Ex-Renault-Konzernchef Carlos Ghosn, Archivbild | Bildquelle: AFP

Ex-Renault-Chef Verwunderung über Ghosns Flucht aus Japan

Stand: 31.12.2019 15:41 Uhr

Die Nachricht von seiner heimlichen Ausreise hat in Japan für Überraschung gesorgt: Ex-Renault-Chef Ghosn irritierte die Behörden mit seiner Flucht in den Libanon. Kommende Woche will er über seinen Fall reden.

Von Martin Fritz, ARD-Studio Tokio

"Ich bin jetzt im Libanon und werde nicht mehr als Geisel des manipulierten japanischen Justizsystems festgehalten", teilte Carlos Ghosn über seine PR-Agentur mit. Er sei nicht vor der Justiz geflohen, erklärte der Ex-Renault-Chef weiter. Er habe sich von Ungerechtigkeit und politischer Verfolgung befreit. Ihm seien grundlegende Rechte verwehrt worden, nun könne er frei kommunizieren. Bereits nächste Woche werde er damit beginnen, kündigte Ghosn an.

Die Nachricht von seiner heimlichen Ausreise schlug in Japan wie eine Bombe ein. Sein Anwalt zeigte sich verblüfft, er habe vorher nichts gewusst. Die japanische Grenzbehörde teilte mit, sie habe keinen Nachweis für die Ausreise von Ghosn. Das Justizministerium gab sich kleinlaut. Über eine Auslieferung von Ghosn müsste man verhandeln, da es kein entsprechendes Abkommen mit dem Libanon gebe. Das hatte Ghosn sicher bedacht, als er sich für den Libanon als Zufluchtsort entschied. Er besitzt neben dem französischen und brasilianischen auch einen libanesischen Pass. Seine Frau Carole stammt von dort.

Ghosn vermutet eine Verschwörung

Japanische Bürger zeigten sich in einer Straßenumfrage ebenfalls überrascht: "Ich denke, er ist geflohen, weil er irgendetwas getan hat. Wer flieht, gewinnt. Ich beneide Leute, die Geld haben", sagte eine 47-jährige Japanerin. "Als normaler Bürger wünsche ich mir, dass Ghosn die Wahrheit in seinen eigenen Worten enthüllt", kommentierte ein 44-jähriger Japaner die Flucht. Die Antworten zeigen, wie sehr der Fall Ghosn die öffentliche Meinung in Japan spaltet.

Die Staatsanwaltschaft erhob in vier Punkten Anklage gegen den ehemaligen Chef von Nissan, Renault und Mitsubishi. Unter anderem soll er sein Gehalt nicht vollständig der Börse gemeldet, private Anlageverluste auf Nissan übertragen und Unternehmensgelder veruntreut haben.

Der Ex-Automanager wies alle Vorwürfe zurück. Er sei das Opfer einer Gruppe von Nissan-Managern, die eine Fusion mit dem Mutterkonzern Renault verhindern wollte, sagte er im April in einer Videobotschaft: "Es ist eine Verschwörung. Es hat nichts mit Gier oder einer Diktatur zu tun, es ist ein Komplott, ein Verrat. Und warum ist das passiert? Es gab eine Angst, dass die geplante Verschmelzung von Nissan mit Renault einige Leute bedroht oder schließlich die Autonomie von Nissan gefährdet."

Der japanische Anwalt von Ex-Renault-Konzernchef Carlos Ghosn spricht in Tokio zu Journalisten. | Bildquelle: REUTERS
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Ghosns Anwalt zeigte sich nach dessen Flucht aus Japan verblüfft - er habe vorher nichts gewusst.

Zwei Verfahren drohen im April 2020

129 Tage hatte Ghosn seit Mitte November 2018 in Einzelhaft gesessen, ohne einen Anwalt zu sehen. Danach kam er unter strengen Auflagen frei, wurde mit einer Videokamera vor dem Eingang zu seiner Unterkunft überwacht. Wenn er nach draußen ging, folgten ihm jedes Mal Autos und Motorräder - vermutlich die Polizei, die Staatsanwaltschaft und von Nissan beauftragte Privatdetektive. Nicht einmal seine Frau Carole durfte er treffen. Was die Frage aufwirft, wie er sich überhaupt unter diesen Umständen absetzen konnte.

Doch die japanische Justiz erzählt eine andere Geschichte: Ghosn habe Nissan vor 20 Jahren mit drastischen Kostensenkungen vor dem Untergang gerettet und sich danach zu einem Herrscher aufgeschwungen, der seine absolute Macht über den Autobauer zur Selbstbedienung benutzt habe. Deswegen sollte ihm ab April 2020 in zwei Verfahren der Prozess gemacht werden. Bis zu 15 Jahre Gefängnis waren als Strafe möglich. Daraus wird wohl jetzt nichts.

Was Japan von Ghosn übrig bleibt, ist seine Kautionszahlung vom April in Höhe von 1,5 Milliarden Yen, umgerechnet 12,3 Millionen Euro. Darauf verzichtete Ghosn jetzt im Tausch gegen seine Freiheit.

Tageszusammenfassung: Ghosn flieht von Japan in den Libanon
Martin Fritz, ARD Tokio
31.12.2019 15:21 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 31. Dezember 2019 um 12:00 Uhr.

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