Ein junges Paar aus Bochum sitzt zusammen beim Abendessen während des Ramadans und telefoniert mit seinen Freunden per Videokonferenz. | Bildquelle: dpa

Ramadan in Corona-Zeiten Alleine fasten ist schwer

Stand: 26.05.2020 19:33 Uhr

Der muslimische Fastenmonat beginnt. Gemeinsam die Ramadan-Rituale zu feiern, ist wegen der Corona-Krise fast unmöglich. Für das abendliche Fastenbrechen könnte "Iftar to go" eine Lösung sein.

Von Ulrich Pick, SWR

Eigentlich sind die Moscheen in der islamischen Fastenzeit so voll wie nie. Denn im Ramadan wird nicht nur die innere Einkehr groß geschrieben, sondern auch das gemeinsame Treffen mit Verwandten und Freunden.

Doch durch die Corona-Krise ist dieses Jahr alles ganz anders, da die Moscheen geschlossen sind. Somit fällt nicht nur das öffentliche Beten aus, sondern auch das gemeinschaftliche Fastenbrechen, das Iftar-Essen, das dort allabendlich stattfindet. Denn die Großküchen, die es in vielen islamischen Gotteshäusern gibt, müssen ebenfalls geschlossen bleiben.

Zudem darf man sich momentan nicht gegenseitig besuchen. Für die meisten Muslime hierzulande bedeutet dies eine ungewohnte Einschränkung. "Beten kann man auch zu Hause", betont Ali Ipek, der Vorsitzende des Ditib-Landesverbandes Baden-Württemberg, "aber das gemeinsame Fastenbrechen mit Freunden und Bekannten wird aufgrund des Kontaktverbotes deutlich leiden."

Datteln werden beim Fastenbrechen im Fastenmonat Ramadan gereicht. | Bildquelle: dpa
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Datteln werden beim Fastenbrechen im Fastenmonat Ramadan traditionell gereicht.

"Iftar to go"

Ähnlich sieht es Omar Alaoui aus dem Vorstand des Islamischen Kulturvereins in Mainz.  Man werde vor allem die Besuche und das gemeinsame Fastenbrechen vermissen, bedauert der gebürtige Marokkaner. Für den Fall, dass gerade ältere Gemeindemitglieder sich keine Mahlzeit zubereiten könnten, habe sein Verein aber eine Hotline eingerichtet, über die sie sich Speisen und Getränke liefern lassen könnten.

Dieses "Iftar to go", wie es vielfach genannt wird, wollen zahlreiche deutsche Moscheegemeinden während des Ramadans einrichten. So hat die Ditib-Gemeinde in Wuppertal angekündigt, sie werde täglich 300 warme Mahlzeiten kochen lassen und mit einem Lieferservice verteilen. "Wir wuppen Iftar" heißt die Aktion.

Fehlende Spenden

Während man die sozialen Schwierigkeiten infolge der Corona-Krise durch erhöhten persönlichen Einsatz auszugleichen versucht, dürften ebenfalls auftretende finanzielle Schwierigkeiten schwerer zu kompensieren sein. Größere türkische Verbände wie Ditib oder die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs verfügen über ein gutes Finanzpolster, da sie bezahltes Personal vom Amt für religiöse Angelegenheiten in Ankara bekommen.

Aber bei manchen kleineren Moscheegemeinden und Vereinen dürfte aber das Geld knapp werden. Denn sie leben in erster Linie von Spenden, und die dürften in diesem Ramadan kleiner ausfallen als sonst. So sagt Omar Alaoui vom Islamischen Kulturverein in Mainz:

"Unsere Moschee ist angewiesen auf Spenden, und Ramadan ist für uns die Hauptquelle für die Spenden. Wir versuchen aber, das Beste daraus zu machen."

Eine Gewissensfrage

Bleibt die Frage, ob durch die Corona-Pandemie auch die Zahl der fastenden Muslime kleiner sein wird als in früheren Jahren. Burhan Kesici, der Sprecher des Koordinationsrates der Muslime (KRM), einem Zusammenschluss von sechs großen islamischen Verbänden, geht nicht davon aus.

Möglicherweise werde der Eine oder die Andere aus gesundheitlicher Vorsicht auf das Fasten verzichten: "Aber mit Blick auf die Gesamtzahl wird das wohl keine Rolle spielen", so Kesici.

Kranke, Alte und Schwangere sind ohnehin von der Fastenpflicht entbunden. Und da es im Islam keine verbindliche Lehrautorität gibt, muss letztlich jeder Gläubige die Entscheidung, ob er fastet oder nicht, mit seinem Gewissen und Gott ausmachen.

Ramadan

Der Ramadan ist der neunte Monat des islamischen Kalenders und ist für die Muslime heilig. Denn nach der Tradition wurde dem Propheten Mohammad in diesem Monat der Koran offenbart. Im Ramadan gilt für gläubige Muslime in der Zeit von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang eine Fastenpflicht. Sie zählt neben dem Glaubensbekenntnis ("Schahada"), dem täglich fünfmaligen Gebet ("Salat"), der Almosensteuer ("Zakat") und der Pilgerfahrt nach Mekka ("Hadsch") zu den fünf sogenannten Säulen des Islam. Was die Nahrungsaufnahme betrifft, so hat der Ramadan ein widersprüchliches Gesicht. Denn viele Muslime nehmen in ihrem Fastenmonat zu. Am Tag nämlich wird das öffentliche Leben in den islamischen Ländern meistens verlangsamt und in der Nacht essen und trinken die meisten Familien ausgiebig. Nächstes Jahr beginnt der Ramadan schon am 13.Mai. Denn der islamische Kalender richtet sich nach dem Mond und nicht nach der Sonne. Und das Mondjahr ist elf Tage kürzer als das Sonnenjahr.

Warten auf eine "richtige Familien-Fete"

Auch wenn die Moscheen zur Zeit noch geschlossen sind, wünschen sich die Muslime, dass ihre Gotteshäuser vom 4. Mai an sukzessive wieder geöffnet werden.

So hofft die Imamin Rabeya Müller vom Liberal-Islamischen Bund in Köln, dass spätestens zum Ende des Ramadans, dem dreitätigen Fest Id al Fitr, alle Gläubigen wieder zusammen feiern können: "Hoffentlich werden wir dann eine richtige Familien-Fete machen."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 23. April 2020 um 06:31 Uhr.

Korrespondent

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