putsch-Vorwürfe?

Gülen wies die Vorwürfe, hinter dem Putsch zu stehen, umgehend zurück. Er habe in den vergangenen Jahrzehnten selbst mehrere Militärputsche in seinem Heimatland miterleben müssen, daher sei die Behauptung, er sei in den Staatsstreich verwickelt, "besonders beleidigend", erklärte der in den USA lebende Geistliche in der Nacht zum Samstag. "Ich weise solche Anschuldigungen kategorisch zurück", betonte Gülen. Er verurteile den Putschversuch "auf das Schärfste" und bete dafür, dass sich die Lage in der Türkei schnell und friedlich kläre.

Zudem spekulierte Gülen in einem Interview mit der "New York Times", es sei möglich, dass Erdogan selbst hinter dem Umsturzversuch stehe. Allerdings könne er keine "Anschuldigungen ohne Beweise" vorbringen.

Mit Material von Ulrich Pick, SWR

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