Atomkraftwerk Tricastin | Bildquelle: picture alliance / dpa

Gefährdete Atomkraftwerke Frankreich fürchtet ein Fukushima-Szenario

Stand: 13.10.2017 05:04 Uhr

Die Sicherheitsvorkehrungen für das französische AKW Tricastin gelten seit Jahren als unzureichend. Ende September zog die Atomaufsicht nun die Reißleine und wies die Abschaltung aller vier Reaktoren an. Die Sorge: ein Szenario wie in Fukushima.

Von Jürgen Döschner, WDR

Frankreich hat sein Beinahe-Fukushima schon lange vor der Reaktorkatastrophe in Japan erlebt. Am 27. Dezember 1999 drückte eine Kombination aus Flut im Atlantik und starkem Wind des Orkans "Lothar" das Wasser der Gironde über die Deiche und überflutete weite Teile des Atomkraftwerks Blayais in Westfrankreich. Zufahrten wurden unpassierbar, rund 90.000 Kubikmeter Wasser flossen in die Reaktorgebäude. Teile der externen Stromversorgung brachen zusammen, in zwei Reaktoren fiel das Notkühlsystem aus, mehrere Pumpen versagten. Frankreich schrammte nur knapp an einem großen Reaktorunfall vorbei.

Blayais wurde zum Verhängnis, was für alle thermischen Kraftwerke gilt: Sie benötigen zur Kühlung immens viel Wasser. Aus diesem Grunde sind sie stets nah am Meer, an Flüssen, Seen oder Kanälen gebaut. Im Fall von Tsunamis, Starkregen, Stürmen, Erdbeben und Deichbrüchen kann das so nötig gebrauchte Wasser zur unkalkulierbaren Gefahr werden. Das weiß man spätestens seit Fukushima.

Auch AKW Fessenheim an deutscher Grenze gefährdet

In Frankreich und EU-weit hatte man 2011 nach der Reaktorkatastrophe in Japan alle Atomkraftwerke einem sogenannten Stresstest unterzogen, insbesondere mit Blick auf das Risiko von Erdbeben und Überflutungen. Schon damals hatte die französische Atomaufsichtsbehörde ASN zwei besonders gefährdete Standorte ausgemacht: Tricastin in Südfrankreich und Fessenheim an der deutsch-französischen Grenze nahe Freiburg.

Atomkraftwerk in Fessenheim | Bildquelle: picture alliance / Patrick Seege
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Die Bundesregierung fordert die Abschaltung des AKW Fessenheim.

Im Fall eines Erdbebens sei die Sicherheit von Tricastin nicht gewährleistet, heißt es in dem ASN-Bericht vom Dezember 2011: Das Atomkraftwerk sei nicht ausreichend gegen einen Dammbruch und die folgende Überflutung gesichert. Dem Betreiber wurde zur Auflage gemacht, bis spätestens Ende 2014 die Dämme des nahegelegenen Kühlwasserkanals zu verstärken. Doch geschehen ist offenbar nichts.

Als die staatliche Betreiberfirma EDF vor wenigen Wochen selbst erhebliche Risiken bei der Erdbebensicherheit der Dämme meldete, zog die Atomaufsicht die Reißleine und wies Ende September die Abschaltung aller vier Reaktoren in Tricastin an. In der Anweisung heißt es zur Begründung wörtlich: "Überschwemmungen könnten in den vier Reaktoren des Kernkraftwerks Tricastin zu einer Kernschmelze führen."

"Fukushima auch in Europa möglich"

Es ist vor allem diese Begründung, die Atomkraft-Experten aufhorchen lässt. "Diese Mitteilung hat mich schon sehr überrascht, dass die französische Aufsichtsbehörde mit großer Deutlichkeit erklärt, dass in Tricastin die Gefahr einer Kernschmelze besteht", sagt zum Beispiel der Fachmann für Reaktorsicherheit und ehemalige Mitarbeiter der "Gesellschaft für Reaktor- und Anlagensicherheit (GRS)", Manfred Mertins. "Das ist einmalig bisher, dass die französische Behörde dies so klar und deutlich zum Ausdruck bringt."

Denn mit der Verfügung zur Schließung von Tricastin und dieser Begründung räumt die ASN erstmals ein, was bislang von offizieller Seite immer bestritten wurde: Dass nämlich das "Fukushima-Szenario" - ein Reaktorunfall, ausgelöst durch ein Erdbeben mit nachfolgender Überflutung und mehrfacher Kernschmelze - auch im Herzen Europas möglich ist.

Und das wohl nicht nur in dem jetzt geschlossenen AKW Tricastin. Es gibt in Frankreich eine ganze Reihe von Atomkraftwerken, bei denen die Kühlwasserkanäle über dem Niveau der Kraftwerke liegen. An erster Stelle zu nennen ist dabei laut Mertins und anderer Experten das grenznahe AKW Fessenheim. Auch hier gibt es seit Langem Zweifel an der Erdbebensicherheit der Dämme.

Die Bundesregierung fordert nicht zuletzt deshalb die Schließung von Fessenheim. Als besonders hochwassergefährdet nannte Yannick Rousselet von Greenpeace Frankreich außerdem die Atomkraftwerke Bugey und Gravelines.

Atomkarftwerk Bugey | Bildquelle: picture alliance / AP Images
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Auch hier droht bei Hochwasser Gefahr: Im AKW Bugey ...

Atomkraftwerk Gravelines | Bildquelle: picture alliance / AP Images
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... und im Akw Gravelines.

Fehler liegen auch bei Atomaufsicht

Unter die Genugtuung über die schnelle Schließung von Tricastin mischt sich auch Kritik an Frankreichs Atomaufsicht. Sie sei nicht konsequent und nicht schnell genug vorgegangen. "Die ASN hätte viel früher durchgreifen müssen", sagt der in Paris lebenden Nuklear-Experte Mycle Schneider. Für ihn ist Tricastin ein Beleg für strukturelle Probleme bei der französischen Atomaufsicht. "Wenn eine Aufsichtsbehörde feststellt, dass es ein Problem gibt, das so gravierend ist, dass man heute die sofortige Abschaltung verfügt, dann stimmt der Prozess einfach nicht", so Schneider.

Mit der vorübergehenden Stilllegung der Reaktoren in Tricastin ist die Gefahr aber keineswegs komplett gebannt. Der Brennstoff in den Reaktoren und den Abklingbecken ist immer noch heiß genug, um beim Ausfall der Kühlung eine Kernschmelze auszulösen. Außerdem steigt das allgemeine Risiko in Tricastin und anderen AKW-Standorten.

Der Fall in Blayais 1999 hat gezeigt, welche Probleme extreme Wetterereignisse wie Stürme und Starkregen bereiten können - und diese dürften als Folge des Klimawandels zunehmen. Davor hat die Internationale Atomenergie-Behörde IAEA in ihren Sicherheitsanweisungen zur Überflutungsgefahr für Kernkraftwerke bereits im Jahr 2003 hingewiesen.

Wann die vier Atomreaktoren in Tricastin wieder ans Netz gehen, ist unklar. Die Betreiberfirma EDF spricht von Anfang November. Beobachter halten das für wenig realistisch.

Atomkraft - Frankreich fürchtet Fukushima-Szenario
Jürgen Döschner, WDR
13.10.2017 05:04 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 13. Oktober 2017 um 12:38 Uhr.

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