Skulptur "Pillar of Shame" von Jens Galschiot | EPA

Kritische Kunst in Hongkong "Säule der Schande" soll verschwinden

Stand: 12.10.2021 12:16 Uhr

Weil sie an das Tiananmen-Massaker erinnert, soll eine Skulptur vom Campus der Universität Hongkong entfernt werden. Oppositionelle sorgen sich um die Kunstfreiheit. Protest kommt auch aus Dänemark.

Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Seit 24 Jahren ist sie eines der Wahrzeichen des Uni-Campus: Die "Säule der Schande", eine acht Meter hohe Skulptur, die auf dem Gelände der Universität Hongkong (HKU) steht. Sie erinnert an eines der dunkelsten Kapitel der chinesischen Geschichte: die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung im Juni 1989 durch die kommunistische Staatsführung in Peking. Die Skulptur besteht aus rot angemaltem Beton und zeigt ausgemergelte Körper und schmerzverzerrte Gesichter leidender Menschen.

Steffen Wurzel ARD-Studio Shanghai

Bei der Niederschlagung der Demokratieproteste in Peking Anfang Juni 1989 töteten chinesische Soldaten Hunderte, wenn nicht Tausende Menschen. Um derer zu gedenken, kamen in den vergangenen Jahren immer wieder Menschen aller Altersgruppen und Nationen auf den Uni-Campus in Hongkong. Sie legten Blumen an der "Säule der Schande" nieder, hielten inne und säuberten die riesige Skulptur symbolisch.

Symbolische Säuberung

Zuletzt gab es eine solche Putzaktion am 4. Juni dieses Jahres, wie auf Aufnahmen der Hongkonger Nachrichtenagentur Eyepress zu sehen ist. Schwarz gekleidete junge Frauen und Männer polieren die Plakette an der Unterseite der Skulptur.

"'Die Alten können die Jungen nicht für immer töten‘, steht auf der Plakette", erklärt der dänische Künstler Jens Galschiøt in einem Fernsehinterview. Er hat die "Säule der Schande" Ende der 1990er-Jahre entworfen und 1997 in Hongkong aufgebaut.

Der dänische Künstler Jens Galschiøt | picture alliance/dpa

Falls sein Kunstwerk abgebaut wird, will der Künstler Jens Galschiøt die Skulptur zurück nach Dänemark bringen lassen. Bild: picture alliance/dpa

Anweisung: Skulptur soll verschwinden

Künftige Jahrestage des Tiananmen-Massakers wird die "Säule der Schande" wohl nicht mehr miterleben, zumindest nicht auf dem Campus der Universität Hongkong. Vor einigen Tagen ordnete die Verwaltung der renommierten Hochschule an, dass die Skulptur verschwinden müsse - offensichtlich auf Druck der kommunistischen Staatsführung.

Der Hongkonger Verein "Hong Kong Alliance in Support of Patriotic Democratic Movements of China", der sich seit den 1990er-Jahren um das Andenken der Opfer des Tiananmen-Massakers kümmert, wurde aufgefordert, das Kunstwerk bis spätestens Mittwochnachmittag Ortszeit abzubauen.

Dänischer Künstler protestiert

In Archivaufnahmen des dänischen Fernsehens sagt Galschiøt:

Das Tiananmen-Massaker soll aus der chinesischen Geschichte getilgt werden. Deswegen ist es so wichtig, die Erinnerung zu bewahren.

Der 67-Jährige Künstler protestiert vehement dagegen, dass die Universität Hongkong seine Erinnerungsskulptur auf Druck der chinesischen Führung abbauen will. In Dänemark forderten Oppositionspolitikerinnen und -politiker Außenminister Jeppe Kofod auf, aus Protest den chinesischen Botschafter einzubestellen.

Hongkongs Regierungschefin: Keine Einmischung

Die von Chinas Führung eingesetzte Hongkonger Regierungschefin Carrie Lam betonte, sie wolle sich in die Debatte nicht einmischen. Die Angelegenheit spiele sich auf dem Gelände einer Universität ab. Sie rate deren Verwaltung, das Ganze "entsprechend der vor Ort geltenden Richtlinien zu regeln".

In Hongkong rechnen nun viele damit, dass die Skulptur zwar wohl nicht sofort nach Ende der gesetzten Frist abgebaut wird. Aber mittelfristig werde sie wohl verschwinden.

Sonderstatus beinhaltet Kunstfreiheit

Die frühere britische Kolonie Hongkong gehört seit gut 24 Jahren zur Volksrepublik China - als autonom regierte Sonderverwaltungsregion (SAR). Vor der Übergabe der Stadt regelten Großbritannien und China in einem völkerrechtlich bindenden Vertrag, dass in Hongkong - anders als im Rest Chinas - bis 2047 Rechtsstaatlichkeit,  Meinungs-, Presse- und Kunstfreiheit gelten sollen. In den vergangenen Jahren hat Chinas Staats- und Parteiführung diese Vereinbarung nach Auffassung von Politologen und Völkerrechtlerinnen wiederholt gebrochen.

Künstler Galschiøt will zumindest erreichen, dass die "Säule der Schande" nicht zerstört wird. Falls sein Kunstwerk abgebaut wird, will er es zurück nach Dänemark bringen lassen.

Pro-kommunistische Politiker in Hongkong wie Tam Yiu-Chung rechtfertigten den angeordneten Abbau der Skulptur: Alles, was Chinas "nationale Sicherheit" gefährde, müsse verschwinden, sagte Tam laut eines Berichts der Hongkonger Zeitung "South China Morning Post".

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 09. Oktober 2021 um 23:30 Uhr.