Polizisten stehen an einer Kreuzung in Amritsar | Bildquelle: AFP

Ausgangssperre in Indien Das größte soziale Experiment der Welt

Stand: 27.03.2020 09:02 Uhr

Wer sich in Deutschland von einer Ausgangssperre betroffen fühlt, sollte nach Indien schauen: Das Land ist komplett abgeriegelt. Die Unsicherheit ist groß - und die Polizei greift hart durch.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Unzählige Videos machen in den sozialen Netzwerken die Runde, zum Teil haben die Polizisten sie selbst gefilmt und dann online gestellt. Eines aus dem Norden Indiens zeigt, wie Männer mit Tüchern vor den Gesichtern Kniebeugen in einem Innenhof machen. Sie werden gezwungen zu sagen: "Wir sind die Feinde unserer Gesellschaft, weil wir nicht zu Hause sitzen." Denn, wer "ohne Grund" auf der Straße erwischt wird, kann zu Haftstrafen von bis zu zwei Jahren verurteilt werden.

Derzeit scheinen einige Polizisten in Indien die Menschen im Land abschrecken zu wollen, Kniebeugen sind dabei noch harmlos. Auf einigen Videos schlagen Polizisten Männer mit Schlagstöcken oder zwingen Anwohner, sich gegenseitig Ohrfeigen zu verteilen. 

Auch wenn einige Userinnen und User das harte Vorgehen in den sozialen Netzwerken kritisieren, sind andere der Meinung, dass eine Tracht Prügel durchaus gerechtfertigt sei, um die Leute zu zwingen, wegen der Corona-Epidemie zu Hause zu bleiben.

Polizisten kontrollieren die Einhaltung der Ausgangssperre in Indien. | Bildquelle: AFP
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Landesweit sind Polizisten im Einsatz, um auf die Einhaltung der Ausgangssperre zu kontrollieren. Wer sich widersetzt, muss mit harten Strafen rechnen.

Soziale Distanz - in Indien normalerweise ein Fremdwort

Kaum jemand hätte wohl geglaubt, dass Indien eine totale Ausgangssperre im Land zustande brächte. Wer schon einmal in einer Mega-Metropole in Indien war, weiß, dass soziale Distanz für die meisten Menschen hier ein absolutes Fremdwort ist: Normalerweise drängeln sich die Menschen dicht an dicht in den Zügen, Bussen, Bahnhöfen, in den schmalen Gassen der Innenstädte. Die Straßen sind vollgestopft mit Autos, Tuktuks, Bussen, Menschen und Kühen.

Jetzt aber klingt die Hauptstadt Neu-Delhi in etwa so, als würde man sich in einer Vogel-Voliere aufhalten. Mit dem Unterschied, dass die Vögel derzeit weiterhin überall hinfliegen können, die Menschen aber stehen vor Barrikaden. Straßen und Stadtviertel sind abgeriegelt. Mit Stahltoren oder auch mit einfachen Holzstöcken, die Menschen daran hindern sollen, von einem Stadtviertel zu anderem zu gehen.

Millionen Menschen in den Städten aber haben hier gar kein richtiges Heim. Sie wohnen auf Baustellen, auf denen es derzeit keine Arbeit mehr gibt. Sie wollen zurück zu ihren Familien auf die Dörfer, obwohl die Grenzen zwischen den Bundesstaaten komplett abgeriegelt sind.

Ausgangssperre für 1,3 Milliarden Menschen in Indien
tagesthemen 22:05 Uhr, 27.03.2020, Peter Gerhardt, ARD Neu-Delhi

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Trotz Hausarrest Marktgedränge in Neu-Delhi

In Indien findet derzeit das größte soziale und demokratische Experiment der Welt statt. Denn per Definition ist Indien die "größte Demokratie" der Welt, und nicht überall lassen sich die straffen Maßnahmen durchsetzen. Auf einem Markt in Neu-Delhi scheint die Ausgangssperre niemanden zu interessieren. Die Menschen drängeln sich dicht an dicht und kaufen, als ob es kein Morgen gäbe.

Auch die deutschen Touristen, die noch in Indien sind, machen sich große Sorgen. Wie Lara Vucemilovic, die gerade im Urlaub in Indien war: "Da ist bei mir vorgestern alles zusammengebrochen. Ich liebe Indien und bin auch gerne hier, aber ich habe Verantwortung zu Hause zu tragen."

Lara Vucemilovic hat es auf den Flieger geschafft, den die deutsche Botschaft trotz des Flugverbots organisiert hat und ist nun zu Hause in Deutschland.

Polizisten kontrollieren Motorrad- und Autofahrer in Neu-Delhi | Bildquelle: AFP
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In Neu-Delhi nehmen viele Menschen die Ausgangssperre offenbar nicht so ernst.

Ein Mann geht über eine leere Straße in Bhopal | Bildquelle: SANJEEV GUPTA/EPA-EFE/Shuttersto
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In Bhopal sind die Straßen dagegen nahezu menschenleer.

40 Prozent Infizierte bedeuten 70 Millionen Patienten

Die Inderinnen und Inder aber bleiben in einem Land, in dem es zu einer völligen Katastrophe käme, wenn eine Pandemie ausbrechen würde. Der Gesundheitsexperte Jha aus Harvard befürchtet, dass sich 40 Prozent der Menschen anstecken könnten: Dann wären 70 Millionen Menschen auf Pflege im Krankenhaus angewiesen, 20 Millionen bräuchten Intensivpflege.

Das könnte kein Land der Welt meistern. Deshalb hat die indische Regierung die Reißleine gezogen und die so genannte größte Demokratie der Welt unter Hausarrest gestellt. Das Pflegepersonal in den indischen Krankenhäusern sagt: "In Indien können wir es uns nicht leisten, diesen Krieg zu verlieren."

Das größte soziale Experiment der Welt - Indien unter Hausarrest
Silke Diettrich, ARD Neu-Delhi
27.03.2020 07:54 Uhr

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