Impfstofffläschchen in chinesischer Fabrik | Bildquelle: WU HONG/EPA-EFE/Shutterstock

Corona-Pandemie Bedenken gegen Massenimpfungen in China

Stand: 06.10.2020 12:30 Uhr

China entwickelt mit Hochdruck Impfstoffe, um sie auf den Markt zu bringen. Hunderttausende wurden bereits geimpft. Das Ausmaß und die Intransparenz der Impfprogramme schreckt Experten auf.

Von Ruth Kirchner

Erst waren die Mitarbeiter einiger Staatsbetriebe dran, dann Soldaten der Volksbefreiungsarmee, Angestellte von pharmazeutischen Unternehmen und medizinisches Personal. Auch Lehrer, Busfahrer, Zugpersonal und Menschen, die in Risikogebiete reisen, stehen auf den Listen. Sie alle sind oder sollen gegen SARS-COV2 geimpft worden, obwohl ein offiziell zugelassener Impfstoff noch gar nicht auf dem Markt ist.

Impfstoff wird in China verpackt | Bildquelle: REUTERS
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Ein offizieller Impfstoff ist noch gar nicht auf dem Markt.

Hunderttausende Menschen seien bereits geimpft worden, sagt Liu Jingzhen, Chef des staatlichen Pharmakonzerns Sinopharm im Fernsehen. Keiner von ihnen habe von Nebenwirkungen berichtet. In der Praxis habe sich also gezeigt, dass das völlig sicher sei.

Informationen zu Impfprogrammen gibt es kaum

Seit die chinesische Regierung im Sommer die Verwendung experimenteller Impfstoffe mit einer Notverordnung für besonders dringende Fälle zugelassen hat, laufen die Impfprogramme. Doch genaue Informationen sind spärlich, Pharmafirmen und Behörden mauern, Teilnehmer sollen sich öffentlich nicht äußern.

Einer der wenigen, der das dennoch getan hat, ist der Kolumnist Kan Chai. Er habe Vertrauen in Chinas Impf-Technologie, sagte er bei einer Online-Veranstaltung, daher sei er bereit, als Versuchskaninchen zu dienen. Die größte Gefahr sei, dass der Impfstoff nicht wirke. Aber der Gesundheit werde er schon nicht schaden. Ihm gehe es gut, alles ok - genau wie er erwartet habe.

Menschen in Einkaufsstraße in China | Bildquelle: dpa
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Die Zahl der Corona-Infektionen in China ist derzeit niedrig.

Wirksamkeit der Impfstoffe lässt sich nicht testen

Ob die Impfstoffe wirken, ist in der Tat eine offene Frage. Soviel räumte auch die staatliche Gesundheitskommission kürzlich ein. Die Massen-Impfungen werden diese Frage nicht beantworten können: denn in China ist Zahl der Corona-Infektionen so niedrig, dass sich die Wirksamkeit von Impfstoffen gar nicht testen lässt. Vielversprechende Impfstoffkandidaten aus chinesischen Laboren werden daher im Ausland getestet.

Internationale Experten sind besorgt

Warum dann die Impfungen im Inland? Internationale Experten sind ratlos und besorgt. Joy Zhang, Medizinerin und Soziologin an der Universität Kent in Großbritannien, sagt, wenn es keinen wissenschaftlichen Nutzen für ein Experiment oder eine wissenschaftliche Unternehmung gebe, werfe das sofort große ethische Fragen auf. Unklar sei beispielsweise auch, ob die Teilnehmer genau wüssten, worauf sie sich einließen. "Ist die Impfung wirklich freiwillig oder wird - etwa bei der Armee - Druck ausgeübt?"

Behörden wischen Bedenken vom Tisch

Und was ist, wenn es doch Nebenwirkungen gibt? Werden die Programme dann vorübergehend ausgesetzt - so wie bei AstraZeneca in England? Die chinesischen Behörden wischen Bedenken vom Tisch. Zheng Zhongwei von der staatlichen Gesundheitskommission erklärt: "Wir haben sehr deutlich gemacht, dass die Impfungen im Rahmen der Notfallverordnung sicher sind." Ihre Wirksamkeit müsse sich noch erweisen. Die Teilnehmer schützten sich daher auch anderweitig gegen das Virus. Aber bislang gebe es keinen einzigen Fall mit schweren Nebenwirkungen oder Infektionen.

Mitglied der chinesischen Gesundheitskommission, Zheng | Bildquelle: AP
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Zheng Zhongwei von der staatlichen Gesundheitskommission hat keine Bedenken gegen die Impfungen.

Öffentliche Debatte in China nicht erlaubt

Eine öffentliche Debatte über die wissenschaftlichen und ethischen Fragen der Massen-Impfungen ist in China nicht erlaubt, eine unabhängige Ethikkommission gibt es nicht. Impfskandale haben zudem das öffentliche Vertrauen immer wieder erschüttert - zuletzt vor zwei Jahren als fehlerhafte Impfstoffe gegen Tetanus und Keuchhusten im Umlauf waren.

Gerade deshalb sei jetzt Transparenz umso wichtiger, sagt Joy Zhang. "Gerade in Zeiten wie diesen - in denen wir es mit einem Notfall im öffentlichen Gesundheitssystem zu tun haben - ist es entscheidend, dass die Behörden klar sagen, was sie tun, um ähnliche Szenarien zu verhindern." Zhangs Appell an China: "Ruiniert vielversprechende wissenschaftliche Arbeit nicht durch Geheimniskrämerei." Allerdings war Transparenz noch nie die Stärke der chinesischen Behörden - auch nicht in Corona-Zeiten.

Chinas Massen-Impfungen gegen Corona werfen viele Fragen auf
Ruth Kirchner, ARD Peking
06.10.2020 12:36 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 06. Oktober 2020 um 11:11 Uhr auf B5 Aktuell.

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Ruth Kirchner, RBB

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