France Telecom Manager | Bildquelle: AFP

Nach Suizid-Serie in Frankreich Ein Urteil gegen "toxische Methoden"

Stand: 20.12.2019 19:41 Uhr

Die Opfer wurden massiv unter Druck gesetzt, viele nahmen sich das Leben: Erstmals sind in Frankreich hochrangige Manager wegen Mobbing zu Haftstrafen verurteilt worden.

Von Martin Bohne, ARD-Studio Paris

Raphael Louvradoux musste sich nach der Urteilsverkündung die Tränen aus den Augen wischen. Sein Vater, ein Angestellter von France Télécom, hatte sich vor knapp zehn Jahren selbst angezündet, aus Verzweiflung über das Mobbing, dem er vonseiten seiner Vorgesetzten ausgesetzt war. "Jetzt wissen wir schwarz auf weiß, dass solche Praktiken verboten sind", so Lavradoux. "Und andere Didiers Lombards in anderen Unternehmen, die die Beschäftigten in den Selbstmord treiben, müssen damit rechnen, dass sie angeklagt und verurteilt werden."

Didier Lombard ist der ehemalige Konzernchef von France Télécom, der ab 2007 in dem ehemaligen Staatsunternehmen einen rigorosen Restrukturierungsplan durchsetzte. Dabei wurde rund ein Sechstel der Stellen abgebaut. Mit unerlaubten Mitteln, so urteilte nun das Pariser Strafgericht.

Lombard und seine Helfer hätten einen konzertierten Plan verfolgt, um die Arbeitsbedingungen zu verschlechtern und das Ausscheiden von Mitarbeitern zu beschleunigen. Es sei ein Klima der Angst erzeugt worden.

Ein Urteil für die Rechtsgeschichte

Der Anwalt der Nebenkläger, Jean-Paul Teissonière, spricht von einer Wende in der Anwendung des Arbeitsrechts: "Das Urteil ermöglicht uns nun, die Lehren zu ziehen. Denn es wird bis ins Detail beschrieben, wie das Management von France Télécom, heute Orange, mit absolut toxischen Methoden vorging."

Zeugen hatten während der Verhandlung von Zwangsversetzungen in andere Abteilungen oder weit entfernte Standorte berichtet, es wurden unerreichbare Leistungsziele vorgegeben, Mitarbeiter wurden systematisch heruntergemacht. Von Lombard ist der Spruch dokumentiert, er werde die Leute, koste es, was es wolle, zum Gehen bringen, und sei es durch das Fenster.

Die Folge: eine Suizid-Serie

Und so kam es dann auch. Zwischen 2008 und 2011 häuften sich bei France Télécom die Suizide, mehrmals machten die Betroffenen in Abschiedsbriefen explizit das Unternehmen dafür verantwortlich. Im Prozess wurden 39 Fälle aufgerollt. In 19 Fällen wurde der Selbstmord tatsächlich vollzogen, die anderen Fälle betrafen Selbstmordversuche und schwere Depressionen.

Lombard wurde nun wegen der Ausübung von moralischem Druck zu einer einjährigen Haftstrafe verurteilt, ebenso sein Stellvertreter und der Personalchef. Vier Monate müssen sie tatsächlich absitzen, acht Monate wurden zur Bewährung ausgesetzt.

Vier weitere ehemalige Topmanager wurden zu vier Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Dazu kommt eine Geldstrafe in Höhe von 15.000 Euro für die einzelnen Manager und von 75.000 Euro für das Unternehmen France Télécom, heute Orange. Das sind jeweils die Maximalbeträge für Fälle von absichtlichem Mobbing. Der Anklagepunkt fahrlässige Tötung wurde vom Gericht fallen gelassen. Die Opfer bzw. ihre Angehörigen erhalten eine Entschädigung in Höhe von mehreren zehntausend Euro.

Anwalt spricht von demagogischer Entscheidung

Konzernchef Lombard hatte die Anschuldigungen in der Verhandlung zurückgewiesen. Aufgrund der prekären wirtschaftlichen Lage von France Télécom seien harte Maßnahmen damals unumgänglich gewesen. Sein Anwalt Jean Veil nannte das Urteil eine total demagogische politische Entscheidung und kündigte Berufung an. Sein Mandant fühle sich nicht schuldig und werde das auch vor dem Berufungsgericht wiederholen.

Der Prozess könnte Rechtsgeschichte schreiben. Zum ersten Mal standen in Frankreich ein Großunternehmen und dessen Führungspersonal wegen Mobbing vor Gericht.

Urteil im Mobbing-Prozess gegen Telekommanager
Martin Bohne, ARD Paris
20.12.2019 13:02 Uhr

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Üblicherweise berichtet tagesschau.de nicht über Suizide. Wir orientieren uns dabei am Pressekodex: Demnach gebietet die Berichterstattung über Suizide Zurückhaltung: "Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen und die Schilderung näherer Begleitumstände. Eine Ausnahme ist beispielsweise dann zu rechtfertigen, wenn es sich um einen Vorfall der Zeitgeschichte von öffentlichem Interesse handelt."

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Sollten Sie selbst von Selbsttötungsgedanken betroffen sein, suchen Sie sich bitte umgehend Hilfe. Bei der anonymen Telefonseelsorge finden Sie rund um die Uhr Ansprechpartner.

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. Dezember 2019 um 12:00 Uhr.

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