Chilenische Menschenrechtler kämpfen dafür, am Ort der ehemaligen Sektensiedlung eine Gedenkstätte einzurichten.

"Colonia Dignidad" Gerichtsbeschluss "schallende Ohrfeige"

Stand: 25.09.2018 21:03 Uhr

Überlebende Opfer der "Colonia Dignidad" in Chile können den Gerichtsbeschluss kaum fassen: Hartmut Hopp, der ehemalige Arzt der berüchtigten Sektensiedlung, bleibt auf freiem Fuß.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Als Werner Schmidtke die Nachricht liest, kann er seine Wut kaum in Worte fassen. Jahrelang wurde er als Sklave der Sekte "Colonia Dignidad" mit Elektroschocks misshandelt. Bei der sogenannten "Therapiemaßnahme" mit Hilfe von Viehtreibern sei auch Sektenarzt Hartmut Hopp dabei gewesen.

Werner Schmidtke versichert, dass "Hopp als angehender Arzt die Spuren an Kinderleibern gesehen hat". Dass der führende Arzt der deutschen Sektenkolonie vor seiner Strafe in Chile nach Krefeld flüchten konnte und hierzulande frei herum läuft, sei eine "schallende Ohrfeige für die Opfer und ein Skandal", sagt Werner Schmidtke.

Ein Mann spricht vor einer Gruppe
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Winfried Hempel ist eines der wenigen ehemaligen Sektenmitglieder, das offen über die Verbrechen auf dem Gelände der "Colonia Dignidad" spricht.

In Chile verurteilt

Hopp war 2011 in Chile wegen Beihilfe zur Vergewaltigung und zum sexuellen Missbrauch von Minderjährigen zu einer Haftstrafe von fünf Jahren verurteilt worden. Die Taten wurden zwischen 1993 und 1997 in der deutschen Sektensiedlung von deren Gründer Paul Schäfer begangen, der 2010 in chilenischer Haft starb. Jetzt entschied das Oberlandesgericht Düsseldorf letztinstanzlich, dass das chilenische Urteil nicht in Deutschland vollstreckt wird.

Hopps Verteidiger Helfried Roubicek erklärte, damit sei sein Mandant "total rehabilitiert". Doch der Fall sorgt für Empörung. Der CDU-Abgeordnete Michael Brand und die Grüne Renate Künast sprechen von einer "absoluten Enttäuschung".

Viele Fragen offen

Zudem bleiben viele Fragen offen, die die deutsche Justiz und das Auswärtige Amt in ein zweifelhaftes Licht rücken. Denn bei der Staatsanwaltschaft Krefeld sind seit längerem Ermittlungen anhängig, um Hopp nach deutschem Recht anklagen zu können.

Doch die Anzeige von Opferanwälten kommt seit 2011 kaum voran. Es geht dabei auch um Vorwürfe der Beteiligung an der Tötung von drei chilenischen Oppositionellen und einer nicht medizinisch indizierten Abgabe von Psychopharmaka.

Ein Mann hockt vor einem Grill
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Joachim Zeitner war einer der Sklaven der Sekte "Colonia Dignidad". Nach dem Tod des Sektenführers Paul Schäfer verließ er die grausame Kolonie und lebt seitdem mit seiner Familie im Süden Chiles.

Sozialleistungen in Krefeld erhalten

Dazu kommt die Frage nach Hopps Vermögensverhältnissen. Er erhielt in Krefeld jahrelang Sozialleistungen. Gleichzeitig leistete sich die ehemalige rechte Hand des Sektenführers Schäfer den Strafverteidiger Helfried Roubicek, der als einer der besten und teuersten seiner Zunft gilt.

Roubicek hatte seinerzeit auch den Reemtsma-Entführer Drach verteidigt. Aus welchen Mitteln Hopp den Anwalt zahlt, dazu schweigt er. Immer wieder kursieren Gerüchte, Hopp habe in den 1990er-Jahren Geld der ehemaligen Sekte in der Karibik deponiert.

Das Auswärtige Amt trieb die Untersuchung zur Vermögenslage und die Aufarbeitung der Verbrechen der "Colonia Dignidad" bis heute offenbar nicht ausreichend voran. Kritiker sprechen von einem weiteren Schlag ins Gesicht für Menschen wie Werner Schmidtke, die ihre Erlebnisse bis heute nicht verarbeiten können. Eine Entschädigung vom deutschen Staat, der die Sekte jahrzehntelang schützte, sah er bis heute nicht.

Colonia-Dignidad-Opfer fassungslos über Straflosigkeit für Sektenarzt
Ivo Marusczyk, ARD Buenos Aires
26.09.2018 06:58 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. Juni 2018 um 18:40 Uhr in der Sendung "Hintergrund". Das Nachtmagazin berichtete am 23. August 2018 um 00:15 Uhr.

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