Proteste in Brasilia | Bildquelle: REUTERS

Demos in Brasilien Marsch der Frauen

Stand: 14.08.2019 18:31 Uhr

Zehntausende haben sich auf Brasiliens Straßen versammelt - sie protestieren für Frauenrechte und gegen die Bildungspolitik Bolsonaros. Auch die Ausbeutung von indigenen Stammesgebieten wird angeprangert.

Von Matthias Ebert und Luis Jachmann, SWR

Cristiane Julião steht vor dem brasilianischen Kongress in Brasilia und strahlt. Die indigene Frau ist aus dem 1.800 Kilometer entfernten Bundestaat Pernambuco angereist, wo ihr Stamm Pankararu siedelt. Jetzt nimmt sie am ersten Marsch indigener Frauen in Brasilien teil. Auf den breiten Boulevards der Hauptstadt trommeln, stampfen und tanzen sie auf dem Weg zum Regierungsdistrikt. "Wir wollen für Chancen von Frauen kämpfen und zeigen, dass wir vorankommen können. Jetzt schlägt unsere Stunde!"

Nur ein Stück entfernt von Julião marschiert Maze Morais. Sie ist Kleinbäuerin und hat diese Frauen-Demonstration organisiert. "Der Protest repräsentiert alle Frauen Brasiliens. Wir wollen ein Gesellschaftsmodell, das für Gleichheit steht", sagt sie. Sie marschiert bereits zum fünften Mal auf den Straßen der Hauptstadt für Frauenrechte.

Die Frauenbewegung Brasiliens wuchs nach dem Mord an Margarida Maria Alves 1983. Alves war eine Anführerin von Kleinbauern im armen Bundesstaat Paraíba, die für eine gerechtere Landverteilung kämpften. Die Zahl der Toten durch Landkonflikte ist in Brasilien traditionell hoch. Der brutale Mord an Alves hatte Empörung ausgelöst und mündete schließlich in den alle vier Jahre stattfindenden Frauen-Demos. Anfangs waren es noch 20.000 Teilnehmerinnen, zuletzt aber mehr als 100.000.

Proteste gegen Bildungspolitik

Im Stadtzentrum von Rio de Janeiro ging es kurz vor der Frauendemo ähnlich bunt zu: Studentinnen führen mit übergroßen Bleistiften aus Pappe einen symbolischen Kampf gegen eine maskierte Person mit einer übergroßen Schere in der Hand. Die Maske ziert das Konterfei des Präsidenten Jair Bolsonaro.

Rund 10.000 Akademiker sind zur Candelária-Kirche gekommen, um gegen Bolsonaros Einsparungen im Bildungsbereich zu protestieren. Als starker Regen einsetzt, zieht der Protestmarsch los. Darunter ist auch die Literatur-Studentin Paloma. Sie sieht sich von den Kürzungen im Bildungshaushalt besonders betroffen. "Ich konnte nur dank der Reformen der Vorgängerregierung studieren", sagt sie. "Nun wollen sie an meiner öffentlichen Uni sparen - das fängt mit Wasser und Strom an."

Paloma kommt aus einer Arbeiterfamilie. Nur ein staatliches Stipendium ermöglichte ihr die akademische Laufbahn. Studierende wie sie sehen sich als erste Opfer der neuen Bildungspolitik Regierung Bolsonaro, der in Zukunft auch gegen die Stipendien der Vorgängerregierung vorgehen könnte.

Proteste in mehr als 200 Städten

Die Bildungsproteste finden in mehr als 200 Städten statt. Studierende, Lehrer und wissenschaftliche Bedienstete fürchten das Ende der freien Hochschulbildung. "Unsere Zukunft soll nicht privatisiert werden", steht auf vielen Plakaten.

Bolsonaro hat gerade neue Kürzungen im Bildungsbereich angekündigt: Etwa 78 Millionen Euro für Grundschullehrbücher sollen blockiert werden. Im April hatte die Regierung bereits beschlossen, jährlich Bundesmittel für öffentliche Hochschulen um 30 Prozent zu kürzen.

Maria ist Dozentin an einer öffentlichen Universität. "Diese Pläne der Regierung sind eine große Ungerechtigkeit. Sie unterwandern alles, wofür Brasilien jahrelang stand - vor allem freie Bildung für alle." Sie befürchtet, dass der Staat im Zuge einer wirtschaftlichen Liberalisierung der Hochschulen, Kompetenzen im Bildungswesen einbüßen könnte. "Wir sind gerade auf klarem Kurs in Richtung Privatisierung von Bildung." Pläne für weitreichende Privatisierungen von Universitäten werden derzeit im Bildungsministerium vorangetrieben.

Unter die Demonstranten haben sich auch Gewerkschafter und Anhänger der linken Arbeiterpartei gemischt. Auf ihren Jacken prangen Aufkleber mit "Lula livre" - Freiheit für den verurteilten Ex-Präsidenten Lula da Silva. Wegen der Lula-Anhänger nehmen viele Menschen nicht an dem Protest teil, weil sie wütend sind auf Lulas Arbeiterpartei, die - so wie viele Parteien - Teil eines Korruptionsnetzwerks war.

Streit um Gebiete der Indigenen

Zeitgleich gehen mehr als 1000 Kilometer entfernt in der Hauptstadt Brasilia erstmals indigene Frauen wie Cristiane und Kleinbäuerinnen wie Maze zusammen auf die Straße. Auch das hat mit Präsident Bolsonaro zu tun. Er hat sich immer wieder frauenfeindlich geäußert und gegen gleiche Bezahlung von Mann und Frau. Vor allem aber stellt Bolsonaro als erster Präsident seit den 1980er-Jahren einen nationalen Konsens in Frage.

So will er indigene Gebiete für Minen und Agrarflächen freigeben. Die Ureinwohner sollen sich - laut Bolsonaro - an moderne Lebensweisen gewöhnen und in Städte umsiedeln. Forderungen wie diese machen Cristiane Julião vom Stamm der Pankararu wütend. Sie sieht die Aufgabe der Indigenen darin, Fortschritt und den Erhalt des Regenwalds miteinander zu verbinden - und zusätzlich Frauenrechte zu stärken.

Sobald sie mit den mehr als 100.000 Mitstreiterinnen im Regierungsviertel ankommt, wird sie die beiden einzigen weiblichen Richter am Obersten Gerichtshof treffen. Der Kampf für die Rechte aller Brasilianerinnen habe gerade erst begonnen, sagt Cristiane.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 14. August 2019 um 15:00 Uhr.

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