Die Kurdinnen aus Amuda freuen sich über den Meisterpokal im Frauenfußball. | Bildquelle: AFP

Frauenfußball in Nordsyrien Meisterklasse im Kriegsgebiet

Stand: 14.03.2020 17:55 Uhr

Die Kurdinnen aus Amuda sind die Frauenfußball-Champions in Syrien. Im Januar gewannen sie den Meistertitel. Damit haben sie viel erreicht. Doch sie möchten mehr - vor allem Frieden und eine Zukunft.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Noch einmal feiern sie ihren großen Sieg - diesmal als Zuschauerinnen. Die Meisterinnen im syrischen Frauenfußball haben sich zum Fernsehabend getroffen, schwelgen in Erinnerungen, sind stolz auf sich selbst und ihren Pokal. Ende Januar bezwangen die Kurdinnen aus Amuda die Frauen von Jaramana im Finale 3:0.

Bei ihrer Heimkehr wurden sie überschwänglich gefeiert. Menschen tanzten in den Straßen der Kleinstadt im Nordosten Syriens. Endlich bekamen sie die Anerkennung, für die sie so lange gekämpft hatten.

Fußballerinnen des Vereins aus dem kurdischen Amuda | Bildquelle: AFP
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Hartes Training ging dem Sieg voraus. Manche Familien mussten erst überzeugt werden, um die Spielerinnen bei ihrem Sport zu unterstützen.

Skepsis und Zuspruch bei Familie und Freunden

Hils Haji entdeckte ihre Leidenschaft zum Fußball schon mit sechs Jahren. Die Begeisterung bei ihren Eltern allerdings hielt sich Grenzen. "Meine Familie fand die Idee am Anfang abwegig. Sie war so besorgt wegen möglicher Verletzungen", erzählt die 17-Jährige. Die Kurdin zog dennoch durch, holte schon in der Schule reihenweise Medaillen. Schließlich gewann sie auch die Fußballmeisterschaft der Schule. Später spielte sie in lokalen Clubs.

Irgendwann waren auch ihre Eltern überzeugt. "Wir hatten Angst, dass sie sich verletzen oder Knochen brechen könnte. Sie ist ja schließlich ein Mädchen", sagt Mutter Amina Muhammed, "dann aber haben wir angefangen, sie zu unterstützen und zu ermutigen."

Einer war auf ihrem Weg zur Profispielerin stets an ihrer Seite, bis zuletzt: ihr Freund Diyar. In der Schlacht um Deir Essor im Osten Syriens kam er ums Leben. Sein Tod Ende 2017 war ein herber Schlag für Hils. "Er wurde vom 'Islamischen Staat' gefangen genommen und dann umgebracht", erzählt sie. Bis heute besucht sie oft sein Grab, legt dort Bilder und Blumen nieder, trägt stets ein Foto von ihm bei sich. "Ich war lange tieftraurig. Aber ich bin auch stolz auf ihn. Er hat gegen Terroristen gekämpft."

Flucht und Leid nach Erdogans Einmarsch

Tausende kurdische Kämpfer haben ihr Leben gelassen im Kampf gegen den IS. Erfolgreich haben sie die Terrormiliz zurückgedrängt, auch mit Unterstützung der USA. Die fehlte, als der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan im vergangenen Oktober eine Militäroffensive gegen die Kurden startete. Deren Autonomie vor seiner Haustür ist ihm ein Dorn im Auge. Ihre Miliz betrachtet er als Terroristen.

Erdogan ließ einen Streifen von 120 Kilometern besetzen. Die USA und der Westen schauten zu. Hunderttausende Menschen mussten fliehen. Auch die Familie von Soline Gandhi Omar. Die 18-jährige Rechtsaußen-Spielerin fährt jeden Tag vom Club in Amuda in ihr Heimatdorf entlang der Grenze zur Türkei.

Bittere Erinnerungen kommen hoch. Auch ihre Familie geriet unter Beschuss. Für die 18-Jährige sind es Tage von Angst und Wut. "Wir mussten fliehen. Bomben schlugen in der Nähe des Dorfs ein", erinnert sie sich. "Unser Vater ist mit allen anderen Männern zurückgekehrt, um das Dorf zu verteidigen. Wir wollten es nicht aufgegeben." Schließlich sei es ihr Boden und niemand anderes habe daran Rechte.

"Jetzt haben Frauen Rechte und sollten sie nutzen"

Das Selbstbewusstsein hat sie von Mutter Fahima. Auch sie liebt Fußball. Vor drei Jahren haben sie auf dem Bolzplatz des Dorfes zum ersten Mal gekickt. Auch ihre Schwester Lana war dabei. Es war der Beginn einer Leidenschaft - sehr zum Argwohn vieler Nachbarn.

Anders als in vielen anderen arabischen Ländern sind Frauen im Kurdengebiet den Männern mittlerweile gleichgestellt. Sie kämpfen an der Front, gehen in die Politik. Frauenfußball aber blieb viele Jahre ein Tabu. Fahima ließ sich davon nicht beirren und gründete ein Frauen-Team im Dorf. "Über Jahrzehnte hatten wir als Frauen keine Rechte. Jetzt haben wir sie und sollten davon Gebrauch machen", sagt sie aus tiefer Überzeugung.

Solidarität zählt viel

Neun Jahre Krieg, Trauer, Leid, Entbehrung haben die Kurden zusammengeschweißt. Erst haben sie Assad abgeschüttelt, dann gegen den "Islamischen Staat" gekämpft, schließlich gegen die Türkei. Solidarität zählt viel. Gerade denen gegenüber, die ihre Heimat verloren haben, als Erdogans Truppen vorrückten.

Viele leben nun in Flüchtlingslagern. Hils und Soline bringen den Kids im Camp ein paar Spielsachen und Fußbälle vorbei und kicken mit ihnen. Momente der Freude in einem tristen Alltag.

Vage Hoffnung auf Frieden

Ihre Heimat zu verlassen, kam für Soline nie in Frage, obwohl sie die Chance dazu hatte. Ihr Vater arbeitete in Dubai, hätte sie mit der Familie dorthin holen können. Sie aber wollten bleiben, trotz allem: "Seit neun Jahren läuft dieser Krieg jetzt schon. Ich hoffe, er geht bald zu Ende. Erst dann können wir uns hier auch etwas aufbauen." Optimismus in schwierigen Zeiten. Eines eint sie alle: Der feste Wille, sich nicht klein kriegen zu lassen - im Team von Amuda wie auch im ganzen Kurdengebiet.  

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