Studierende der Liucundao Business School in Peking (Archivbild vom Oktober 2020). | Bildquelle: AFP

China Studium in den USA? Muss nicht sein

Stand: 16.11.2020 15:16 Uhr

Für junge Menschen in China galt lange: Zum Studieren sollte man mindestens ein Semester in die USA gehen. Seit der Corona-Pandemie verlieren aber mehr und mehr das Interesse am Ausland.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Wang Wenquan studiert in Shanghai Marketing. Er hat eine lässige Scheitelfristur, einen kleinen Ohrring im linken Ohr und trägt eine übergroße silberne Hipsterbrille. Eigentlich wollte er bald für ein Auslandssemester in die USA ziehen, seit Jahren hatte er das geplant.

Aber "aus verschiedenen Gründen" hat er seine USA-Pläne gestrichen, erzählt der 23-Jährige. Vor allem wegen der Corona-Pandemie, die die Vereinigten Staaten ganz besonders schwer getroffen hat. "Ich glaube nicht, dass das, was er sagt und tut, die Pandemie-Probleme wirklich löst - anders, als er behauptet", sagt Wang. Mit "er" meint Wang US-Präsident Donald Trump.

In China ist die Corona-Krise weitgehend unter Kontrolle

In China, dem Ursprungsland der Corona-Krise, haben die Behörden die Ausbreitung des Virus in den vergangenen Monaten weitgehend gestoppt. Der Alltag läuft in vielen Lebensbereichen wieder normal. Umso erstaunter blicken Chinesen dieser Tage in die USA, wo sich die Situation nicht zu entspannen scheint.

Den Marketingstudenten Wang sorgt vor allem, dass Vorurteile, Missgunst und zum Teil sogar offene Fremdenfeindlichkeit gegenüber Menschen aus China in den USA zuletzt deutlich zugenommen hätten: "Im Zuge der Pandemie hat Trump eine Menge Hürden aufgebaut für Studierende aus China. Manche mussten die USA sogar verlassen", sagt er. "Wenn ich jetzt nach Amerika reisen würde, bekäme ich dort den Widerstand der Leute zu spüren. Das beeinträchtigt natürlich den Alltag und meine Sicherheit. Also... mir ist nicht danach, in die USA zu ziehen."

Hier haben sich Studierende der Technischen Universität Huazhong versammelt. | Bildquelle: AFP
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In Europa und den USA gibt es noch immer keine Präsenzveranstaltungen - in China halten Universitäten wieder Massenveranstaltungen ab. Hier haben sich Studierende der Technischen Universität Huazhong versammelt.

"Früher dachten sie: Alles ist besser im Ausland"

"Ich halte es für gut möglich, dass mehr und mehr junge Leute aus China künftig im eigenen Land bleiben, statt für einige Zeit im Ausland zu studieren", sagt die Studienberaterin Guan Yan, die in Shanghai für die University of Edinburgh arbeitet. Sie hat festgestellt , dass in China das Interesse an Studienplätzen im Ausland in den vergangenen Monaten spürbar zurückgegangen ist - eine völlige Umkehr des Trends der vergangenen Jahre also.

"Das hat viel zu tun mit einem sich immer selbstbewusster gebendem China und auch damit, dass die chinesische Führung die Corona-Krise gut in den Griff bekommen hat - trotz einiger negativer Aspekte, die es immer noch gibt", erzählt sie. "Viele Studierende aus China und deren Eltern sind inzwischen der Meinung: Wir haben andere Staaten und Kontinente besucht, aber das hat uns nicht besonders beeindruckt. Früher dachten sie: Alles ist besser im Ausland. Heute sind sie eher enttäuscht."

Chinas zunehmender Nationalismus richtet sich gegen Trump

Eine gewisse Schuld an diesem Trend trügen auch die staatlichen Medien in China, findet die Studienberaterin Guan. Sie zeichneten oft ein sehr drastisch-chaotisches Bild vom Ausland - obwohl es ganz so schlimm ja gar nicht sei.

Marketing-Student Wang Wenquan aus Shanghai ist die Lust auf den eigentlich langersehnten Aufenthalt in den USA jedenfalls vergangen. "Es gibt ethnische Konflikte in den USA und viele Leute haben Waffen. Das ist gefährlich", sagt er. "Angespornt durch Donald Trump werden sich mehr und mehr Amerikaner fremdenfeindlich verhalten gegenüber Menschen wie mir."

Studienberaterin Guan Yan hält es für bedenklich, dass junge Menschen in China zunehmend das Interesse am Ausland zu verlieren scheinen. "Das ist ein Trend, der mir Sorgen bereitet", sagt sie. "Wobei dieses Problem ja nicht nur China betrifft. Nationalistisches Denken ist schließlich weltweit auf dem Vormarsch."

Chinas Lehre aus Corona: Junge Leute wollen nicht mehr in die USA
Steffen Wurzel, ARD Shanghai
16.11.2020 13:41 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. November 2020 um 13:22 Uhr.

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