Eine Krankenschwester hält ein chinesisches Neugeborenes. | AFP

Problem Überalterung Immer weniger Babys in China

Stand: 23.11.2021 11:13 Uhr

Das Aus für die Ein-Kind-Politik sollte die Überalterung der chinesischen Gesellschaft stoppen, doch das scheint gescheitert zu sein: Die Geburtenrate lag 2020 so niedrig wie seit mehr als 40 Jahren nicht mehr.

Die Geburtenrate in China ist auf den niedrigsten Stand seit 1978 gefallen. Sie rutschte laut Angaben des Statistikamts auf 8,52 Neugeborene auf 1000 Menschen. Die Zahl von zwölf Millionen Geburten bedeutet demnach einen Rückgang von 18 Prozent im vergangenen Jahr.

Das Amt begründete dies auch mit der Corona-Pandemie. Experten sehen aber die hohen Kosten für Wohnraum, Bildung und Gesundheit in China und die schwindende Bereitschaft zur Heirat als eigentliche Gründe.

Immer mehr alte Menschen

Wegen der rückläufigen Geburtenrate und der stabil bleibenden Zahl der Todesfälle bewegt sich das Land damit auf ein Nullwachstum zu. Wenn der Trend andauere, werde es in einigen Jahren sogar einen Bevölkerungsrückgang geben, sagte Professorin Song Jian von der Volksuniversität in Peking der Zeitung "Sixth Tone". Das Problem der Überalterung werde sich wohl verschärfen, "was der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung schaden wird".

Die Zahl der Chinesen über 60 Jahre stieg seit 2010 um 5,44 Prozent auf 264 Millionen. Knapp jeder fünfte Chinese (18,7 Prozent) ist heute schon älter als 60 Jahre. Zugleich geht die Bevölkerungsgruppe im arbeitsfähigen Alter zwischen 15 und 59 Jahre weiter zurück.

Das Bevölkerungswachstum für die Jahre 2010 bis 2020 gab das Statistikamt hingegen nur mit 0,53 Prozent an - nach noch 0,57 Prozent in den Jahren von 2000 bis 2010. Die Fruchtbarkeitsrate der Frauen im gebärfähigen Alter sei auf 1,3 gefallen. Das ist deutlich niedriger als die 2,1, die Experten für eine stabile Bevölkerungszahl für notwendig halten.

Ende der Ein-Kind-Politik nur kurz wirksam

Das Ende der seit 1979 geltenden umstrittenen Ein-Kind-Politik vor sechs Jahren hatte nur kurz zu einem leichten Aufschwung geführt, bis die Zahl der Geburten 2018 wieder unter den Stand von 2015 fiel. So gibt es heute 36 Prozent weniger Geburten als 2016.

Als Reaktion auf Geburtenrückgang und Überalterung beschloss die chinesische Führung im Mai, dass auch drei Kinder pro Familie erlaubt sind. Außerdem bemüht sich die Regierung, es jungen Paaren leichter zu machen, Kinder zu haben. Die Kosten für Bildung wurden gesenkt, Finanzhilfen gewährt und Mutterschafts- oder Elternurlaub erleichtert.

Nur jede zweite junge Frau will heiraten

Die Zahl der Eheschließungen sank 2020 allerdings das siebte Jahr in Folge. Nur 8,1 Millionen Paare heirateten in dem Jahr - ein Rückgang von zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. In einer jüngsten Umfrage gab knapp die Hälfte der Frauen an, nicht heiraten zu wollen oder unsicher zu sein. Bei den Männern war es jeder Vierte.

Mehr als die Hälfte meinte, dass Geburten und das Aufziehen von Kindern zu teuer seien. Auch verweisen Frauen häufig darauf, dass sich eine Mutterschaft negativ auf ihre berufliche Karriere auswirke.

Über dieses Thema berichtete die ARD in "Weltspiegel-Reportage: Wenn der Roboter nach Oma schaut" am 06. November 2021 um 17:30 Uhr.