Sportschützin Shyanne

Ein Jahr nach Parkland-Attentat Kleinkaliber im Kinderzimmer

Stand: 14.02.2019 04:54 Uhr

Auch nach dem Attentat an der Marjory Douglas High School in Parkland gehören für viele Eltern und deren Kinder Waffen immer noch zum Alltag.
Verena Bünten hat eine dieser Familien besucht.

Von Verena Bünten, ARD-Studio Washington

Shyannes Mädchenzimmer sieht auf den ersten Blick aus wie das einer normalen 14-Jährigen. Neben dem Make up-Spiegel sitzt ein rosa Plüschhase, bloß dass im Klamottenberg neben dem Kleid vom letzten Schulball auch eine lila schimmernde AR15 steckt. Das Schnellfeuergewehr ist die Lieblingswaffe vieler Amokschützen und kann 45 bis 60 Schuss pro Minute abgeben.

Die 14-jährige Shyanne ist erfolgreiche Sportschützin und trainiert mit ihrer AR15. Und sie wäre jederzeit bereit, sie auch zur Selbstverteidigung einzusetzen. Sie habe diese Waffe auch, um sich und ihre Familie zu schützen, sagt sie. An der Wand im Kinderzimmer lehnen in Stofftaschen noch 13 weitere Gewehre und Pistolen. Auch ihr erstes Kleinkalibergewehr in Pink ist dabei, mit dem sie das Schießen gelernt hat - mit fünf Jahren.

Schießtraining mit fünf Jahren

Wie Shyanne hat auch ihr neunjähriger Bruder Connor mit fünf Jahren mit dem Schießtraining angefangen. Ihr alleinerziender Vater Dan Roberts erzählt, er habe die Kinder auf seinem Schoß gehabt und sie mit seinem Kleinkalibergewehr schießen lassen, damit die Kinder sich an das Geräusch gewöhnen.

Schießendes Kind der Familie Roberts
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Connor bekam zu seinem fünften Geburtstag sein erstes Gewehr.

Beide Kinder sind seit Geburt eingetragene Mitglieder der Waffenlobby NRA. Wieviele Waffen er im Haus hat, verrät Dan nicht: "Zu viele, um sie zu zählen, weniger als ich gerne hätte", sagt der Waffenfan. In ihrer Heimat South Carolina müssen Waffen und Munition laut Gesetz nicht weggeschlossen werden. Auch deswegen ist Familie Roberts extra in den waffenfreundlichen Bundesstaat gezogen.

Nur mit geladener Waffe aus dem Haus

Vater Dan geht nur mit geladener Waffe aus dem Haus. Das Böse könne überall lauern, glaubt er. Sportschießen sei für sie ein Familienhobby, mit dem seine Kinder sich im Ernstfall auch alleine verteidigen könnten. Wenn man auf dem Land den Notruf wähle, brauche die Polizei durchschnittlich sieben bis neun Minuten, manchmal länger, sagt Dan. "Ich will mir nicht vorstellen, was einer mit bösen Absichten in sieben bis neun Minuten mit Kindern machen kann." Und was ist mit Unfällen durch Gewehre und Pistolen im Haus? Kein Risiko, meint Dan, so lange die Kinder gut trainiert und mit den Sicherheitsregeln vertraut sind. Ihm erscheint sein Alltag nicht durch, sondern ohne Waffen gefährlich.

Schießstand | Bildquelle: WDR
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Am Wochenende trainieren Familien mit ihren Kindern am Schießstand.

"Lasse mir Waffe nicht abnehmen"

Jedes Wochenende trainiert Familie Roberts unter Gleichgesinnten am Outdoor-Schießstand. Wenn die Kugeln auf die Metall-Zielscheiben treffen, hört es sich an wie eine Westernversion des Glockenspiels von Big Ben. Die Frage nach den Schüler-Aktivisten und ihrem Kampf für strengere Waffengesetze ringt den Schützen hier bestenfalls ein müdes Lächeln ab. "Ich werde mir meine Waffen nicht abnehmen lassen", sagt Dan und ignoriert, dass die jungen Aktivisten gar nicht das Recht auf Waffenbesitz in Frage stellen. Diese fordern ein Verbot von Schnellfeuergewehren wie der AR15, die in ihren Augen weder zur Selbstverteidigung noch zur Jagd benötigt werde.

Waffe in Hand eines ehrlichen Bürgers

Eine AR15 in der Hand eines ehrlichen Bürgers sei kein Problem, widerspricht Schütze Jeremy Bonanz. Und die Kriminellen würden ihre AR15 nie abgeben, so ein Verbot schade also nur den Gesetzestreuen.

Wie stehen sie zu einer weiteren Forderung nach strengerer Hintergrund-Überprüfung von Waffenkäufern, wie zum Beispiel von psychisch Kranken? Wer lege denn fest, wer psychisch krank sei?, kommt die Absage von Schütze Tom Byrum, der hier mit seiner siebenjährigen Tochter Sophia trainiert: "Was ich für normal halte, findet jemand anderes vielleicht schon verrückt."

Sophia beim Schießen
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Auch die siebenjährige Sophia wurde schon früh an die Waffe gewöhnt.

Waffen sind wichtig

Ein Schulamoklauf lasse sich nicht durch strengere Waffengesetze verhindern, wiederholt auch Shyanne. Sie würde sich sicherer fühlen, wenn die Lehrer in ihrer High School bewaffnet und trainiert seien, sagt sie. Und sie bringt die unterschiedlichen Teenagerwelten auf den Punkt: Die Parkland-Schüler seien eher mit Eltern aufgewachsen, die Waffen kritisch sehen würden. Sie glaube aber ihrem Vater, dass Waffen wichtig seien.

Die Waffe im Kinderzimmer: Zu Besuch bei einer NRA-Familie
Verena Bünten, ARD Washington
14.02.2019 10:22 Uhr

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Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 08. Februar 2019 um 07:43 Uhr. Am 13. Februar 2019 berichteten die tagesthemen um 22:30 Uhr.

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