Polizisten untersuchen im spanischen Victoria die Wracks mehrerer Autos, die bei der Explosion einer Autobombe in der Regionalhauptstadt zerstört wurden (Archivfoto vom 1.10.2001) | Bildquelle: dpa

Die ETA löst sich auf Ende auf Raten

Stand: 16.05.2019 11:21 Uhr

Fast sechzig Jahre nach ihrer Gründung verkündet die baskische Terrororganisation ETA  ihr Ende. Nach dem Waffenstillstand und der Waffenübergabe ist es das finale Eingeständnis ihres Scheiterns.

Bis zuletzt haben sie versucht, Handlungsfähigkeit zu demonstrieren, und auch am Ende können sie sich das Pathos der selbsternannten Freiheitskämpfer nicht verkneifen: "Die ETA kommt aus dem Volk, und zum Volk kehrt sie zurück". Eine Art Begleitschreiben zur Selbstauflösung, verfasst am 16. April, verschickt am 2. Mai.

Von Freiheitskämpfern zu Mördern

Nach Jahrzehnten des Terrors, nach 850 Morden, Dutzenden von Entführungen und der brutalen Einschüchterung der Zivilbevölkerung klingt die Formulierung zynisch. Sie fügt sich aber in die Logik der baskischen Terrororganisation, die sich seit ihrer Gründung 1959 zur tapferen Kämpferin stilisierte - gegen die Franco-Diktatur und für die Freiheit des Baskenlandes.

Rauch steigt aus den Trümmern eines Parkhauses am neuen Terminal des Flughafens von Madrid auf, in denen Feuerwehrmänner die Überreste des Gebäudes nach der Explosion einer Autobombe löschen (Archivfoto vom 30.12.2006). | Bildquelle: dpa
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Rauch steigt aus den Trümmern eines Parkhauses am neuen Terminal des Flughafens von Madrid auf, in denen Feuerwehrmänner die Überreste nach der Explosion einer Autobombe löschen (Archivfoto vom 30.12.2006).

Ein absurdes Selbstbild, meint der Buchautor und ETA-Experte Luis Aizpeolea. "90 Prozent der Opfer wurden ermordet, als Spanien schon längst eine Demokratie war und das Baskenland Autonomierechte hatte, die mit denen der deutschen Bundesländer vergleichbar sind. Die ETA hat nichts erreicht und tritt ihren Rückzug mit leeren Händen an."

Schon lange moralisch bankrott

Der moralische Bankrott der Terroristen hat sich schon früh abgezeichnet. 1987 wurden bei einem Attentat auf einen Supermarkt in Barcelona 21 Menschen getötet, das Entsetzen in Spanien war grenzenlos. Obwohl die ETA behauptete, vor der Explosion der Bombe gewarnt zu haben, war mit einem Schlag klar: Es kann jeden treffen. Nicht nur Polizisten, Soldaten oder Lokalpolitiker - die hatten die Terroristen ja schon lange und ganz offiziell im Visier.

Das Supermarkt-Attentat zeigte aber, dass sich niemand mehr sicher sein konnte. Und es war etwa um diese Zeit, dass sich erster ziviler Widerstand gegen die ETA regte - erst ein paar Dutzend Demonstranten, dann ein paar Hundert, dann immer mehr. "Gesto por la Paz", "Geste für den Frieden", nannte sich diese Bewegung.

Mutiger Widerstand gegen die Terroristen

Nach jedem Mord, jeder Entführung gingen ihre Mitglieder in den Städten und Dörfern des Baskenlandes auf die Straße, um ihre Solidarität mit den Opfern zu zeigen. Der Mut dieser Menschen kann heute nicht hoch genug eingeschätzt werden. Denn in den 1980er- und 1990er-Jahren war die Schweigespirale, die die Verbrechen der ETA umgab, noch weitgehend intakt.

Ines Rodriguez (Foto: Natalia Bachmayer)
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Die Friedensaktivistin Ines Rodríguez vor der Kathedrale von San Sebastián - dort, wo sie immer gegen die Gewalt der ETA demonstriert hat.

"Das Baskenland ist klein, hier kennt jeder jeden", erzählt die Friedensaktivistin Ines Rodríguez. Plötzlich habe sie Nachbarn gegenüber gestanden, die sie beschimpften und bedrohten. "Sie wollten wohl, dass wir aufgeben. Aber das haben wir nicht gemacht." Die meisten Basken, glaubt sie, lehnten die Gewalt eigentlich ab, wollten aber nicht als Verräter gebrandmarkt werden. Die öffentlichen Auftritte der Demonstranten gaben ihnen möglicherweise die Sicherheit, dass sie nicht allein, dass sie sogar in der Mehrheit waren.

Ein Ende, das abzusehen war

Das Ende der ETA ist nun - fast 60 Jahre nach ihrer Gründung - nur noch eine Vollzugsmeldung. Die Organisation ist logistisch ausgezehrt und sozial isoliert. Seit Jahren schon ist es ihr nicht mehr gelungen, Nachwuchs für den Terror anzuwerben. Die ETA-Häftlinge sind über Gefängnisse in ganz Spanien verstreut, viele der Attentäter haben der Gewalt abgeschworen und sich bei den Opfern entschuldigt - lange, bevor die Führung der Organisation sich dazu durchringen konnte.

Das Heilen hat begonnen

Eine der ersten, die sich öffentlich mit einer reuigen Täterin getroffen hat, ist Rosa Rodero. Ihr Mann, ein Beamter der baskischen Regionalpolizei Ertzaintza, wurde 1993 in seinem Auto erschossen - vor den Augen seines Sohnes, den er gerade zur Schule fahren wollte. Vor fünf Jahren wurde sie auf einer Gedenkveranstaltung für ihren Mann von einem ehemaligen Mitglied der ETA angesprochen. Die Frau hatte zu dem Kommando gehört, dem auch der Mord an Rosa Roderos Mann zugeschrieben wurde.

Rosa Rodero (links) umarmt Frau
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Rosa Rodero (links) bei der Begegnung mit einer Frau, die Teil des ETA-Kommandos war, das ihren Mann ermordete.

Ein paar Worte, eine Umarmung - das Bild war am nächsten Tag auf den Titelseiten der spanische Zeitungen. Erstmal habe sie die Begegnung seltsam gefunden, erzählt Rosa Rodero. "Aber dann habe ich gemerkt, dass es eigentlich gut ist. Diese Leute sind ins Nachdenken gekommen, und das ist sehr wichtig. Keine Generation nach uns soll mehr den Schmerz erleben, den wir durchgemacht haben."      

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 02. Mai 2018 um 18:30 Uhr.

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