Wenige Touristen gehen über den Domplatz in Mailand.  | Bildquelle: AP

Italien Mailand unter dem Eindruck des Virus

Stand: 27.02.2020 11:13 Uhr

Kaum Touristen, leere Bahnhöfe, Arbeit im Homeoffice: Mailand ist derzeit wie gelähmt. Ein Bericht über den Alltag in der norditalienischen Stadt mit dem Coronavirus.

Von Lisa Weiß, ARD-Studio Rom, zzt. Mailand

Graue Hausschuhe, Freizeithose, die Zahnbürste noch im Mund - so öffnet Riccardo Galeotti die Tür. Der 32-Jährige ist Ingenieur beim Mailänder Reifenhersteller Pirelli. Normalerweise sieht er während der Arbeitszeit nicht so aus, sitzt in seinem Büro statt zu Hause in Sesto San Giovanni. Aber momentan ist wegen des Coronavirus alles anders, sagt Galeotti und macht erst einmal Tee.

Er nimmt alles, was gerade passiert, recht locker und warnt vor übertriebener Panik. Dass seine Firma ihn und die anderen Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt hat, findet er aber sinnvoll: "So vermeiden wir, 2000 Personen zusammenzubringen, die aus unterschiedlichen Orten kommen, unterschiedliche Leute kennen. Das ist sicher positiv." Die Nachteile für die Arbeit seien minimal, der Vorteil für die Allgemeinheit sei hingegen viel größer, deswegen befürworte er die Entscheidung der Firma sehr.

Das Tagesgeschäft laufe auch im Homeoffice, sagt er. Nur einige strategische Entscheidungen wird seine Firma lieber verschieben, da wolle man persönlich sprechen. Galeotti setzt sich an seinen Laptop, gleich hat er eine Konferenz - diesmal via Skype.

 

Taxifahrer aus Mailand: "Es ist ein Desaster"

Anders verhält sich das in der Mailänder Innenstadt, am Taxistand am Hauptbahnhof. Hier kann niemand im Homeoffice arbeiten. Die Taxifahrer sind auf Fahrgäste angewiesen. Aber die bleiben aus, sagt ein Fahrer: "Es ist niemand unterwegs, am Bahnhof ist niemand. Die Leute haben Angst, aber unbegründet. Das ist nur eine Grippe. Ich bin problemlos ohne Mundschutz unterwegs. Die italienische Wirtschaft, besonders in Mailand, die Hotels, Restaurants, Bars, auch die Taxis - es ist ein Desaster, es bricht alles zusammen."

Auch Mailänder Hoteliers bestätigen: Die Lage ist schwierig. Viele Menschen stornieren ihre Zimmer, kaum jemand kommt momentan geschäftlich in die Stadt.

Infografik Verbreitung neues Coronavirus Stand 27.2.2020, 9:00 Uhr
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Die Karte zeigt die aktuelle Verbreitung des Coronavirus am 27.02.2020, 9:00 Uhr

 

Pastagerichte in Plastikschalen

In der großen Küche der Armenspeisung San Francesco, rund zehn Autominuten vom Bahnhof entfernt, herrscht Hochbetrieb. In wenigen Minuten beginnt die Essensausgabe für die Obdachlosen. Doch die gelben Plastikstühle an den langen Tischen im Speisesaal müssen leer bleiben - auf Anweisung der Behörden, wegen des Coronavirus, sagt der Kapuzinermönch Bruder Marcello. Er leitet die Armenspeisung momentan. Um die Menschen nicht hungern zu lassen, packen Helfer jetzt Pastagerichte in Plastikschalen und bereiten Tüten vor, die sie dann an die Obdachlosen ausgeben.

 

Für viele Menschen, die hier Essen bekommen, sei das Coronavirus Grund zur Sorge, sagt Bruder Marcello: "Die älteren Leute haben Angst, besonders die, die nicht das Geld haben, sich einen Mundschutz zu kaufen - auch wenn der sowieso nichts bringt. Aber wer weiß, dass er keinen Zugang zum Gesundheitssystem hat, wer auf der Straße schläft, hat Angst, weil er sich weniger geschützt fühlt."

Kein Besuch bei der alten Mutter

Er selbst habe keine Angst vor dem Virus, nur seine Mutter - eine alte Dame - besuche er auf Wunsch seiner Schwester momentan nicht. "Ich will ein gläubiger Mönch und ein denkender Mensch sein. Ich vertraue auf das, was die Gesundheitsbehörden sagen." Die Panik, von der die Menschen ergriffen seien, hält er für übertrieben. "Man hat das Gefühl, dass alle wieder zwölf Jahre alt sind. Das ist eine Angst wie in Zeichentrickfilmen", so der Mönch.

Es gebe Länder auf der Welt mit viel schlimmeren Infektionskrankheiten, mit verheerenden Epidemien. Doch das habe hier niemanden interessiert. Erst jetzt, mit dem Virus vor der Haustür, müssten sich viele mit Krankheit und Angst auseinandersetzen, sagt Bruder Marcello noch und entschuldigt sich dann. Er will die Menschen, die Essen brauchen, nicht warten lassen.

 

Coronavirus, Sars-CoV-2 und Covid-19

Coronavirus ist die geläufigste Bezeichnung für das neuartige Virus aus China. Dessen offizieller Name, den die WHO festgelegt hat, lautet Sars-CoV-2. Die aus dem Virus resultierende Lungenkrankheit heißt Covid-19.

 

Wie das Coronavirus das Leben in Mailand verändert
Lisa Weiß, ARD Rom, zzt. Mailand
27.02.2020 07:27 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. Februar 2020 um 05:40 Uhr.

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