Der Gouverneur von Sao Paulo, Joao Doria, und Butantan-Institutsdirektor Dimas Covas halten bei einem Pressetermin eine Schachtel des chinesischen Wirkstoffs, der derzeit getestet wird. | Bildquelle: AP

Corona-Krise in Brasilien Impfstoff-Suche wird zum Politikum

Stand: 12.11.2020 15:03 Uhr

Die Suche nach Corona-Impfstoffen gerät in Brasilien immer mehr in den Strudel politischer Machtkämpfe. Präsident Bolsonaro keilt gegen den chinesischen Impfstoff "CoronaVac", den sein Rivale, Gouverneur Doria, bald an die Bevölkerung verteilen will. Auf dem Spiel steht die rechtzeitige Versorgung der Bevölkerung mit Impfstoffen - und die Unabhängigkeit der brasilianischen Gesundheits-Aufsichtsbehörde.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Beim weltweiten Wettstreit um den besten Corona-Impfstoff geht es eigentlich um die höchste Effizienz der Wirkstoffe oder den frühesten Zeitpunkt einer Massenimpfung. In Brasilien dagegen sorgen sich führende Politiker offenbar mehr um ihre persönliche Profilierung, die Mobilisierung der eigenen Anhänger und eine gute Ausgangsposition für die Präsidentschaftswahl 2022.

Hauptakteure sind der rechtspopulistische Präsident Jair Bolsonaro und der Gouverneur von São Paulo, João Doria, die sich bereits im März - zu Beginn der Pandemie - einen heftigen Schlagabtausch geliefert hatten. Damals verharmloste Bolsonaro das neuartige Virus und sprach in Bezug auf die Folgen von einer "kleinen Grippe". Die Brasilianer sollten nicht zu Hause bleiben, sondern arbeiten gehen, damit die Wirtschaft nicht in Mitleidenschaft gezogen werde. Doria widersprach Bolsonaro öffentlich und rechtfertigte die rigiden Quarantäne-Maßnahmen, die er in seinem Bundesstaat São Paulo erließ, wo das Virus heftig wütete.

Seitdem sind landesweit mehr als 160.000 Menschen in Verbindung mit dem Coronavirus gestorben. In Städten wie der Amazonas-Metropole Manaus kollabierte das Gesundheitssystem - auch, weil Bolsonaro viel zu spät Bundesmittel bereitstellte und lange keine Ärzte sowie Beatmungsgeräte in die arme Provinz entsandte. Menschen mit Vorerkrankungen wie Diabetes starben in ihren eigenen vier Wänden, weil bei weitem nicht genügend Notfallbetten in Krankenhäusern zur Verfügung standen.

Ein Deal und seine Folgen

Weil Brasilien eines der Länder mit den meisten Infizierten weltweit ist, geriet das Land in den Blick aller weltweit führenden Impfstoff-Hersteller. Nicht nur die Mainzer Firma Biontech, sondern auch AstraZaneca, Johnson & Johnson und der russische Hersteller von "Sputnik V" testen ihre Vakzine an Brasilianern, weil hier für Probanden die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung mit dem Virus höher ist als anderswo. Doch kein Hersteller bestimmt derzeit die Schlagzeilen im Land so wie das chinesische Unternehmen Sinovac, das den Wirkstoff "CoronaVac" herstellt.

Den Vertrag mit den Chinesen hatte Doria eingefädelt: Er hob eine Kooperation zwischen China und dem renommierten Institut Butantan aus der Taufe. Dies sorgte für Aufsehen - vor allem, als Doria behauptete, noch in diesem Jahr einen fertigen Impfstoff präsentieren zu können. Diese Aussage hat sich mittlerweile als voreilig entpuppt: Die "CoronaVac"-Impfung wird frühestens 2021 zur Verfügung stehen.

Dennoch schien der eifrige Gouverneur zwischenzeitlich als Gewinner aus der Corona-Krise hervorzugehen, was Präsident Bolsonaro wohl nicht gefiel. Der konservativ-liberale Doria gilt seit Langem als aussichtsreicher Herausforderer Bolsonaros bei der nächsten Präsidentschaftswahl. Kurz nach Dorias China-Deal verkündete Bolsonaros Gesundheitsministerium einen Vertragsabschluss mit einem anderen Hersteller. Weitere Impfstoff-Firmen kooperieren seitdem mit verschiedenen Bundesstaaten des Landes. So wurde aus dem Corona-Krisenland Brasilien ein Testlabor für den Impfstoff.

Ein Todesfall sorgt für Schlagzeilen

Während immer mehr Probanden entweder einen neuartigen Impfstoff aus England, den USA, Deutschland oder Russland oder ein Placebo gespritzt bekommen, eskaliert der politische Streit über die Impfung mit dem chinesischen Präparat. Als Mitte Oktober Bolsonaros Gesundheitsministerium die Anschaffung von 46 Millionen Impfdosen aus dem Reich der Mitte bekannt gab, pfiff der Präsident seinen Gesundheitsminister Eduardo Pazuello sofort zurück: "Wir werden diese chinesische Impfung nicht kaufen." Es war der harte Kern der Bolsonaro-Anhänger, der den Präsidenten über die sozialen Medien zu dieser Aussage trieb - und darüber hinaus den Rücktritt des Ministers forderte.

Viele Anhänger des rechtsextremen Präsidenten pflegen anti-chinesische Ressentiments. Es sind oft Nationalisten, die den gewaltigen wirtschaftlichen Einfluss Chinas im größten Land Südamerikas am liebsten rückgängig machen würden. Der jüngste Höhepunkt im politischen Impfstoff-Streit fand diese Woche statt: Ein Proband der chinesischen Testreihe war gestorben.

Einen anderen Todesfall hatte es bereits Ende Oktober bei einer Studie des britisch-schwedischen Pharmakonzerns AstraZeneca gegeben - da der Proband damals aber keine Wirkstoffdosis, sondern ein Placebo erhalten hatte, gingen die Tests damals weiter. Als nun der Vorfall in der chinesischen Testreihe bekannt wurde, schrieb Bolsonaro auf Facebook, er habe nun gegen Doria "gewonnen" - als bestätige sich durch diesen Tod seine China-kritische Sicht.

Die Gesundheits-Aufsichtsbehörde Anvisa - angeführt von einem Bolsonaro-Vertrauten - stoppte die chinesische Testreihe umgehend. Darauf reagierten Wissenschaftler weltweit mit Kritik. Am Ende stellte sich heraus, dass der Proband nicht an den Impfstoff-Nebenwirkungen gestorben war, sondern sein Leben selbst beendet hatte. Anvisa genehmigte daraufhin die Fortführung der Tests.

Demonstrierende halten bei einer Protestaktion gegen die Corona-Impfstofftests eine große Pappmaché-Spritze in die Höhe. | Bildquelle: REUTERS
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Bolsonaro-Anhänger protestieren Ende Oktober in São Paulo gegen Gouverneur Dorias Vorpreschen beim Impfstoff-Rennen.

Kommunalwahlen stehen bevor - Bolsonaro droht Schlappe

Der Streit um die Sinovac-Impfung zeigt, wie sehr der Wettlauf um den besten Impfstoff in Brasilien zu einer politischen Schlammschlacht verkommen ist. Darunter leidet nicht nur das Ansehen der Gesundheitsbehörde Anvisa, sondern auch das Vertrauen der Menschen in die Objektivität ihrer politischen Anführer. Dass gerade jetzt der Streit entbrannt ist, dürfte kein Zufall sein: Am Sonntag finden Kommunalwahlen in Brasilien statt. In Umfragen stehen die von Bolsonaro unterstützten Kandidaten denkbar schlecht da - in den Städten Rio de Janeiro und São Paulo droht ihnen das Aus noch vor der Stichwahl.

2022 stehen dann Präsidentschaftswahlen an, wo João Doria kandidieren und Bolsonaro herausfordern dürfte.

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