Migranten laufen durch das betonierte Flussbett des Rio Bravo an der Grenze zwischen Mexiko und den USA | Bildquelle: REUTERS

Maßnahmen gegen Flüchtlinge Gut für Trump, unlösbar für Mexiko

Stand: 21.06.2019 12:39 Uhr

Mexiko will Menschen die Flucht in die USA erschweren. US-Präsident Trump kann das als Erfolg verkaufen. Ändern wird es aber wenig, wie ein Blick in die Grenzstadt Ciudad Juárez zeigt.

Eine Reportage von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko

Unerträglich heiß brennt die Sonne in Ciudad Juárez. Die an El Paso, Texas, grenzende mexikanische Stadt liegt in der Wüste. Kaum vorstellbar, dass Migranten in der Hitze ausharren, auf den günstigen Moment wartend, bis die Border Patrol auf US-Seite nicht mehr zu sehen ist. Dann rennen sie durch Wüstensand und schwimmen durch das betonierte Flussbett des Rio Bravo um auf die andere Seite zu gelangen.

"Das tut weh"

Sie tun es, hundertfach, am Rande der mexikanischen Millionenstadt, wo die neue Mauer von US-Präsident Donald Trump endet. Tagtäglich beobachtet das der Prediger Jesús Tavizol. Er betreibt am Flussufer Suppenküche und Schutzraum für Migranten, in einem Gebäude, das in der baumlosen Kargheit blau strahlt. Der kleine Mann mit sonnengegerbter Haut sagt, in den 17 Jahren hier habe er noch nie gesehen, was sich jetzt abspiele:

"Mexikanische Soldaten patrouillieren seit Sonntag am Ufer des Río Bravo, setzen den neuen Plan um, Tag und Nacht. Ich habe miterlebt, wie sie ein Ehepaar mit einem vier- und einem 15-jährigen Sohn vom Grenzübertritt abgehalten haben. Den Soldaten ist nicht klar, wie tief die Enttäuschung ist, die sie verursachen. Die Menschen waren so niedergeschlagen, dass sie nicht einmal zu mir reinkommen und etwas essen wollten. Mexiko und die USA arbeiten jetzt Hand in Hand. Das tut weh, denn Mexiko hat Migration bislang immer zugelassen."

Jesús Tavizol | Bildquelle: Anne-Katrin Mellmann
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Jesús Tavizol, der Organisator einer Suppenküche, ist schon 17 Jahre in der Grenzstadt. Doch das, was sich derzeit abspiele, sei beispiellos, sagt er.

In Haftzentren - und sehr schnell wieder in Mexiko

Damit ist Schluss: Aus Angst vor Strafzöllen hat sich Mexiko Anfang Juni auf ein Abkommen mit der US-Regierung eingelassen, das Trumps Wiederwahl-Kampagne beflügeln soll. Nationalgardisten sollen die Grenzen Mexikos für Migranten, die aus Mittelamerika kommen, versiegeln. In Ciudad Juárez, vor der Tür von Jesús Tavizol, tun sie das, obwohl sich die andere Seite bereits selbst mit Mauern und Soldaten abschottet.

Der Prediger berichtet von Schleusern, die Migranten aus Habgier das Märchen vom Asyl in den USA erzählen. Wer aber illegal rüber geht, sich der Grenzpatrouille stellt oder von ihr geschnappt wird und dann um die Anerkennung als Flüchtling bittet, landet in einem der US-Haftzentren - und neuerdings sehr schnell wieder in Mexiko. 

"Das ist für Ciudad Juárez wie ein Erdbeben"

Das ist der zweite Teil des Abkommens und noch wichtiger als die bildstarken Truppenbewegungen an der Grenze: Mexiko hat sich bereit erklärt, Asylsuchende aufzunehmen, die hier die Antwort der US-Behörden abwarten sollen. Tavizol beschreibt die Situation so:

"Das ist für Ciudad Juárez wie ein Erdbeben. Für die Einwohner und für die Migranten wird es sehr schwierig. Sie stehen mit dem Rücken zur Wand. Wenn sie mit ihren Familien in Mexiko bleiben, haben sie keine Arbeit und kein Zuhause. Gehen sie in die USA, werden sie verhaftet. Gott möge ihnen helfen."

Hunderte kommen jetzt täglich aus US-Haftzentren nach Ciudad Juárez. Einige finden Unterschlupf in der Migrantenherberge der katholischen Kirche. Die platzt aber aus allen Nähten. Hier sind Mittelamerikaner untergebracht, die den Grenzübertritt noch vor sich haben, aus den USA abgeschobene Mexikaner und jetzt auch die Zurückgeschickten, die Asyl wollen.

Migranten laufen durch das betonierte Flussbett des Rio Bravo an der Grenze zwischen Mexiko und den USA | Bildquelle: AP
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Der Weg in die USA führt durch das betonierte Flussbett des Rio Bravo. Täglich versuchen es viele Menschen in der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Beleidigungen an der Tagesordnung

Soeben ist eine Gruppe verzweifelter Nicaraguanerinnen eingetroffen. Den vier Frauen, die ihre Namen lieber nicht sagen wollen, steht eine lange Wartezeit in Mexiko bevor. August, November und eine hat ihren Termin bei den US-Behörden sogar erst im Januar 2020. Die Frauen fühlen sich betrogen.

Nach einer Tausende Kilometer langen Odyssee, auf der Flucht aus ihrem Land, in dem ein brutaler Diktator herrscht, haben sie in Ciudad Juárez den Rio Bravo überquert und sich sofort der Grenzpatrouille gestellt, um politisches Asyl zu beantragen. Das war Mitte Mai. Bis sie heute nach Mexiko zurückgeschickt wurden, waren sie in einem Haftzentrum eingesperrt. Zwei Studentinnen erzählen, sie hätten die ganze Zeit geglaubt, ihr Asylgesuch werde wohlwollend bearbeitet:

"Es ist so ungerecht. Meine Mutter, meine Tante und mich haben sie wochenlang in dem Glauben gelassen, und jetzt sind wir wieder in Mexiko. Die Wärter haben uns schlecht behandelt. Zum Frühstück bekamen wir nur eine Tortilla mit Ei, das manchmal verdorben war, mittags einen winzigen, noch gefrorenen Salat und abends ein Brot mit fettiger Wurst. Davon kann niemand satt werden. Wir hatten immer Hunger und wenn wir die Wärter um mehr Essen baten, wurden sie wütend und sahen uns gleich böse an."

Nicaraguanerinnen ohne Schnürsenkel | Bildquelle: Anne-Katrin Mellmann
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Ihre Gesichter wollen sie nicht zeigen, ihre Schuhe schon: Ihnen seien in den USA sogar die Schnürsenkel abgenommen worden, erzählen die Frauen, die aus Nicaragua geflüchtet sind.

"Alles, was wir hätten, sei Müll, sagten sie"

Anschreien und Beleidigungen seien an der Tagesordnung gewesen, berichten die vier, die sich in dem Haftzentrum kennengelernt haben. Gekleidet in schlabbrigen T-Shirts aus Spenden stehen sie im Hof der Migrantenherberge, die Turnschuhe offen, weil ihnen die US-Behörden die Schnürsenkel abgenommen hatten:

"Sie haben uns alles weggenommen, auch meine Ohrringe und meine Kette. Alles, was wir hätten, sei Müll, sagten sie. Nur ein bisschen Kleidung zum Wechseln durften wir behalten. Dokumente habe ich versteckt, sonst hätten sie die auch weggeworfen. Wenn wir krank wurden, bekamen wir keine Medizin. Der Arzt sagte nur, wir sollten viel Wasser trinken."

Keine der Frauen kann sich vorstellen, wie ihr Leben weitergehen soll.

"Sie landen hier in einer sehr gefährlichen Stadt"

Dass Menschen, die in den USA Asyl suchen, nach Mexiko gebracht werden, verstoße gegen alle Regeln, meint Rocio Meléndez von der Nichtregierungsorganisation DHIA. Sie hat ein bescheidenes Büro in einer der neu eingerichteten Auffangstationen, An einem Klapptisch erklärt die junge Anwältin den Ratsuchenden, was sie bei ihrer ersten Anhörung zum Asylgesuch in den USA erwartet:

"Es ist eine Verletzung  ihrer Menschenrechte. Wer  um den Flüchtlingsstatus bittet, kann nicht einfach nach Mexiko geschickt werden. Sie landen hier in einer sehr gefährlichen Stadt, in der sie auf der Straße leben müssen. Die mexikanischen Behörden geben ihnen keine Unterkunft, keine Rechtsberatung, keine Arbeit. Die US-Behörden versichern ihnen, sie müssten sich keine Sorgen machen, dass sie hier Unterkunft, Beratung und Arbeit bekommen würden. Aber das ist eine Lüge."

Anwältin Rocio Meléndez | Bildquelle: Anne-Katrin Mellmann
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Anwältin Rocio Meléndez steht nur ein karger Raum zur Verfügung, um Flüchtlinge zu beraten.

Banden drohen, die Kinder zu ermorden

Das neue MPP - das "Migrantenschutzprogramm", wie es in den USA euphemistisch heißt, sei ein großer Betrug, meint die Anwältin. Die Mittelamerikaner und Kubaner hätten ohnehin kaum eine Chance auf Asyl. Texas akzeptiere vielleicht zehn Prozent, so gut die Gründe auch sein mögen. Vor Melendez' Tür wartet eine frisch aus einem US-Haftzentrum zurückgeschickte Frau aus Guatemala. In ihrer Heimat sei sie von Maras, den Jugendbanden erpresst worden, erzählt die Tortillabäckerin:

"Sie sagten, wenn du nicht zahlst, findest du den Kopf eines deiner Kinder bald in einer Plastiktüte. Ich könnte noch so viel weinen und schreien, zahlen müsste ich trotzdem."

"Für unsere Stadt ist das eine zusätzliche Last"

Die Guatemaltekin darf im September bei den US-Behörden vorsprechen. Solange hält sie sich und ihre drei Kinder mit Gelegenheitsjobs in der Grenzstadt über Wasser. Ciudad Juárez ist verrufen als besonders gewalttätig und gefährlich - als Stadt der Frauenmorde. Zwei Drogenkartelle kämpfen um Schmuggelrouten und das lukrative Geschäft mit dem illegalen Grenzübertritt.

Zehntausende schuften für Hungerlöhne in Billiglohnbetrieben. Sie sind die verlängerten Werkbank der USA. Das sind reichlich Probleme für Bürgermeister Armando Cabada. Jetzt soll er auch noch Mittelamerikaner beherbergen, die in den USA Asyl suchen. Er sagt:

"Das Problem ist sehr ernst und bereitet uns große Sorgen, weil es um Menschen geht, die viel Unterstützung brauchen: Schlafplatz, Essen, Schule für die Kinder - für unsere Stadt ist das eine zusätzliche Last. Wir versuchen, dafür Hilfe von Land und Bund zu bekommen."

Bürgermeister Armando Cabada | Bildquelle: Anne-Katrin Mellmann
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Bürgermeister Armando Cabada sagt, seine Stadt sei mit den Aufgaben überfordert. Er versucht, Hilfe von der mexikanischen Regierung zu bekommen.

"Keine Mauer, nichts wird sie davon abbringen"

Dass die US-Behörden jetzt massiv Asylsuchende nach Mexiko bringen können, wirkt wie der Versuch, Tatsachen zu schaffen: Schon seit längerem fordert die US-Regierung, dass sich Mexiko zum sicheren Drittland erklärt. Doch die Voraussetzungen wie Arbeit, Sicherheit, Schule und Gesundheitsversorgung kann das Schwellenland nicht erfüllen. Außerdem wolle kaum ein Migrant in Mexiko bleiben, ist sich Jesús Tavizol von der Anlaufstelle am Flussufer sicher:

"Was Trump denkt, interessiert die Menschen nicht - genauso wenig wie die Entscheidungen von US-amerikanischer und mexikanischer Regierung. Ihr Ziel sind die USA:  Keine Mauer, nichts wird sie davon abbringen. Sie haben ihren Traum und werden das Unmögliche möglich machen, um ihn zu erfüllen."

Suppenküche | Bildquelle: Anne-Katrin Mellmann
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In der Suppenküche von Jesús Tavizol reicht das Geld nur für das Nötigste. Denn Spenden kommen allenfalls von Privatleuten.

Regierung verspricht " humanere Migrationspolitik"

Während am Flussufer mexikanische Soldaten patrouillieren, um Mittelamerikaner vom illegalen Grenzübertritt abzuhalten, tischt der Koch der Suppenküche Spaghetti auf. Für mehr hat es heute nicht gereicht. Spenden gibt es nur von wenigen Privatleuten.

Die seit Dezember amtierende, vorgeblich linke Regierung, die eine humanere Migrationspolitik versprochen hatte, unterstützt keine der Herbergen der Stadt. Die abschreckende Wirkung der neuen Politik ist gewiss. Weniger Migranten werden die USA erreichen. Das ist gut für Donald Trump, aber ein unlösbares Problem für Mexiko.

Mexiko macht den Job für die USA
Anne-Katrin Mellmann, ARD Mexiko Stadt
21.06.2019 09:37 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 21. Juni 2019 um 02:19 Uhr und 04:19 Uhr.

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