Menschen auf der Flucht aus Venezuela | Bildquelle: REUTERS

Teil V der Serie Elend und Unterdrückung in Venezuela

Stand: 22.11.2018 11:51 Uhr

Hunger, Krankheit und staatliche Repression: Die Regierung Venezuelas sorgt nicht mehr für ihre Bevölkerung. Millionen Menschen wandern aus - vor allem nach Kolumbien, das mit den Flüchtlingen überfordert ist.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Alles ist Mangelware in Venezuela: Medikamente, Lebensmittel und sogar Benzin. Venezuela gehört zwar zu den Ländern mit den größten Erdölvorkommen weltweit. Doch das Land mit einer Bevölkerung von 30,5 Millionen Einwohnern (2017) ist nach jahrelanger pseudo-sozialistischer Vetternwirtschaft ruiniert. Mehr als zwei Millionen Venezolaner haben in den vergangenen fünf Jahren ihr Land verlassen, um dem Elend in ihrer Heimat zu entkommen.

Menschen auf der Flucht aus Venezuela | Bildquelle: REUTERS
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Menschen auf der Flucht in San Antonio. Mehr als zwei Millionen Venezolaner haben in den vergangenen fünf Jahren ihr Land verlassen.

Viele Menschen landen zunächst in der Grenzstadt San Antonio. Auf dem zentralen Platz campiert schon seit Monaten eine Gruppe junger Venezolaner. Sie haben sich zu Füßen einer bronzenen Reiterskulptur des Befreiers Lateinamerikas, Simon Bolívar, niederlassen. Ernesto Hernandez ist einer von ihnen. Er will weiter nach Kolumbien, das auf die andere Seite des Grenzflusses Táchira liegt.

"Ich war eine Zeitlang bei meiner Familie, die schon in Kolumbien lebt", sagt Hernandez. "Als ich wieder nach Venezuela kam, verlor ich mein Portemonnaie mit dem Personalausweis. Um wieder nach Kolumbien gehen zu können, brauche ich neue Papiere, aber hier hilft mir keiner." Er bekomme nicht einmal eine Bestätigung, dass er seine Dokumente verloren habe, so Hernandez. "Auf der Behörde wimmeln sie mich ab und sagen immer wieder, es gebe kein Papier."

Venezolanische Flüchtlinge | Bildquelle: SWR/Mellmannl
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Kinder und Jugendliche kampieren auf dem zentralen Platz in San Antonio. Sie wollen weiter nach Kolumbien.

 Kolumbien hat keine Strategie

Tausende Menschen warten in San Antonio auf Papiere und Geld, um die Grenze nach Kolumbien überqueren zu können. Dort leben schon eine Million venezolanische Flüchtlinge.

Lange schon zeichnete sich ab, dass immer mehr Venezolaner aus dem Krisenland fliehen würden. Trotzdem gebe es keine Strategie der kolumbianischen Regierung, damit fertig zu werden, sagt der Koordinator der Flüchtlingshilfe der Jesuiten in der Grenzstadt Cúcuta, Oscar Calderon. "In Cúcuta kommen die meisten Flüchtlinge an", sagt er. "Hier zeigt sich das Leiden der Menschen am Deutlichsten." Das Problem der Behörden sei, dass sie auf diese große Zahl von Flüchtlingen nicht vorbereitet seien. "Es gibt zwar Antworten der einzelnen Regierungen auf die Krise, aber die sind nicht länderübergreifend und helfen den Migranten nicht, sich in den Aufnahme-Ländern zu integrieren."

Die Tatenlosigkeit provoziert Konflikte um das Lebensnotwendigste zwischen armen Kolumbianern und den geflüchteten Venezolanern. Viele Flüchtlinge sind auf der Durchreise in andere südamerikanische Länder, in denen es bessere Jobchancen gibt - zum Beispiel Chile oder Argentinien.

Per Anhalter mit kleinen Kindern

Einige junge Venezolanerinnen haben den Grenzübertritt bereits hinter sich und marschieren mit ihren kleinen Kindern an der Hand am Rand einer Landstraße außerhalb Cúcutas. Geld für Transport haben sie nicht.

"Wir haben nichts, auch nichts zu essen", sagt eine Frau. "Diese Flasche Cola hat man uns gerade geschenkt." Die Frau versucht mit ihrer Familie per Anhalter weiterzukommen. "Aber keiner nimmt uns mit", sagt sie. "Können sie sich vorstellen, wie das für unsere Kinder ist, stundenlang in dieser Hitze zu laufen, ohne Wasser, ohne Essen? Wir können das vielleicht durchhalten, aber die Kinder nicht."

Venezolanische Flüchtlinge | Bildquelle: SWR/Mellmannl
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Reiseagentur in der kolumbianischen Grenzstadt Cucuta - viele wollen weiter nach Peru oder Argentinien.

Venezolanische Flüchtlinge an der Grenze zu Kolumbien | Bildquelle: SWR/Mellmannl
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Diese Frauen und Kinder wollen per Anhalter weiter. Viele der Flüchtlinge haben kein Geld.

Regierung in Caracas ignoriert das Elend

Die 21-jährige Medizinstudentin Yorgelis aus Yaracuy im Norden Venezuelas will es bis ins knapp 4000 Kilometer entfernte Peru schaffen. Dort will sie eine Arbeit finden und Geld nach Hause zu ihren hungernden Angehörigen schicken. "Ich habe Medizin studiert, aber im fünften Semester musste ich abbrechen", sagt sie. "Ich hatte kein Geld mehr für Essen, Transport, Schulmaterial oder Berufskleidung." Dabei habe ihr nur noch ein Jahr bis zum Ende ihres Studiums gefehlt. "Sehen sie, wo ich jetzt stehe", sagt sie. Yorgelis geht es wie den meisten der Venezolaner, die ihr Land verlassen haben und von vorn anfangen müssen.

Für die regierenden Pseudosozialisten in Venezuelas Hauptstadt Caracas existiert die Massenflucht nicht. Sie ignorieren das Elend der Bevölkerung und richten das einst reichste Land Südamerikas weiter zu Grunde.

Massenflucht aus Venezuela
Anne-Katrin Mellman, ARD Mexiko City
22.11.2018 10:08 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 20. März 2018 um 18:30 Uhr.

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