Ein Boot mit Geflüchteten nahe der Insel Samos im Scheinwerferlicht der griechischen Küstenwache. | AP

Griechenland Fahrlässige Flucht über die Ägäis?

Stand: 27.11.2020 03:59 Uhr

In Griechenland sorgt ein Todesfall für Aufsehen. Die Justiz ermittelt gegen einen Afghanen, weil sein Sohn auf der Flucht ertrank. Handelte er unverantwortlich - oder soll der Vorwurf abschrecken?

Von Ellen Trapp, ARD-Studio Athen

Nadir Ayoubi hat lange gezögert, die gefährliche Überfahrt von der türkischen Küste in Richtung Griechenland zu wagen. Der 25-jährige Afghane habe Angst um seinen sechsjährigen Sohn gehabt, sagt sein Anwalt Dimitris Choulis. Ayoubis Ängste waren berechtigt, weiß er heute. Sein Sohn hat die Überfahrt nicht überlebt.

Ellen Trapp ARD-Studio Rom

Ayoubi kann bis heute nicht begreifen, was passiert ist. Es geht ihm schlecht, mehrfach brach er zusammen, sein Umfeld ist besorgt. Des Griechischen ist er nicht mächtig, aber er weiß, dass gegen ihn ermittelt wird.

Gekentert in stürmischer See

In der Nacht des 8. November machte er sich mit seinem Sohn und 22 anderen Geflüchteten von der türkischen Küste auf Richtung Griechenland. Das Wetter war schlecht. Das Boot, mit dem sie unterwegs waren, habe dem Sturm und starken Seegang nicht mehr Stand gehalten, erzählt Ayoubis Anwalt.

Doch die Küstenwache anzurufen, ist derzeit für die Schutzsuchenden zu gefährlich, das hat sich schnell rumgesprochen. Denn die Griechen drängen die Schlauchboote zurück in die Türkei. Die Geflüchteten riefen die norwegische NGO "Aegean Boat Report" um Hilfe, kurz vor Mitternacht, erinnert sich Tommy Olsen, Gründer der Organisation. Er wiederum habe die Küstenwache informiert - doch die kam, nach allem, was die Geflüchteten erzählen, erst ungefähr 90 bis 120 Minuten später. Sie habe nicht geholfen, sagt Ayoubis Anwalt.

Die Behörden widersprechen

Die griechische Küstenwache wiederspricht diesen Vorwürfen. Schriftlich teilte sie dem ARD-Studio Athen mit, dass sie aufgrund ihrer aktiven Rolle beim Schutz der souveränen Rechte des Landes und beim "Abbau von Kreisläufen, die das Leben der Migranten gefährden", häufig systematisch und methodisch in den sozialen Netzwerken, von einigen Medien und NGOs angegriffen werde. "Die überwiegende Mehrheit der Veröffentlichungen basiert auf Berichten und unzuverlässigen oder unbestätigten Quellen, die nicht identifiziert werden können", heißt es weiter.

Das Boot kenterte vor Samos. Nadir Ayoubis Sohn stirbt in dieser Nacht, seine Leiche wird an die Küste der Insel gespült, wo er neben einer bewusstlosen Hochschwangeren gefunden wird. Der junge Vater selbst überlebt, man findet ihn am Morgen an einem anderen Abschnitt der Küste.

Ihm wird nun vorgeworfen, das Kindeswohl gefährdet zu haben, weil er seinen Sohn mit ins Schlauchboot zur Überfahrt nach Griechenland genommen habe. Es ist das erste Mal, dass die griechische Justiz ein solches Verfahren anstrengt.

Ayoubis Anwalt ist bestürzt und wirft der griechischen Küstenwache vor, die europäische Grenzschutzorganisation Frontex nicht informiert zu haben. "Frontex hat drei Schiffe im Hafen, kein Helikopter hob ab. Wir wissen es natürlich nicht sicher, aber wenn sie schnell losgeflogen wären, hätte das möglicherweise das Leben des Kindes gerettet." Und statt zu ermitteln, wie die Küstenwache in der Nacht des 8. November bei diesem Unglück reagiert habe, werde der Vater kriminalisiert. Dabei gebe es für das Fehlverhalten offizielle Dokumente.

Harter Kurs unter Mitsotakis

Zahlreiche Menschenrechtsorganisationen beobachten seit Sommer 2019, seitdem die konservative Regierung unter Ministerpräsident Mitsotakis die Amtsgeschäfte übernommen hat, einen harten Kurs in der Flüchtlingspolitik. Vassilis Kerassiotis, Anwalt und Direktor des Vereins HIAS Griechenland, sagt, ihn beunruhige "die Eskalation und Anwendung des Strafrechts". Er fragt, was geschehe, wenn dies kein Einzelfall bleibe und die Mehrheit der Flüchtlinge ähnlichen Anklagen ausgesetzt werde: "Dies wird ein praktisches Hindernis bei der Asylsuche darstellen und gegen die Genfer Flüchtlingskonvention verstoßen."

Auch Adriana Tidona fordert die EU auf, endlich zu handeln. Sie arbeitet für Amnesty International und beobachtet Gewalt an der Grenze, den Bau von geschlossenen Camps, die Kriminalisierung von Hilfsorganisationen und jetzt die Anklage gegen Ayoubi. Die griechische Regierung bemächtige sich vieler Mittel, um Menschen auf der Flucht nach Europa zu entmutigen, sagt sie.

Ayoubi ist jetzt in Europa, dem Ort, von dem er sich Frieden und Freiheit erhoffte. Er hat seinen Sohn verloren und wird als Krimineller bezeichnet. Ihm drohen bis zu zehn Jahre Gefängnis.