Eine Ampulle mit einem möglichen Corona-Impfstoff wird in einem britischen Labor geschlossen. | Bildquelle: REUTERS

Britische Sicherheitsbehörden Spioniert Russland Impfforscher aus?

Stand: 16.07.2020 17:34 Uhr

Sicherheitsbehörden schlagen Alarm: Russische Hacker sollen weltweit Wissenschaftler ausspähen, die an einem Corona-Impfstoff arbeiten. Die britische Regierung wirft dem Kreml auch Vergehen in Bezug auf die Unterhauswahl vor.

Einmischung in die Parlamentswahl und Datenklau bei Impfstoff-Forschern: Großbritannien beklagt gleich mehrere illegale Aktivitäten aus Russland. Nach Angaben des Nationalen Zentrums für Cybersicherheit (NCSC) versuchen russische Hacker, im Auftrag des Kremls an Informationen zu Corona-Impfstoffen zu kommen. Die Gruppe APT29 habe versucht, weltweit Daten von Forschungsinstituten und Pharmaunternehmen zu stehlen, die an Coronavirus-Impfstoffen arbeiten.

Offenbar keine Daten sabotiert

Darüber, ob die Hacker auch tatsächlich Forschungsdaten erbeuteten, wurden keine Angaben gemacht. Die anhaltenden Angriffe seien aber offenbar darauf ausgelegt gewesen, sich solche Daten zu sichern und nicht dazu, die Forschungen zu torpedieren, hieß es aus Geheimdienstkreisen. Es geht demnach also nicht um Sabotage, sondern um Industriespionage. Bei den gestohlenen Regierungsdokumenten handelte es sich um Protokolle von britisch-amerikanischen Handelsgesprächen.

Es sei "völlig inakzeptabel, dass die russischen Geheimdienste auf diejenigen abzielen, die an der Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie arbeiten", sagte Außenminister Dominic Raab. "Während andere ihre selbstsüchtigen Interessen mit rücksichtslosem Verhalten verfolgen, machen Großbritannien und seine Verbündeten mit der harten Arbeit weiter, einen Impfstoff zu finden und die globale Gesundheit zu schützen." Er rief Moskau auf, die Spionageaktivitäten zu beenden. Das NCSC veröffentlichte eine Sicherheitsempfehlung, um potenziell betroffenen Organisationen bei der Bewältigung der Bedrohung zu helfen.

Eine medizinische Mitarbeiterin der Oxford Universität setzt einem Probanden eine Injektion. | Bildquelle: dpa
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Etwa 100 Forschungsgruppen auf der ganzen Welt arbeiten an Impfstoffen gegen das Coronavirus, darunter auch die britische Universität Oxford.

Auch Kanada und USA beschuldigen Kreml

Es ist selten, dass Großbritannien ausdrücklich ein anderes Land beschuldigt, hinter einer koordinierten Kampagne von Cyber-Angriffen zu stecken. Die britischen Beamten erklärten jedoch, dass auch die USA und Kanada ihre Einschätzungen teilten. "Mit ziemlicher Sicherheit" agiere die Hacker-Gruppe, die auch als "The Dukes" oder "Cozy Bear" bekannt ist, als Teil der russischen Geheimdienste.

"Cozy Bear" wurde auch gemeinsam mit einer anderen Gruppe namens "Fancy Bear" für die Hackerangriffe auf die Demokraten vor der US-Wahl 2016 verantwortlich gemacht. Die Gruppe verwendet unter anderem Phishing-E-Mails und benutzerdefinierte Malware, die als "WellMess" und "WellMail" bekannt sind, um Geheimnisse zu stehlen. Zielgruppe sind auch Regierungen, Thinktanks und der Energiesektor.

Versuchte Einmischung in Unterhauswahl

Fast zur gleichen Zeit erklärte Raab in einer schriftlichen Stellungnahme im Parlament, es sei "beinahe sicher, dass russische Akteure durch die Online-Verbreitung unrechtmäßig erlangter Regierungsdokumente in die Unterhauswahl 2019 eingreifen wollten". Dies sei über die massenweise Verbreitung von illegal beschafften Regierungsdokumenten im Internet geschehen. Die Dokumente bezogen sich nach Angaben des Ministers auf Handelsfragen zwischen London und Washington. In dem Fall werde nun strafrechtlich ermittelt.

In den kommenden Tagen will der Geheimdienstausschuss des Parlaments überdies seinen Bericht zu dem Verdacht der russischen Einmischung in das Brexit-Votum vom Juni 2016 veröffentlichen. Die Briten hatten sich damals mit knapper Mehrheit für den Austritt aus der Europäischen Union entschieden. Wie auch bei der Präsidentenwahl im selben Jahr in den USA besteht der Verdacht, dass Russland die Abstimmung manipuliert haben könnte.

Nach einem Bericht der "Sunday Times" vom vergangenen Jahr wurden in dem Bericht auch die Beziehungen mehrerer russischer Großspender der britischen Konservativen zum russischen Inlandsgeheimdienst FSB unter die Lupe genommen. Die Zeitung berichtete jedoch unter Berufung auf Insider auch, dass der Ausschuss nicht klären konnte, ob russische Einflussnahme für den Ausgang des Brexit-Referendums entscheidend war. Johnson hatte die Annahme der Spenden verteidigt.

Angespanntes Verhältnis

Russland wies die Vorwürfe zurück. "Wir haben keine Informationen darüber, wer Pharmaunternehmen und Forschungszentren in Großbritannien gehackt haben könnte", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow der russischen Nachrichtenagentur Tass. Russland habe "mit diesen Versuchen nichts zu tun". Auch die "jüngsten haltlosen Vorwürfe einer Einmischung in die Wahlen von 2019" wies Peskow zurück.

Die Beziehungen zwischen Großbritannien und Russland sind seit Längerem äußerst angespannt - unter anderem wegen des Giftanschlags auf den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter Julia im März 2018 im englischen Salisbury. Die britische Regierung macht den russischen Geheimdienst für den Anschlag verantwortlich. Moskau weist die Vorwürfe zurück. Erst in der vergangenen Woche verhängte Großbritannien Sanktionen gegen russische Akteure, die Menschenrechtsverstöße begangen haben sollen. Russland kündigte umgehend Gegensanktionen an.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 16. Juli 2020 um 18:00 Uhr.

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