Mitarbeiter der Uniklinik Charleroi in Belgien versorgen einen Covid-Patienten. |
Reportage

Belgische Kliniken am Limit "Dieses Virus ist furchtbar"

Stand: 25.10.2020 09:51 Uhr

Die Corona-Pandemie trifft Belgien besonders hart. Intensivstationen sind voll, Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern arbeiten bereits am Anschlag. Aber das Schlimmste dürfte noch bevorstehen.

Von Franziska Wellenzohn,

ARD-Studio Brüssel

Es hört nicht auf: Fast stündlich werden neue Corona-Patienten eingeliefert. Die Krankenpfleger auf der Covid-19-Station der Uniklinik von Charleroi geben alles - aber die Nerven liegen blank.

In ganz Belgien nehmen die Neuinfektionen rasant zu. Der vorläufige Höchstwert dieser Woche lag bei fast 15.500 Fällen an einem einzigen Tag - Tendenz steigend. Allein vorgestern mussten 585 Menschen davon in Kliniken aufgenommen werden. Einige von ihnen erkranken schwer und müssen auf der Intensivstation betreut werden. Neben den Patienten mit üblichen Krankheiten und Verletzungen wird das zur Extrembelastung für das Krankenhauspersonal.

Ein Mitarbeiter der Uniklinik Charleroi in Belgien zieht sich eine Schutzbrille an. |

Das Personal in der Uniklinik von Charleroi leidet unter großer Erschöpfung.

"Psychologisch ist das echt schwer"

Müde und erschöpft kommt Krankenschwester Joséphine Casano aus einem Zimmer, bekleidet mit Ganzkörpermontur, Schutzbrille und Visier: "Am meisten belastet mich die Reaktion der Familien, die nicht kommen können..." Weinend unterbricht sie ihren Satz. "Psychologisch ist das echt schwer. Ich schlafe schlecht und ich bin da nicht die einzige." Es sei herzzerreißend, wenn es eine Person nicht schaffe, um die man sich mehrere Tage lang gekümmert habe, sagt eine andere.

Sie kämpfen täglich um jede Patientin und jeden Patienten. Einer von ihnen hat die Intensivstation überlebt. Heute wird er entlassen. "Es ist wie ein Wunder", sagt er unter Tränen und noch sichtlich geschwächt. "Ich hatte große Angst. Dieses Virus ist furchtbar. Ich hab es anfangs nicht ernst genommen, aber jetzt weiß ich: Man muss es sehr, sehr ernst nehmen."

Droht Lüttich eine Situation wie Bergamo im März?

Dass viele Bürger das Virus nicht ernst nehmen, könnte der belgischen Provinz Lüttich an der Grenze zu Deutschland bald zum Verhängnis werden. Die Lage hier ist extrem angespannt. Auch hier ist das Pflegepersonal erschöpft.

"Jeden Tag sehe ich Kollegen, die weinen - und wir stehen erst am Anfang", sagt Philippe Devos, Arzt auf der Intensivstation der CHC Lüttich. "Wir alle haben noch die Bilder vom März aus der Lombardei im Kopf. Wir wissen: Genau das wird uns erwarten, und davor fürchten sich alle."  Worauf er sich bezieht, sind die Tausenden Toten, der Kontrollverlust, und das Massensterben, das im Frühjahr in Norditalien zu beobachten war.

Mitarbeiter der Uniklinik Charleroi in Belgien arbeiten in Schutzkleidung auf einer Intensivstation. |

Die Lage in vielen belgischen Kliniken ist extrem angespannt.

Nordrhein-Westfalen könnte helfen

Lüttich könnte bald ähnliche Szenen erleben. Das Gesundheitssystem gelange jetzt schon an seine Grenzen, obwohl das Schlimmste noch bevorstehe, warnt Devos. Dabei hatte sich Belgien im März eigentlich relativ gut geschlagen mit einem strikten Lockdown.

Mehrere Patienten aus Lüttich mussten bereits in Nachbarstädte verlegt werden. Denkbar wäre auch, dass Krankenhäuser aus Nordrhein-Westfalen bald Patienten aus Belgien aufnehmen, sollte der Nachbarstaat völlig an seine Grenzen stoßen.

Positiv getestete Krankenpfleger müssen weiterarbeiten

Die zweite Welle war absehbar - warum hat man sich also nicht besser vorbereitet und mehr Intensivbetten geschaffen? Das Problem sind weniger die Bettenkapazitäten als das Personal: Ärzte, Schwestern und Pfleger gab es in Belgien schon vor Corona zu wenige, nun müssen sie noch mehr leisten. Man könne sie ja schlecht klonen, meint Virologin Erika Vlieghe.

Hinzu kommt, dass auch das Krankenhauspersonal nicht immun gegen das Virus ist. Fast jeder fünfte ist krank. Und der Rest soll nun die zweite Welle auffangen. So auch Gaëtan Mestag, er ist Krankenpfleger in Brüssel. Bei ihm gehen in der Woche 200 Menschen ein und aus, um sich von ihm auf Covid-19 testen zu lassen. Vor kurzem wurde er selbst positiv getestet. Trotzdem arbeitete er weiter. "Ich kann meine Kollegen nicht im Stich lassen und in Quarantäne gehen: Ich müsste meine Behandlungen absagen - weil ich keinen finde, der auch nur die Hälfte meiner Arbeitstage übernehmen könnte", sagt er.

Und Mestag ist keine Ausnahme. Dass Covid-infiziertes Medizinpersonal möglicherweise nicht-infizierte Patienten behandelt, ist in Belgien nicht nur erlaubt, sondern wohl auch an der Tagesordnung. Das System würde sonst kollabieren.

"Die exponentielle Kurve geht gerade durch die Decke"

20.000 tägliche Neuinfektionen könnte es in Belgien nächste Woche geben. Die Virologin Elke Vlieghe warnt seit dem Sommer davor: "Die exponentielle Kurve geht gerade durch die Decke, und das ist ja nicht einfach so über uns gekommen", sagt sie. "Wir Virologen haben den Anstieg der Infektionen gesehen und wir haben gewarnt, aber leider setzt sich erst jetzt bei der Mehrheit der Gesellschaft und der Politik die Erkenntnis durch, dass wir hier ein Riesenproblem haben."

Bis vor wenigen Wochen hatte Belgien lediglich eine Interimsregierung. Nach anderthalb Jahren zähen Koalitionsverhandlungen gibt es erst seit Anfang Oktober wieder eine reguläre Regierung. Die neuen Minister übernehmen das Land nun inmitten einer katastrophalen Situation.

Jahrelange Sparmaßnahmen rächen sich

Der neue Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke, der die Krise jetzt lösen muss, beschönigt nichts. Auf die Frage ob er eine Implosion des Gesundheitssystem für möglich hält, sagt er schlicht: "Absolut!"

Nun rächten sich die Sparmaßnahmen der Vergangenheit, kritisiert Intensivmediziner Philippe Devos. 2020 sei das erste Jahr, in dem die Regierung das Gesundheitsbudget um 1,2 Milliarden Euro aufstocke. Davor seien über die letzten zehn Jahre Hunderte Millionen Euro abgezogen worden. Man versuche also nun auszugleichen, was man vorher eingespart habe. Das sei zwar sehr gut, komme aber zu spät.

Was passiert, wenn alle Kapazitäten ausgeschöpft sind?

Krankenschwester Joséphine Casano ist verzweifelt und befürchtet das Schlimmste: "Vielleicht haben wir bald nicht mehr genug Platz, und dann können wir nicht alle retten und wir müssen auswählen", sagt sie. "Aber wie? Retten wir den Dreißigjährigen? Oder den Sechzigjährigen? Ich weiß es nicht. Und wie lebt man danach mit sowas? Ich weiß es nicht."

Über dieses Thema berichtete das Europamagazin im Ersten am 25. Oktober 2020 um 12:45 Uhr.