In einem Flüchtlingscamp im Pariser Vorort Saint-Denis waren am Donnerstagmorgen Hunderte Polizisten vor Ort.  | Bildquelle: dpa

Polizeieinsatz in Paris Kampf gegen illegale Flüchtlingscamps

Stand: 07.11.2019 17:01 Uhr

Die französische Polizei hat mit der Räumung von riesigen Flüchtlingscamps im Nordosten von Paris begonnen. Doch am Elend der Migranten ändert sich dadurch nur kurzfristig etwas.

Von Sabine Wachs, ARD-Studio Paris

Von weitem sieht man bereits die Kolonne an Polizeiwagen, die in einer Seitenstraße der Avenue du Président Wilson im Pariser Vorort Saint Denis stehen. Die Straßen rund um den kleinen Platz vor der Kirche sind abgesperrt, Hunderte Polizisten sichern die Gegend.

Seit fünf Uhr in der Früh wird hier eines der großen illegalen Flüchtlingscamps geräumt. Es ist kalt und es regnet in Strömen. Trotzdem sind neben Polizei und Mitarbeitern der Stadt auch viele Anwohner gekommen und beobachten, wie die Polizisten die Geflüchteten aus ihren Zelten holen und in die bereitgestellten Busse eskortieren.

Obdachlose Migranten schlafen in Paris auf der Straße. | Bildquelle: dpa
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Die Migranten leben im Nordosten von Paris unter menschenunwürdigen Bedingungen auf der Straße.

Menschenunwürdige Bedingungen

"Wir haben gut 700 Menschen hier. Sie sind froh, dass sie in die Busse steigen können. Sie freuen sich, dass sie ins Warme kommen", sagt Clément Jean-Jaques. Er trägt ein gelb-rotes bodenlanges Regencape, seine Haare kleben klatschnass am Kopf. Seit 2016 kümmert er sich ehrenamtlich um die Menschen, die auf dem Vorplatz der Kirche in seiner Nachbarschaft unter menschenunwürdigen Bedingungen in kleinen Zelten leben:

"Das ist beschämend. Wie kann es sein, dass Menschen in unserem Land unter solch erbärmlichen Bedingungen leben müssen? Die Menschen haben nichts. Der Staat müsste sich um sie kümmern. Das tut er aber nicht. Das zu erleben, ist schrecklich."

Turnhallen als provisorische Unterkünfte

Hilfsorganisationen schätzen, dass mehr als 3000 Menschen in den illegalen Zeltstädten im Norden von Paris leben. 1600 allein in den beiden Camps, die geräumt wurden. Einige der Migranten haben einen Asylantrag gestellt, hätten eigentlich Anspruch auf eine Unterkunft, sagt Véa La Vaillant von der Hilfsorganisation Utopia. "Aber alle Unterkünfte sind voll. Die Menschen haben das Recht, aber sie werden nicht untergebracht." Sie zweifle stark daran, dass von den Behörden auf einmal Platz für 1600 Menschen aus dem Hut gezaubert werden.

Pariser Polizei räumt Migranten-Zeltlager
tagesschau 17:00 Uhr, 07.11.2019

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La Vaillant vermutet, dass die Menschen in provisorische Unterkünfte gebracht werden - zum Beispiel in Turnhallen. Das bestätigt auch die Polizeipräfektur der Stadt Paris. Wie lange die Menschen in den Turnhallen außerhalb von Paris bleiben können und was danach mit ihnen passiert? Diese Frage kann niemand beantworten. Trotzdem steigen die Geflüchteten freiwillig in die Busse. Alles ist besser als die Zelte, in denen sie seit Monaten gehaust haben.

Camp neben der Auffahrt zur Autobahn

"Drei Jahre habe ich hier geschlafen", erzählt ein junger Mann aus Eritrea, der seinen Namen nicht nennen will. Ihm läuft die Nase, seine Hose ist zerrissen, seine Schuhe voller Löcher. Er steht an der Porte de la Chapelle, dem Camp neben der Auffahrt zur Pariser Ringautobahn Péripherique. Es ist der Ort, der das Elend der Migranten von Paris so verdeutlicht wie kaum ein anderer.

Es stinkt nach Exkrementen. Der Geruch von Plastik, das viele Geflüchtete in Lagerfeuern verheizen, brennt in der Nase. Neben den Menschen in ihren Zelten leben hier auch Drogenabhängige auf der Straße. Es ist der Hauptumschlagplatz für Crack.

"Immer wieder sind sie gekommen, haben uns weggebracht und wir sind wieder gekommen, wir müssen hier schlafen", sagt der junge Eritreer. Geduldig wartet er darauf, in einen der großen Reisebusse zu steigen, die im Minutentakt leer vor- und dann vollbesetzt abfahren. Fast 1000 Menschen werden so von dem Flüchtlingscamp weggebracht.

Matratzen und Habseligkeiten der Migranten liegen in den geräumten Flüchtlingscamps in Paris auf dem Boden. | Bildquelle: Sabine Wachs, ARD-Studio Paris
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Matratzen und Habseligkeiten der Migranten bleiben nach der Räumung zurück.

Keine Lösung in Sicht

Es ist die 59. Räumung, sagt Pierre Henry, Leiter der Hilfsorganisation France Terre d'Asile. Bei den meisten war er dabei. Geht es nach der Polizei, soll es die letzte an der Porte de la Chapelle sein. Henry glaubt das nicht:

"Vielleicht wird hier kein neues Lager entstehen, weil die Polizei verstärkt kontrolliert. Aber die Menschen verschwinden ja nicht einfach. Sie werden sich andere Plätze suchen. Solange Frankreich kein effizientes Aufnahmesystem hat, wird es weiter gehen."

Räumungen wie diese sind ein Tropfen auf den heißen Stein - notwendig, aber nicht nachhaltig. Sie sind Sinnbild der Hilflosigkeit einer Stadt und einer Regierung, die bisher keine praktischen Antworten auf die drängenden Fragen der Migration gefunden haben.

Gesagt, Getan! Paris räumt 2 große Flüchtlingscamps im Norden der Stadt
Sabine Wachs, ARD Paris
07.11.2019 15:52 Uhr

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Über dieses Thema berichtete am 07. November 2019 MDR AKTUELL um 16:24 Uhr und die tagesschau um 17:00 Uhr.

Korrespondentin

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