Dieses Bild zeigt ein helles, aufflackerndes Objekt, das auf dem Gelände des Kernkraftwerks in Enerhodar in der Ukraine landet. | Uncredited/Kernkraftwerk Saporischschja via AP/dpa
Überblick

Feuer in AKW Saporischschja Was über den Brand bekannt ist

Stand: 04.03.2022 13:02 Uhr

Der Krieg in der Ukraine betrifft nun auch das größte Atomkraftwerk Europas Saporischschja. Wer kontrolliert das Gelände? Welche Risiken birgt die Situation? Schreitet die Atomenergie-Behörde ein? Die wichtigsten Fragen.

Was ist passiert?

In der Nacht zum Freitag haben russische Truppen das Atomkraftwerk in der ukrainischen Stadt Saporischschja beschossen und unter ihre Kontrolle gebracht. Auf dem Gelände brach nach dem Einschlag eines Projektils in einem Gebäude ein Feuer aus, das durch Einsatzkräfte gelöscht werden konnte. Die Reaktorblöcke waren von dem Brand nicht betroffen und sind offenbar intakt. Die ukrainischen Behörden baten die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) um unverzügliche Hilfe.

Zwei Sicherheitskräfte des AKW wurden nach Angaben der IAEA verletzt. Die staatliche ukrainische Betreibergesellschaft Energoatom sprach von drei getöteten ukrainischen Soldaten und zwei Verletzten.

Berichte ukrainischer Medien, die sich auf einen Sprecher des AKW beriefen, bestätigten sich demnach nicht. Der Sprecher hatte mitgeteilt, auch der Reaktor sei getroffen worden und Löschkräfte seien durch Beschuss anfangs nicht in die Nähe des Brandes gelangt. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte bei einer Rede in der Nacht behauptet, russische Panzer beschössen die Reaktorblöcke - auch diese Aussage bewahrheitete sich nicht.

Karte: Ukraine mit Kiew, Charkiw, Mariupol, Cherson, Schytomyr, AKW Saporischschja und Separatistengebiet

Wie schätzt die Internationale Atomenergiebehörde IAEA die Lage ein?

IAEA-Generaldirektor Rafael Mariano Grossi sagte auf einer Pressekonferenz, dass ein Atomkraftwerk von Militärtruppen erobert und besetzt werde, sei eine noch nie dagewesene Situation. Das schaffe eine "höchst fragile und sehr instabile Lage". Sorge um die Strahlungswerte, die vom Kraftwerk ausgehen, mache er sich aber nicht. Fortlaufende Messungen der IAEA hätten bislang keine erhöhte Radiation angezeigt. Diese Bewertung meldeten auch schwedische, chinesische und russische Messzentren.

Rafael Grossi | EPA

IAEA-Generaldirektor Rafael Mariano Grossi hat über den Angriff auf das AKW informiert. Bild: EPA

Wie ist am Freitag die Lage in Saporischschja?

IAEA-Chef Grossi teilte mit, man befinde sich in ständigem Kontakt mit den Mitarbeitern des Kraftwerks in Saporischschja. Sowohl das technische als auch das Aufsichtspersonal meldeten, dass die Situation vor Ort "angespannt und herausfordernd", aber bislang ruhig sei.

Zum Zeitpunkt des Angriffs sei nur einer der sechs Reaktoren auf dem Gelände bei sechzigprozentiger Auslastung in Betrieb gewesen, sagte Grossi. Das Atomkraftwerk und sein Kontrollraum würden weiterhin vollständig von seinen ukrainischen Mitarbeitern betrieben, zugleich befinde sich das Gelände aber weiterhin in der Hand russischer Truppen. Gleiches gelte auch für das stillgelegte Atomkraftwerk Tschornobyl.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Wie geht es weiter?

IAEA-Chef Grossi erklärte, er habe angesichts der beispiellosen Situation sowohl die ukrainische als auch die russische Seite kontaktiert, um mit ihnen auf dem Gelände des stillgelegten AKW Tschornobyl zu einem Treffen zusammenzukommen. Aus seiner Sicht müssten für ein solches Treffen Regierungsvertreter entsandt werden, um gemeinsam Rahmenbedingungen zu vereinbaren, die eine erhöhte nukleare Gefährdungslage durch den Krieg ausschlössen.

Grossi bot an, nach Saporischschja zu reisen und sich selbst vom Sicherheitszustand des AKW zu überzeugen. Zudem werde die IAEA über eine Reihe von Kontakten "auf technischer und diplomatischer Ebene" ständig über die Lage informiert.

Gibt es in der Ukraine noch weitere Reaktoren, in denen solche Risikolagen drohen?

In der Ukraine gibt es insgesamt 15 einzelne Nuklearreaktoren, von denen vor dem Brand neun in regulärem Betrieb waren. Neben dem AWK in Saporischschja, dem größten Europas, ist auch das stillgelegte Kernkraftwerk in Tschornobyl von russischen Truppen besetzt.

Die staatliche ukrainische AKW-Betreibergesellschaft Energoatom hat Bedenken, dass durch die Kämpfe die Stromzufuhr zu einem Kraftwerk abgeschnitten werden könnte, so dass die Kühlungssysteme mit weniger zuverlässigen Dieselgeneratoren betrieben werden müssten - die Folge könnten Störungen und ein Austritt einer gefährlich hohen Strahlendosis sein. Bislang ist ein solcher Ernstfall in der Ukraine aber nicht eingetreten.

Drei weitere Kernkraftwerke nahe Riwne, Chmelnyzkyj und Mykolajiw befinden sich auf von der Ukraine kontrolliertem Gebiet. Seit der Besetzung der Kohlereviere im Donbass durch aus Russland gesteuerte Separatisten ist die Ukraine zudem stark auf Kernenergie angewiesen - die vier AKW decken bei einer Gesamtleistung von bis zu 13,8 Gigawatt mehr als die Hälfte des Strombedarfs. Verliert sie die Kontrolle über die Energiezufuhr, drohen ihr im Verteidigungskrieg gegen die Kreml-Truppen entscheidende Nachteile.

Sind AKW gegen militärische Angriffe geschützt?

Grundsätzlich gehört der Schutz gegen militärische Angriffe nicht zum Anforderungsprofil von AKW, sagt der Atomkraft-Experte Christoph Pistner vom Öko-Institut Darmstadt auf tagesschau24 - das sei "nie Auslegungsgegenstand" gewesen. Zwar würden AKW je nach Alter und Ausstattung gegen äußere Einwirkungen wie Erdbeben oder auch Abstürze von Flugzeugen auf das Gelände geschützt, was einen gewissen Schutz auch gegen militärische Konflikte biete. Aber ein vollständiger Schutz sei dadurch nicht gegeben.

Im äußersten Fall könnte deshalb in einem Atomkraftwerk ein "Szenario wie in Fukushima" eintreten mit einem "langfristigen Ausfall der Kühlsysteme und damit zu einem Aufheizen der Reaktorkerne und Brennstäbe bis hin zu Kernschmelzen und damit auch zu einer massiven Freisetzung von Radioaktvität in die Umgebung", so Pfistner.

Auch von heruntergefahrenen Anlagen gehe weiter Gefahr aus, da diese kontinuierlich weiter gekühlt und von geschultem Personal geführt werden müssten. Diese Verantwortung liege auch auf den russischen Truppen, wenn sie Anlagen unter ihre Kontrolle gebracht hätten.

Als Konsequenz aus den Ereignissen in der Ukraine rechnet Pfistner mit einer Debatte über die Anpassung beziehungsweise Erweiterung von Sicherheitsanforderungen an AKW. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 habe es Diskussionen über den Schutz vor terroristischen Anschlägen, nach Fukushima über den besseren Schutz vor äußeren Einwirkungen. Nun bestätige sich eine häufig geäußerte Befürchtung, dass Atomanlagen auch Ziel von militärischen Angriffen sein können - darüber müsse diskutiert werden.

Die ukrainische Führung warnt, bei einem Unfall gehe von einem AKW die Gefahr von "sechs Tschornobyls" aus. Ist dieser Vergleich passend?

Beim bisher größten atomaren Unfall in Europa explodierte 1986 im AKW Tschornobyl einer der Reaktoren. In der Folge starben Tausende Menschen an der direkten oder indirekten Folgen der Strahlung, ein großes Gebiet war nuklear verseucht, Zehntausende Menschen in Europa erkrankten an Schilddrüsenkrebs, Autoimmunerkrankungen und anderen Folgen.

Historische Direktvergleiche seien in der aktuellen Lage jedoch wenig passend, erklärt Expertin Anna Veronika Wendland vom Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung, die ihre Habilitationsschift zum Kerntechnik-Einsatz in Osteuropa verfasste und dazu unter anderem am ukrainischen AKW Riwne geforscht hat.

Zum einen war Tschernobyl dem Aufbau nach ein Graphit-Reaktor: Das brennende Graphit erzeugte große Hitze, machte Löscharbeiten extrem schwierig und führte dazu, dass Radioaktivität in große Höhe gelangte und sich so weiter verbreiten konnte. Zum anderen sei der damalige Unfall nicht mit der heutigen Bedrohungslage vergleichbar: Damals sei es "zur Zerlegung des Reaktorkerns" gekommen, der zu einer Explosion führte..

Die heute der Ukraine betriebenen AKW sind hingegen Druckwasserreaktoren: "Da geht es um ganz andere Störfälle, etwa, wenn sie von ihrer Stromversorgung abgeschnitten werden oder durch Beschuss vitale Anlagen beschädigt werden", sagt Wendland. Grundsätzlich seien die Reaktorkerne in den ukrainischen AKWs nach hohen Standards geschützt und auch mit besonders viel Kühlung ausgestattet - einem gezielten Dauerbeschuss würden aber auch sie nicht standhalten, meint die Expertin.

Wie könnte Russland mit den besetzten AKW-Geländen weiter verfahren wollen?

Um ein AKW der Größe des Kraftwerks von Saporischschja zu betreiben, brauche es laut Expertin Wendland insgesamt 10.000 Mitarbeiter - an der reinen Aufrechterhaltung des Reaktorbetriebs seien pro Schicht circa 25 Fachleute beschäftigt. Dass Truppen den Betrieb des AKW an sich reißen könnten oder die russische Führung die Belegschaft auf operativer Ebene durch eigene Leute austauschen könnte, hält sie für unwahrscheinlich: Dazu seien die technischen Gegebenheiten zu komplex, sodass man gewissermaßen auf die spezialisierten ukrainischen Mitarbeiter angewiesen sei.

Bei den Mitarbeitern der ukrainischen AKW handelt es sich Wendlands Forschungserfahrung nach um eine Art "verschworene Gemeinschaft" mit großer Stressresistenz und Loyalität zu ihrem Werk - für den geregelten, sicheren Weiterbetrieb des Kraftwerks wären sie zu großen Anstrengungen bereit.

Wie beurteilt die Bundesregierung die Gefahrenlage?

Bundeskanzler Olaf Scholz reagierte mit großer Besorgnis auf den russischen Angriff auf das AKW. Auch wenn sich die Gefahr einer Nuklearkatastrophe dort "nicht realisiert" habe, zeige der Brand, "wie gefährlich die Situation ist", sagte er. "Trotzdem sind wir natürlich immer vorbereitet auf eine Situation, in der es zum Austritt von radioaktiven Elementen kommen kann."

Er sei in der Nacht vom ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj über den Vorfall informiert worden. Die Bundesregierung habe sich daraufhin mit ihren Partnern beraten und Messungen veranlasst, um die "Gefahr radioaktiver Strahlung" abschätzen zu können. Zu der von Russland angedeuteten Drohung des Einsatzes von Atomwaffen sagte der Kanzler: "Es ist ganz wichtig, dass wir einen kühlen Kopf bewahren."

Auch das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) gab Entwarnung: "Radiologische Auswirkungen auf Deutschland sind nach dem Stand der verfügbaren Informationen nicht zu befürchten", versichert die Behörde. Alle radiologischen Messwerte bewegten "sich weiter im normalen Bereich". Das AKW ist knapp 1900 Kilometer Autofahrt von Berlin entfernt. Das BfS und das Bundesumweltministerium beobachten nach eigenen Angaben die Lage und informieren über neue Entwicklungen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 Extra am 04. März 2022 um 09:55 Uhr.