Ausschreitungen bei Demonstration gegen Corona-Maßnahmen in Paris | AFP

Ausschreitungen in Frankreich Zehntausende protestieren gegen Corona-Maßnahmen

Stand: 31.07.2021 21:21 Uhr

In Frankreich sind landesweit etwa 200.000 Menschen gegen die geplante Verschärfung der Corona-Maßnahmen auf die Straße gegangen. In Paris kam es zu Ausschreitungen, mehrere Demonstranten wurden festgenommen.

Von Stefanie Markert, ARD-Studio Paris

"Macron - Rücktritt!": So schallt es auf einer von rechten Politikern einberufenen Demonstration gegen die Anti-Coronamaßnahmen der Regierung über den Platz vor dem Bahnhof Montparnasse. Auf einer von vier Demos allein in Paris. "Nein zur Gesundheitsdiktatur!" "Nein zum Pass der Schande!" "Rührt unsere Kinder nicht an!" "Präsident, Premier und der Gesundheitsminister töten unsere Freiheiten!" All diese Losungen werden landesweit auf Pappschildern getragen - insgesamt waren bis zu 200.000 Menschen auf den Straßen.

Stefanie Markert ARD-Studio Paris

Wasserwerfer, Tränengas, einige verletzte Polizisten sind die leider üblichen Begleiterscheinungen. Allein in Paris wurden 19 Demonstranten festgenommen, drei Polizisten verletzt.

"Ich verstehe nicht, warum wir jetzt mancherorts wieder draußen Maske tragen müssen. Ich verstehe zwar, dass die Regierung die Pandemie bremsen will. Aber irgendwie muss das doch auch anders gehen", sagt ein Demonstrant.

Gesundheitspass als Alternative zum Lockdown

Der Abgeordnete der Zentrumspartei Modem, Bruno Fuchs, sieht die Dinge dagegen so: "Der Gesundheitspass bietet Freiheit zwischen Impfung und Lockdown. Ohne ihn müssen wir in den Lockdown. Schauen Sie nach Martinique oder nach La Réunion!“

Die französischen Überseegebiete haben wieder strengere Ausgangsregeln eingeführt. Dort liegt die Impfquote unter dem Durchschnitt. Bislang sind in Frankreich rund 60 Prozent der über 12-Jährigen durchgeimpft. Die Intensivbetten sind aber wieder zu einem Fünftel ausgelastet. Zum allergrößten Teil durch ungeimpfte Patienten. Der Inzidenzwert liegt schon wieder bei über 200.

Polizeiaufgebot bei Anti-Coronaregel-Demo in Paris. | AFP

Massives Polizeiaufgebot: Bei den Demonstrationen in Paris gegen die Corona-Maßnahmen kam es zu heftigen Ausschreitungen. Bild: AFP

Rechtsextreme an der Seite der Demonstranten

Julien Odoul aus dem Führungszirkel der rechtsextremen Partei Rassemblement National verteidigt im Nachrichtensender BFM TV die Demonstrierenden: "Das sind ehrliche Franzosen, die Zweifel haben. Und in einer Demokratie sind Zweifel legitim. Sie sind auch nicht alle gegen das Impfen. Aber sie haben Fragen zu den Impfstoffen, zum Gesundheitspass und den eingeschränkten Freiheiten", sagt er.

Er kritisiert die Politik der Regierung: "Das Hin und Her der Regierung schürt Ängste und Wut. Wenn der Regierungschef erst sagt - kein Gesundheitspass in den Schulen. Und dann kommt der Bildungsminister eine Woche später und meint, die ungeimpften Schüler werden vom Präsenzunterricht ausgeschlossen, wenn es einen positiven Fall in ihrer Klasse gibt. Wie sollen die Franzosen da klarsehen?", fragt Odoul. Und kritisiert im selben Atemzug Kulturministerin Roselyne Bachelot: "Man darf die Demonstranten nicht zu Karikaturen machen. Es geht nicht, dass die Kulturministerin sie als Klub der Loser bezeichnet!"

Die so Gescholtene allerdings hatte gar nicht die Demonstranten so betitelt, sondern alle Politiker, die rechts wie Florian Philippot oder links wie Jean-Luc Melenchon die Lage für ihre Ziele instrumentalisieren: "Wir sehen Herrn Philippot, der 0,6 Prozent bei den Europawahlen geholt hat. Oder Herrn Melenchon, der in den Umfragen an Boden verliert. Das ist also eine Art Klub der Loser, die sich an den Sorgen der Menschen gesundstoßen wollen", so Bachelot wörtlich.

Mehrheit unterstützt schärfere Maßnahmen

Denn 62 Prozent der Franzosen sind für den Gesundheitspass und sogar 69 Prozent für die Impfpflicht von Gesundheitsmitarbeitern. Der Autor eines Buches über die französische Republik, Jad Zahab, aber warnt: "Die Politiker können die Vorgänge nicht mehr ignorieren. Auch wenn die Bewegung nicht von einer Mehrheit der Franzosen und Französinnen unterstützt wird. Die Demos erinnern uns an die Gelbwestenbewegung. Und die Kräfte können sich zusammenschließen", sagt er. Zwar seien die Gegner des Gesundheitspasses heterogen. Aber dafür mischten Rechtsextremisten kräftig mit. "Nach den Ferien könnte das alles riskant werden, besonders, weil der Wahlkampf vor den Präsidentenwahlen im April kommenden Jahres eingeläutet wird“, so Zahab.

Endgültige Entscheidung fällt am 9. August

Am Donnerstag wird der Verfassungsrat über das neue Anti-Corona-Gesetz beraten. Die Maßnahmen sollen dann am 9. August in Kraft treten. Dazu zählt ein Nachweis, geimpft, genesen oder negativ getestet zu sein für den Besuch von Bars, Cafés, Restaurants oder auch für Fahrten mit dem Fernzug.

In Kinos, Theatern oder Museen gilt das bereits seit 21. Juli. Präsident Emmanuel Macron - im Fort Bregancon am Mittelmeer in den Ferien - wird genau hingeschaut haben, wie viele seiner Landsleute an diesem Wochenende demonstriert haben. Viele steckten zum Monatswechsel aber in rund 1100 Kilometern Stau - an diesem Wochenende des traditionellen "Bettenwechsels" in den Ferienunterkünften.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 31. Juli 2021 um 22:00 Uhr.