Menschen mit gelben Westen demonstrieren in Paris | Bildquelle: dpa

Social-Media-Analyse Wer die Gelbwesten für seine Ziele nutzt

Stand: 14.02.2019 07:01 Uhr

Wer sind die Gelbwesten? Die Gruppe ist politisch schwer zu fassen. Eine Social-Media-Analyse zeigt, wer den Ton angibt und welche Rolle ausländische Akteure spielen.

Von Lena Kampf, Arne Hell und Jan Lukas Strozyk, WDR/NDR

Seit 13 Wochen demonstrieren die sogenannten Gelbwesten jeden Samstag auf Frankreichs Straßen. Ursprünglich ging es dabei um die Steuererhöhung für Diesel. Doch längst ist es zu einem Anti-Emmanuel-Macron-Protest geworden. Die Gelbwesten sind dabei politisch schwer einzuordnen. Sie sind kein monolithischer Block, wie Zusammenstöße zwischen extrem linken und extrem rechten Gelbwestlern am vergangenen Samstag in Lyon zeigten.

Wie heterogen die Dynamiken der Gelbwesten-Proteste auch im Internet sind, zeigt erstmals eine Social-Media-Analyse: Die Big-Data-Firma Alto Data Analytics hat rund zwölf Millionen auf Französisch verfasste Posts und Tweets zu den Gelbwesten-Protesten analysiert und kommt zu dem Ergebnis, dass sich fünf unterschiedliche Gruppen an der Debatte in Frankreich zu den Zielen der "Gilets Jaunes" beteiligen.

Macrons Unterstützer dringen kaum durch

Die Analyse zeigt, wie rechte Gruppen versuchten, die Debatte für ihre Zwecke zu übernehmen und mit Themen wie beispielsweise Zuwanderung zu verknüpfen. Gleichzeitig offenbart die digitale Diskussion, was auch in der politischen Realität deutlich wurde: Macron und dessen Unterstützer dringen kaum durch, ihr Einfluss ist im Vergleich zu deutlich kleineren Gruppen gering.

Die Nutzergruppen lassen sich unterteilen in die Kerngruppe der Gelbwesten-Protestler, deren Unterstützer, das Lager des französischen Präsidenten Macron, die extreme Rechte und Nachrichtenkanäle. Gut die Hälfte der analysierten Beiträge stammte demnach von den Unterstützern der Gelbwesten.

Demonstrant mit gelber Weste schwenkt in Paris die französische Flagge | Bildquelle: dpa
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Die Gelbwesten-Bewegung hat bisher versucht, sich von keiner Partei vereinnahmen zu lassen. Doch einzelne Parteien haben Einfluss auf die Debatten innerhalb der Bewegung.

Einzelne Parteien als Akteure etabliert

Auf der Straße hat die Bewegung bisher versucht, sich politisch nicht von etablierten Parteien vereinnahmen zu lassen. Die Analyse zeigt jedoch, dass es durchaus einigen politischen Parteien gelungen ist, sich als wichtiger Akteur in der Debatte zu etablieren: Die Wichtigste ist Marine LePens extrem rechte "Rassemblement National" (ehemals Front National), gefolgt von der eurokritschen Partei "Debout La France" und der linken "La France Insoumise". Letztere bezeichnen die Autorinnen und Autoren der Studie als "tief in der Gelbwesten-Bewegung verwurzelt".

Die Kerngruppe speist sich also aus der ebenfalls eurokritischen Parteineugründung links der Sozialisten um Jean-Luc Mélenchon, der auch bei den Präsidentschaftswahlen 2017 als Kandidat angetreten war. Zehn von Mélenchons Videobeiträgen finden sich auch unter den 50 einflussreichsten Videos zur Debatte auf Youtube wieder.

Accounts mit mehr als 700 Nachrichten pro Tag

Insgesamt zeigt sich, dass die Debatte um die Gelbwesten offenbar durchsetzt ist von automatisch postenden Accounts: Die Analyse zeigt, dass im Beobachtungszeitraum nur 0,05 Prozent der Nutzer für ein Achtel aller Beiträge verantwortlich waren. Zum Teil setzen einzelne Nutzer mehr als 700 Nachrichten an einem Tag ab. Einer dieser Bots hatten mehr als 26.000 Mal innerhalb von rund einem Monat getwittert. 

Diese mutmaßlich automatisch kontrollierten Hochfrequenz-Poster finden sich vor allem in der Gruppe der extremen Rechten, aber auch bei den Unterstützern der Gelbwesten. Etwa 520 Nutzer-Profile wurden nach Einschätzung von Alto Data Analytics eigens dafür erstellt (oder nach langer Pause reaktiviert), um in die Gelbwesten-Debatte einzugreifen.

Rechte versucht, Themen zu setzen

Betrachtet man die 50 einflussreichsten Nutzer gesondert, so zeigt sich, dass das Lager des französischen Präsidenten Macron in der Debatte kaum durchdringen konnte. Nur vier dieser Nutzer zählen zu dessen Unterstützerkreis. Am präsentesten sind unter diesen Nutzern die Rechten gewesen, etwa die Sympathisanten des Rassemblement National.

Anhand der Auswertung lässt sich nachvollziehen, wie die Gruppe der extrem rechten Nutzer versuchte, die Gelbwesten-Proteste mit dem Widerstand gegen das UN-Flüchtlingsabkommen zu verknüpfen. Einer von drei Nutzern dieser Gruppe äußerte sich plötzlich zu dem Abkommen, während das Thema in den übrigen Nutzergruppen kaum zur Debatte stand.

Frankreichs Präsident hat das Kabinett umgebildet. | Bildquelle: Julien de Rosa/EPA-EFE/REX/Shutt
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Die Unterstützer von Präsident Macron haben wenig Einfluss auf die Debatten der Gelbwesten, wie Analysen zeigen.

Um sich zu organisieren und zu koordinieren, nutzen die Gelbwesten laut der Studie vor allem Facebook, insbesondere durch die Erstellung und das Teilen von sogenannten Events. Deutlich weniger wurde der Kanal Telegram genutzt, auf dieses Netzwerk stützte sich vor allem das Macron-Lager innerhalb der Bewegung.

Russia Today vergleichsweise erfolgreich

Die Analyse zeigt auch, dass ein signifikanter Teil der Debattenbeiträge gar nicht aus Frankreich heraus abgesetzt wurde. Rund 14 Prozent der Posts kommen aus den USA, Belgien, Spanien und anderen Ländern. Unter den ausländischen Medien war vor allem Russia Today (RT) erfolgreich, die Links der RT-Kanäle wurden allerdings fast ausschließlich in der Gruppe der rechten Protestler geteilt. Einige der ausländischen einflussreichen Accounts hat Twitter mittlerweile gesperrt - mutmaßlich, weil es sich nach Ansicht des Unternehmens um sogenannte Bots handelte.

Alto Data Analytics ist eine Big-Data-Analyse-Firma aus Spanien. NDR und WDR haben die Studie gemeinsam mit anderen Partnermedien vorab auswerten können und einen Einblick in die Rohdaten erhalten. Alto Data Analytics wertete für die Untersuchung Nachrichten auf Twitter, Facebook und anderen Kanälen in einem Zeitraum von rund fünf Wochen zwischen Mitte November und Mitte Dezember aus.

Insgesamt flossen 11,5 Millionen französischsprachige Beiträge von 1,05 Millionen einzelnen Nutzern in die Auswertung ein. Naturgemäß bildet die Auswertung nur einen Teil der Debatte ab: Geschlossene Facebook-Gruppen oder andere nicht-öffentliche Quellen wertete die Firma nicht aus.

Taktik des geschickten Kombinierens von Hashtags

Die Forscherin Julia Ebner vom Institute of Strategic Dialogue in London bewertet die Ergebnisse der Studie gegenüber WDR und NDR und erkennt Muster: "Eine sehr verbreitete Taktik ist das Kombinieren von Hashtags ihrer Themen, also Themen des rechten Spektrums, vor allem was Migrationsthemen betrifft, mit den Themen und Hashtags der Gelbwesten. Und so kommen sie wirklich auch an das Publikum ran, an das sie sich richten wollen."

Sie sieht dabei eine Gefahr für die Gelbwesten: "Zum Einen verfälscht das das Meinungsbild über die Protestbewegung, weil es das Bild erzeugt, dass vor allem extrem rechte Aktivisten beteiligt sind, was eigentlich nicht besonders repräsentativ ist für die Gesamtbewegung. Zum anderen bedeutet es aber, dass auch die Mitglieder der Protestbewegung sich nach und nach radikalisieren könnten."

Social-Media-Analyse zu Gelbwesten
Arne Hell, WDR Köln
14.02.2019 11:29 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 14. Februar 2019 um 11:50 Uhr.

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Arne Hell, WDR

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Jan Strozyk, NDR | Bildquelle: NDR/Christian Spielmann Logo NDR

Jan Lukas Strozyk, NDR

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