Ein Mann steht allein vor 4 Panzern, Peking/China, 5.6.1989 | Bildquelle: AP

Volksaufstand in China 1989 Der "Tank Man" bleibt verschollen

Stand: 04.06.2020 08:49 Uhr

Mit zwei Einkaufstüten stellte er sich chinesischen Panzern in den Weg: Das Bild des "Tank Mans" vom Platz des Himmlischen Friedens 1989 ging um die Welt, sein Schicksal ist ungeklärt.

Von Axel Dorloff, ARD-Studio Peking

In China demonstrieren im Frühling der Demokratie 1989 Hundertausende Bürger wochenlang für mehr gesellschaftliche und politische Freiheiten. Am 4. Juni 1989 schlägt das chinesische Militär die Proteste rund um den Platz des Himmlischen Friedens in Peking blutig nieder. Hunderte Menschen werden getötet, manche Quellen sprechen gar von Tausenden Toten.

Foto geht um die Welt

Das Foto vom Mann im weißen Hemd mit den zwei Einkaufstüten geht um die Welt und beschäftigt bis heute Schriftsteller, Filmemacher und Historiker. "Herr Wang, der Mann der vor den Panzern stand" heißt auf Deutsch das aktuellste Buch des chinesischen Exil-Autors Liao Yiwu.

Er schreibt darin: "Am Vormittag des 5. Juni 1989, Ströme von Blut waren geflossen und die Luft knisterte, stellte er sich allein den Panzern entgegen - ein Niemand, ein Mann wie du und ich, stand in der Mitte des breiten Chang'an-Boulevards, vor sich mehr als 18 Panzer vom Typ 59. Der vorderste Panzer versuchte, an ihm vorbeizukommen, aber er wusste das zu verhindern, indem er hin und her sprang."

Reporter sitzen im Hotel fest

An diesem Morgen des 5. Juni werden westliche Journalisten aufgrund des geltenden Kriegsrechts im Peking-Hotel festgehalten. Unter ihnen auch der US-amerikanische Fotojournalist Jeff Widener von der Nachrichtenagentur AP. Vom Balkon aus will er die Panzerkolonne auf dem Chang'an Boulevard fotografieren - dann stellt sich dieser Mann vor die Panzer.

Vergangenes Jahr sagte Widener der ARD: "Ich habe auf den Moment gewartet, in dem sie ihn erschießen. Aber nichts passierte. Unglaublich - wie kann er da nur stehen, obwohl geschossen wird? Er schert sich überhaupt nicht um seine eigene Sicherheit."

Identität des Mannes ist ungeklärt

Sein Foto erscheint am nächsten Morgen auf Dutzenden Titelseiten weltweit. Der Mann vor dem Panzer wird als "Tank Man" berühmt - und Jeff Widener für sein ikonisches Foto. "Es war unfassbar, ich wusste zwar, dass es ein gutes Foto war, aber nicht so eine Sensation", so Widener.

Aber der Hauptdarsteller auf dem Foto war und bleibt unbekannt. Er war keiner der Studentenführer, die den Protest in China zuvor geprägt hatten. Er heißt angeblich Wang Weilin oder Wang Guangyao. Aber seine Identität bleibt bis heute ein Mysterium. Ob er sich 1989 versteckt hat, ausgewandert ist oder hingerichtet wurde: Keiner weiß es.

Vergangenes Jahr, zum 30. Jahrestag des Tiananmen-Massakers, hat der britische Fernsehsender Channel 4 eine Mini-Serie zum Tank Man produziert, Titel: Chimerica. Die Geschichte: Der Journalist, der damals das Foto schoss, macht sich 20 Jahre später auf, um die Identität des Tank Mans zu entschlüsseln. In Chinas Internet wird heute alles, was an den Tank Man erinnert, zensiert. Weil er als eine Art Chiffre für westliche Werte gilt, versucht die Kommunistische Partei Chinas jegliche Erinnerung an ihn, das ikonische Foto und das Massaker 1989 zu verhindern.

Nur eine offizielle Äußerung zum Verbleib des Mannes

Der einzige hochrangige Politiker, der sich dazu je geäußert hat, ist der ehemalige Staats- und Parteichef Jiang Zemin, zuletzt im Jahr 2000 im Interview mit Mike Wallace vom amerikanischen Fernsehsender C-Span: "Ich habe Leute in den Sicherheitsbehörden angewiesen, ihre ganzen Netzwerke zu nutzen, um herauszufinden, wo dieser junge Mann abgeblieben ist. Nach einer monatelangen Untersuchung kann ich mit Sicherheit sagen: Dieser Mann wurde nicht verhaftet", so Jiang Zemin.

Der Tank Man bleibt ein Symbol für den demokratischen Widerstand in China. Aber das Rätsel um seine Person bleibt ungelöst. Und bietet Raum für wilde Spekulationen. Angefangen von der Hinrichtung an einem geheimen Ort bis hin zu einer heimlichen Überfahrt nach Taiwan, wo er heute als Archäologe arbeiten soll.

Motiv in der Popkultur

Herr Wang erscheint in Romanen, Gedichten und Rocksongs. Und er dient auch als Symbol, dass etwas übrigbleibt vom Protest 1989. Denn als dieser junger Mann am 5. Juni versucht hat, auf der Chang'an Avenue in Peking mit zwei Taschen in der Hand die Panzer zu stoppen, war die landesweite Protest- und Demokratiebewegung in China bereits mit einem brutalen Massaker blutig beendet worden.

Tiananmen 1989: Herr Wang, der Mann vor den Panzern
Alex Dorfloff, ARD Peking
04.06.2020 07:56 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 04. Juni 2020 um 09:24 Uhr.

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