Deutsche und französische Fahne

Bildungsreform in Frankreich Deutsch in Gefahr?

Stand: 21.04.2015 21:20 Uhr

Die französische Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem steht im Kreuzfeuer der Kritik. Mit ihrer Reform der Mittelschulen drohe sie, den Deutschunterricht in Frankreich zu ruinieren, sagen ihre Gegner. Die Ministerin verteidigt sich.

Von Andreas Teska, ARD-Hörfunkstudio Paris

So also sieht eine französische Charmeoffensive aus. Najat Vallaud-Belkacem empfängt im Speisesaal ihres Ministeriums. Schwarzes Kleid, blauer Blazer aus Samt, gewinnendes Lächeln. Mir sitzt die Ministerin gegenüber, die gerade im dringenden Verdacht steht, den Deutschunterricht in Frankreich ruinieren zu wollen "Sie können auf mich zählen", sagt sie, "ich möchte, dass immer mehr kleine Franzosen Deutsch sprechen, aber ich möchte auch, dass sie es gut sprechen, und deswegen sollen sie so früh wie möglich damit beginnen."

Deutsch schon in der Grundschule

Und zwar schon in der Grundschule. Später, in der Mittelschule, dem Collège, komme die zweite Fremdsprache hinzu, ein Jahr früher als bisher üblich. Mehr Sprachunterricht, mehr Lehrer, und  die Möglichkeit für alle Kinder, Deutsch als erste Fremdsprache zu wählen. "Das bedeutet, um über Deutsch zu sprechen: In der Mittelschule von morgen werden mehr Kinder Deutsch als erste oder zweite Fremdsprache lernen als in der Mittelschule von heute. Und sie werden es länger lernen, denn sie erhalten mehr Unterrichtsstunden."

Bilinguale Klassen entfallen

Aber die für 2016 geplante Reform hat ihren Preis, im wahrsten Sinne des Wortes. Um allen Kindern mehr Sprachunterricht zu ermöglichen, will die Ministerin die existierenden bilingualen Klassen komplett streichen. In denen aber lernen bislang rund 15 Prozent der Mittelschüler intensiv gleichzeitig Englisch und Deutsch.

Dieses Erfolgsmodell funktioniert seit zehn Jahren, und das will die Ministerin jetzt zerstören? "Es geht überhaupt nicht darum, ein System kaputt zu machen, das funktioniert. Im Gegenteil, es geht darum, auf alle Mittelschüler die Tugenden eines Systems auszudehnen, das bewiesen hat, dass es funktioniert."

Protest der Deutschen Botschafterin

Das aber bezweifeln viele: Die Deutschlehrer in Frankreich, französische Abgeordnete und sogar deutsche Diplomaten in Paris laufen Sturm gegen die Pläne. Ihre Befürchtung: Wer die zweisprachigen Klassen abschafft, wird zum Totengräber der deutschen Sprache. Denn dann würden die französischen Kinder in der Regel als erstes Englisch und als zweites häufig Spanisch wählen; Deutsch würde zurückfallen auf den Stand von 2004, vor Einführung der bilingualen Klassen.

Das aber sei nicht vereinbar mit den deutsch-französischen Beziehungen und Verträgen. Die deutsche Botschafterin Susanne Wasum-Rainer warnt wörtlich vor der "Gefahr einer atmosphärischen Beeinträchtigung unserer bilateralen Abkommen und Absprachen."

Ministerin zeigt sich betroffen

Das ist mehr als deutlich und löst bei der Adressatin Betroffenheit aus: "Ich will das deutsch- französische Verhältnis voranbringen", sagt Bildungsministerin Vallaud-Belkacem. Sie habe niemals Deutsch als elitär bezeichnet.

Sie fängt an, auf blauen Aktendeckeln Schulen und Stundenpläne aufzuzeichnen. Sie wolle mehr deutsch-französische Vorschulen - 50 gibt es, zehn weitere kämen im Mai dazu - mehr Schulpartnerschaften über die Grenze hinweg, und sie wolle mehr Mittel bereitstellen für das deutsch-französische Jugendwerk.

Die Kritik, die derzeit von allen Seiten auf sie einprasselt, gehe auf Missverständnisse zurück. Schließlich habe sie doch selbst Deutsch als erste Fremdsprache gelernt. Um dann auf Deutsch zu zählen: "Eins, zwei, drei, vier, fünf..."

Es geht. Zumindest bis zum kleinen Einmaleins. Nur das große Ganze droht gerade Schaden zu nehmen.

Darstellung: