Logo des britischen Pharmakonzerns AstraZeneca. | dpa

Impfstoff-Engpässe EU erwartet Antworten von AstraZeneca

Stand: 25.01.2021 07:09 Uhr

Nach der Ankündigung von AstraZeneca, weniger Vakzin auszuliefern als geplant, droht Brüssel mit möglichen rechtlichen Schritten. Im zuständigen Ausschuss der EU-Kommission soll der Hersteller nun Antworten auf drängende Fragen geben.

Von Ralph Sina, ARD-Studio Brüssel

Etwa eine Milliarde Euro haben die EU und ihre Mitgliedsstaaten der Pharmaindustrie zur Entwicklung eines Corona-Impfstoffs zur Verfügung gestellt. Doch beim Impfen vorn liegen Staaten, die nicht zur Europäischen Union gehören. Israel zum Beispiel. Die USA. Und der direkte EU-Nachbar Großbritannien.

Ralph Sina ARD-Studio Brüssel

Im Vereinigten Königreich seien allein in den letzten drei Tagen mehr Leute geimpft worden als in Frankreich während der gesamten Corona-Pandemie, polemisierte Großbritanniens Gesundheitsminister Matt Hancock. Und er tut so, als habe bereits zu Beginn der Pandemie eine Impfung zur Verfügung gestanden. Fest steht allerdings, dass in Großbritannien bereits drei Viertel der über 80-Jährigen geimpft worden sind.

Entscheidung der Arzneimittelagentur EMA wird erwartet

Das ist bisher keinem EU-Mitgliedsstaat gelungen. Allerdings profitiert das Vereinigte Königreich auch von der Auslieferungspolitik des britischen-schwedischen Konzerns AstraZeneca. Der beliefert Großbritannien seit Anfang Dezember ohne jede Einschränkung mit dem Corona-Impfstoff. In der EU ist er immer noch nicht zugelassen. Spätestens am Freitag will die Europäische Arzneimittelagentur EMA entscheiden, ob sie grünes Licht gibt.

Doch selbst wenn sie dies in dieser Woche tut, wird AstraZeneca etwa 60 Prozent weniger Impfstoff an die EU liefern als im vergangenen Jahr vertraglich zugesagt. "Dass man für Großbritannien wie geplant weiter liefert und bei der Europäischen Union kürzt", bewertet der Europapolitiker und Impfstoff-Experte Peter Liese als Provokation. Wenn die britisch-schwedische Firma nicht sehr schnell Bestände aus ihren britischen Depots nach Kontinental-Europa bringe, dann, so Liese gegenüber dem ARD-Studio Brüssel, "kriegt sie den größten Ärger mit der EU".

EU ist größter Kunde von AstraZeneca

Wie dieser "größte Ärger" konkret aussehen soll, bleibt unklar. Denn den Vertrag mit AstraZeneca, den die EU-Kommission im vergangenen August über 300 Millionen Impfdosen mit Option auf weitere 100 Millionen abgeschlossen hatte, hält das Team um EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen unter Verschluss. So ist unklar, wann AstraZeneca für Lieferverzögerungen geradestehen muss. Nur, wenn die Zusagen bis zum Quartalsende nicht erfüllt wurden? Oder auch bei Lieferschwankungen innerhalb der Drei-Monats-Zyklen?

Fest steht: Die EU ist AstraZenecas größter Kunde. Das von der Leyen-Team hatte mit dem britisch-schwedischen Konzern bereits im Oktober vereinbart, unverzüglich mit der Impfstoffproduktion zu beginnen. Also unabhängig von der Zulassung durch die Europäische Arzneimittelbehörde. Erst jetzt, knapp drei Monate später, berichtet der Konzern über Produktionsprobleme in der EU. Die Frage ist, wie viele Impfdosen bereits im letzten Jahr produziert wurden, wo sie lagern und wann sie ausgeliefert werden.

Ratspräsident Michel: EU erwartet Vertragstreue

Von einer großen Ungeduld in der Bevölkerung spricht EU-Ratspräsident Charles Michel. Die gesamte Bevölkerung leide unter den Engpässen bei der Impfstoffproduktion und bei der Verimpfung.

Die EU erwarte, dass die von den Pharmaunternehmen bestätigten Verträge eingehalten werden, betonte Michel gegenüber dem französischen TV-Sender Europe 1. Um die Einhaltung der Verträge zu gewährleisten, könne die EU auch juristische Mittel nutzen, unterstrich der EU-Ratspräsident, ohne näher ins Detail zu gehen.

Das Team um von der Leyen erwartet, dass AstraZeneca nun heute im zuständigen Ausschuss der EU-Kommission einen detaillierten Lieferplan vorlegt. Und der Kommission und den Mitgliedsstaaten die Frage beantwortet, wer eigentlich die Impfdosen bekam, welche die EU im August bestellt hatte und die ab Oktober bis zum Jahresende von AstraZeneca produziert worden waren. Also in jenen zwei Monaten, in denen von Produktionsschwierigkeiten bei dem Hersteller noch keine Rede war.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 25. Januar 2021 um 09:00 Uhr.