Eine Hand versetzt Zeichen auf einem Brett, um die Vorfahrtregeln zu erklären. | Bildquelle: dpa

Fahrschulen in Österreich Kein Türkisch für Anfänger

Stand: 26.07.2018 16:17 Uhr

In Österreich können Fahrschüler ab 2019 keine theoretischen Führerscheinprüfungen in türkischer Sprache mehr ablegen - eine Entscheidung des Verkehrsministers Hofer von der rechtspopulistischen FPÖ. Fahrlehrer fürchten nun Einbußen.

Von Srdjan Govedarica, ARD-Studio Wien

Martin Lassl ist Fahrschulbesitzer in Ottarkring, einem Wiener Bezirk mit hohem Migrantenanteil. Doch zunächst möchte er etwas klarstellen. "Ich habe das zu exekutieren, was mir der Gesetzgeber vorgibt", sagt er. "Wie eine jede Fahrschule in Österreich."

Lassls Fahrschule trägt den Untertitel: "Die mehrsprachige Fahrschule". Seine Fahrlehrer sprechen 13 Sprachen - von Albanisch bis Chinesisch. Das kommt gut an. Auch heute ist es in den engen Gängen der Fahrschule sehr voll.

In welchen Sprachen er seine Fahrschüler ausbildet, darf Lassl selbst entscheiden. Bei der theoretischen Prüfung müssen sich die Schüler allerdings festlegen, in welcher Sprache sie die Prüfung ablegen. Neben der Amtssprache Deutsch, den beiden regionalen Amtssprachen Kroatisch und Slowenisch und der Weltsprache Englisch ist das auch auf Türkisch möglich. Etwa 15 Prozent seiner Fahrschüler würden die letzte Variante wählen, sagt er. "Ich glaube sie können schon Deutsch,  aber sie legen die Prüfung auf Türkisch ab, weil sie sich sicherer fühlen."

Anreiz, um Deutsch zu lernen?

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Ab 2019 wird das nicht mehr möglich sein - das hat Verkehrsminister Norbert Hofer verfügt, ein Politiker der rechten FPÖ. Zunächst hatte es offiziell geheißen, dass Türkisch aufgrund "nicht argumentierbarer Kosten" gestrichen werde, später sprach Hofer im ORF Radio von "Integrationsmaßnahmen".

Auch für junge Türken sei es wichtig, den Führerschein in Österreich zu bekommen, so Lassl. Indem man sie dazu bringt, die Prüfung auf Deutsch abzulegen, soll ein Anreiz geschaffen werden, Deutsch zu lernen.

Verkehrsexperten sind bei dieser Begründung skeptisch. Vom Österreichischen Automobil-, Motorrad- und Touring Club (ÖAMTC) heißt es etwa, dass die Fahrprüfung keine integrationspolitische Maßnahme sei, sondern der Verkehrssicherheit dienen soll. Auch Fahrschulbesitzer Lassl zweifelt an der Wirksamkeit. Es sei doch besser, den Stoff nicht auswendig zu lernen, sondern ihn zu verstehen, sagt er. "Und wenn er es auf Deutsch nicht versteht, und ich kann es ihm in seiner Muttersprache beibringen, dann ist dem doch sicher etwas Positives abzugewinnen für die Sicherheit, als wenn einer etwas stur auswendig lernt und nicht einmal weiß, was es bedeutet."

Vor allem ältere Frauen betroffen

Nach Lassls Erfahrungen sind vor allem ältere Frauen türkischen Ursprungs betroffen. Die Jugend habe damit kein Problem. "Die legen das alle auf Deutsch ab." So zum Beispiel die 17-jährige angehende Friseurin Sema. Sie hat gerade mit der Führerscheinausbildung begonnen und will die Theorieprüfung auf Deutsch ablegen. Ihr Türkisch sei für die Prüfung nicht gut genug, sagt sie. Dass die Prüfung auf Türkisch gestrichen werden soll, findet sie trotzdem unfair.  

Von den rund 300.000 Prüfungen wurden 2017 in Österreich gerade mal 3600 in türkischer Sprache vorgelegt. Verkehrsminister Hofer muss sich deshalb den Vorwurf gefallen lassen, reine Symbolpolitik zu betreiben. Dass sagt auch Populismusforscher Werner Ötsch. Es gehe darum, das Bild "Wir das Volk gegen die Anderen" wieder in Erinnerung zu rufen und so die Menschen zu binden. "Im Grunde genommen ist es ein permanenter Wahlkampf", sagt er. "Und in diesem Wahlkampf gibt es überhaupt keine Fakten mehr, es gibt keine Empirie."

Lassl wird die neue Regelung in seiner Fahrschule umsetzen - eine andere Wahl hat er nicht. Ob sich das auch wirtschaftlich auswirken wird, kann er zurzeit nicht genau beziffern, doch eines sei klar. "Wenn man die Prüfung auf Türkisch nicht mehr abhalten kann, glaube ich sicher, dass es da Einbußen gibt", sagt er.

Österreich: Kein Türkisch für Fahranfänger
Srdjan Govedarica, ARD Wien
26.07.2018 15:41 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. Juli 2018 in der Sendung „Europa heute“ um 09:00 Uhr.

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