Recep Tayyip Erdogan | Bildquelle: dpa

Streit um Christchurch-Video "Erdogan sollte sich schämen"

Stand: 20.03.2019 13:12 Uhr

Die Verbreitung des Videos vom Christchurch-Attentat sorgt weltweit für Ärger. Den türkischen Präsidenten hindert das nicht, mit diesem Wahlkampf zu machen. Nicht nur in Neuseeland ist man entsetzt.

Von Karin Senz, ARD-Studio Instanbul

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ist wieder im Wahlkampfmodus. Seit Wochen tourt er im Vorfeld der Kommunalwahl Ende des Monats durchs Land.

Und jedes Mal ist es eine große Show. Die hat er jetzt noch erweitert, um Ausschnitte aus dem Video des Terroranschlags von Neuseeland. Da könne man sehen, wie der Hass gegen Muslime wächst, sagt Erdogan. Kemal Kilicdaroglu, Chef der oppositionellen CHP, ist fassungslos:

"Dieses Video wurde weltweit verboten. Auch bei uns hätte die Rundfunkaufsicht eingegriffen, wenn Fernsehsender es gezeigt hätten. Aber Erdogan hat es gezeigt. Und hat damit genau das getan, was dieser Terrorist wollte - nämlich, dass man weltweit seinen Anschlag sehen kann. Der Terrorist bedankt sich wohl gerade bei ihm. Was Erdogan getan hat, lässt sich mit Vernunft und dem Gewissen nicht vereinbaren. Erdogan sollte sich schämen."

Kritik aus den eigenen Reihen

Kritik kommt sogar aus Erdogans eigener Partei. Der deutsch-türkische AKP-Abgeordnete Mustafa Yeneroglu sagt:

"Ich finde es nicht richtig, dass Familien, Kinder und die Gesellschaft überhaupt dieses Video sichten konnten. Nachdem ich dieses Video gesehen habe, habe ich mit zuständigen Kollegen darüber gesprochen und ihnen meine Meinung dazu gesagt. Ich weiß nicht, wer dazu geraten hat, aber meiner Meinung nach war das nicht richtig. Ich bin überzeugt, dass die Mehrheit meiner Meinung ist".

Der Attentäter von Christchurch hatte in seinem Manifest Erdogan und der Türkei gedroht. Auch das greift der türkische Präsident auf. Und er bezieht sich auf die Schlacht bei Gallipoli im Ersten Weltkrieg. Damals kämpften auch australische und neuseeländische Truppen gegen die des Osmanischen Reichs:

"Eure Großväter kamen und haben gesehen, dass wir hier sind. Manche sind zu Fuß wieder zurück nach Hause - andere in Särgen. Wenn Ihr mit denselben Absichten kommt, seid willkommen, wir schicken Euch zurück - genauso wie wir das mit Euren Großvätern gemacht haben", so Erdogan.

Bei einer Schießerei in zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch hat es Tote und Verletzte gegeben. | Bildquelle: AP
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Bei einem Anschlag auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch wurden 50 Menschen getötet.

Botschafter einbestellt

Bei den Australiern brachte das das Fass zum Überlaufen. Regierungschef Scott Morrison bestellt den türkischen Botschafter ein. Dessen Antworten stellen ihn nicht zufrieden:

"Die Entschuldigungen, die ich nicht akzeptieren werde, waren, dass man das in der Hitze des Gefechts gesagt habe. Ich akzeptiere auch nicht, dass man sich damit entschuldigt hat, dass das im Wahlkampf war. Ich erwarte in Beziehungen mit Freunden, dass wir immer im besten Sinne dieser Beziehung handeln", sagt Morrison.

Morrison nannte Erdogans Äußerungen bei einem Pressestatement beleidigend und rücksichtslos. Er werde erstmal die Antwort der türkischen Regierung abwarten, bevor er Weiteres unternehme. Alle Optionen seien auf dem Tisch.

Ist Menschenleben denn so wenig wert?

Neuseeland hatte Erdogan bei seinen Wahlkampfauftritten noch mal extra ins Visier genommen:

"Wenn Neuseeland den Täter nicht zur Rechenschaft zieht, werden wir ihn zur Rechenschaft ziehen. Die sagen, es gibt keine höhere Haftstrafe als 15 Jahre. Ist Menschenleben denn so wenig wert? Wenn Eure Gesetze nicht mehr hergeben, macht neue Gesetze und gebt einem solchen Mörder kein Lebensrecht", sagte der türkische Präsident.

Zum Schluss bedauerte er noch, dass die Türkei die Todesstrafe aufgehoben hat.

Wie Neuseeland auf die Drohung regagiert, könnte sich schon Ende des Woche in Istanbul zeigen. Dann will Außenminister Winston Peters in die Türkei reisen und Erdogan mit seinen Aussagen konfrontieren.

Rücksichtslos und beleidigend? Australien kritisiert Erdogans Wahlkampf
Karin Senz, ARD Istanbul
20.03.2019 12:11 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 20. März 2019 um 12:00 Uhr.

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