Der britische Premierminister Boris Johnson | REUTERS

Britische Corona-Mutation Experten verwundert über Johnsons Aussage

Stand: 23.01.2021 13:00 Uhr

Die Corona-Mutation aus Großbritannien verbreitet sich schneller - und ist laut Premier Johnson wohl auch tödlicher. Experten mahnen allerdings zur Vorsicht: Für eine genaue Aussage gebe es noch zu wenig Daten.

In Großbritannien hat eine Debatte über die Gefährlichkeit der neuen Coronavirus-Variante B.1.1.7 begonnen. Premierminister Boris Johnson hatte am Freitag erklärt, es gebe "Hinweise", dass die zuerst in England nachgewiesene Variante nicht nur ansteckender sei, sondern wohl auch "mit einer höheren Sterblichkeitsrate in Verbindung gebracht werden" könne.

Britische Experten zeigen sich verwundert über Johnsons Aussagen: Dass die Virus-Mutation gefährlicher sei und zu einer höheren Sterblichkeit führe, sei "nicht vollständig klar", sagte Yvonne Doyle, medizinische Direktorin der britischen Gesundheitsbehörde im Gespräch mit dem BBC Radio 4. Derzeit würden mehrere Untersuchungen vorgenommen. Es gebe zwar Hinweise. Aber: "Es handelt sich nur um eine kleine Zahl von Fällen, und es ist viel zu früh, um zu sagen, was tatsächlich herauskommen wird", sagte Doyle. Es sei zu früh, jetzt schon ein Ergebnis zu präsentieren.

"Ziemlich kleine Datenmenge"

Der Wissenschaftler Mike Tildesley, Mitglied des Expertengremiums Sage, sagte der BBC, es sei zu früh für klare Aussagen. "Ich würde gerne noch ein oder zwei Wochen warten und ein bisschen analysieren, bevor wir wirklich starke Schlussfolgerungen ziehen." Die Zahl der Todesfälle sei zwar leicht gestiegen, von zehn auf 13 je 1000 Patienten. "Aber das basiert auf einer ziemlich kleinen Datenmenge", sagte Tildesley.

Er sei sehr überrascht gewesen, dass Johnson die Information auf einer Pressekonferenz verkündet habe. "Ich mache mir Sorgen, dass wir Dinge voreilig melden, wenn die Daten noch nicht wirklich besonders aussagekräftig sind", sagte Tildesley.

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) reagierte zurückhaltend auf die Nachrichten aus London. Laut Mike Ryan, Direktor des Gesundheitsnotfall-Programms der WHO, liegen der Organisation bislang keine Belege für eine höhere Sterblichkeitsrate durch die Mutante vor. Klar sei bislang nur, dass eine höhere Anzahl von Infektionen durch die Variante zu mehr Erkrankten führe. Dadurch stiegen automatisch auch die Todeszahlen. "Steigende Inzidenz führt zu höherer Sterblichkeit", erklärte Ryan.

Variante macht größten Teil der Neuinfektionen aus

Die neue Covid-Variante wurde im Oktober zuerst in London und im Südosten von England entdeckt, zurückverfolgen ließ sie sich bis in den September. Inzwischen hat sie sich im ganzen Land ausgebreitet und macht den größten Teil der Neu-Infektionen aus. Sie ist der Grund dafür, warum die Krankenhäuser des britischen Gesundheitsdienstes NHS unter so immensem Druck stehen, sagt Johnson.

Die Zahl der Covid-Patienten in den Kliniken liegt nach Angaben des Premierministers jetzt um 78 Prozent höher als der Höchststand während der ersten Welle im vergangenen Frühjahr. Derzeit werden in Großbritannien täglich rund 40.000 neue Infektionen registriert. Gleichzeitig läuft das britische Impfprogramm auf Hochtouren. 5,5 Millionen Menschen wurden seit Anfang Dezember geimpft, davon allein 400.000 in einem 24-Stunden-Zeitraum von Donnerstag auf Freitag. Alle vorliegenden Belege zeigen, dass beide zur Zeit eingesetzten Impfstoffe auch gegen die neue Variante effektiv sind, erklärt der Regierungschef.

Die in Großbritannien aufgetretene Variante ist nach Ansicht britischer Experten 30 bis 70 Prozent leichter übertragbar als die bislang vorherrschende. Der Charité-Virologe Christian Drosten hatte zuletzt davon gesprochen, dass die Mutante nach neuesten Studien wohl 22 bis 35 Prozent ansteckender ist.

Mit Informationen von Udo Schmidt, ARD-Studio London, zzt. Hamburg

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 23. Januar 2021 um 09:00 Uhr.

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