Menschen fordern  | Bildquelle: AFP

Corona-Zensur in China Die verschwundenen Blogger von Wuhan

Stand: 23.05.2020 05:00 Uhr

Sie berichteten aus Wuhan und verschwanden daraufhin: Das Schicksal von drei Bürgerjournalisten zeigt, wie rigoros China auch während der Corona-Pandemie gegen Kritiker vorgeht. Von zweien fehlt nach wie vor jede Spur.

177 von 180 - vier Plätze vor Schluss: So tief ist China in der Rangliste der Organisation "Reporter ohne Grenzen" zur aktuellen Pressefreiheit angesiedelt. Auch während der Coronavirus-Pandemie duldet das Land keine kritische Berichterstattung der eigenen Bürger. Besonders deutlich wird es an den Fällen von drei verschwundenen sogenannten Bürgerjournalisten - Bloggern -, die versucht hatten, das Ausmaß des Ausbruchs in Wuhan zu dokumentieren. Von zwei von ihnen fehlt nach wie vor jede Spur.

Berichte aus Krankenhäusern

Anfang Februar filmte der chinesische Unternehmer und Video-Blogger Fang Bin mit seinem Handy dramatische Szenen vor und in Krankenhäusern in Wuhan: Leichensäcke vor dem Eingang, weinende Angehörige über leblose Körper gebeugt. Fang stellte die Videos ins Internet. Damit wollte er erzählen, was in Wuhan passiert. In einem Facetime-Interview sagte er am 4. Februar: "Die Nachrichten, die wir bekommen, erfassen nicht die wirkliche Situation in ganz China. Die Lungenkrankheit in Wuhan ist ein Gesundheitsnotstand, der die ganze Welt betrifft. Die Krankheit breitet sich aus, viele Länder sind davon betroffen. Daher ist es gut für alle, wenn ich über die Situation vor Ort berichte."

Am Abend nach seinen Filmaufnahmen in den Krankenhäusern klopften mehrere Männer in Schutzanzügen an Fangs Tür, angeblich vom Gesundheitsamt - das zeigt sein letztes Video. Sie verschafften sich Zutritt zu seiner Wohnung, nahmen ihm Laptop und Handy weg, brachten ihn zur Polizeistation. Er wurde verdächtigt, ein vom Ausland bezahlter Staatsfeind zu sein, erzählte er. Wenige Tage später verschwand er, ohne jegliche Spur - bis heute.

Seit mehr als 100 Tagen verschwunden

Ein Lebenszeichen fehlt auch von Chen Qiushi. Der ausgebildete Jurist hat als Menschenrechtsanwalt gearbeitet und im vergangenen Jahr intensiv als Bürgerjournalist über die pro-demokratischen Proteste in Hongkong berichtet. Den chinesischen Behörden war er deshalb bereits ein Dorn im Auge. Chen hat es trotzdem riskiert, aus Wuhan zu berichten. Seit Anfang Februar wurde er nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen. Einem Freund sagte seine Familie, ihnen sei von der Polizei mitgeteilt worden, dass Chen in Quarantäne geschickt worden sei. Weggefährten und Kollegen zählen auf Twitter die Tage seit seinem Verschwinden - mehr als 100 sind es mittlerweile.

Ein dritter Bürgerjournalist, Li Zehua, der ebenfalls aus Wuhan berichtete und verschwand, tauchte dagegen kurzzeitig wieder auf. In einem Video, das zwei Monate nach seinem Verschwinden auf YouTube hochgeladen wurde, behauptet er, von Sicherheitsbehörden in Quarantäne geschickt worden zu sein. Seither ist allerdings auch Li nicht mehr in Erscheinung getreten.

Weltweite Ausbreitung durch mangelnde Informationsfreiheit?

Die britische Zeitung "Daily Mail" berichtete, dass es in China in den ersten Wochen des Corona-Ausbruchs mehr als 5000 Festnahmen von Menschen gegeben habe, die Informationen darüber verbreitet hatten. So berichtete die Menschenrechtsorganisation "Humans Right Watch" (HRW) über die Festnahme von drei Pekinger Aktivisten, die eine durch Crowdfunding entstandene Webseite betrieben, auf der sie zensierte Artikel und Social-Media-Beiträge zu Covid-19 sammelten. Nach deren Festnahme wurde offenbar auch der Zugang zur Internetplattform "Terminus 2049" blockiert. Die kommunistische Führung werfe ihnen nun vor, "Streit gesucht und Ärger provoziert" zu haben.

HRW und "Reporter ohne Grenzen" kritisieren, dass die mangelnde Informationsfreiheit im Zusammenhang mit dem Coronavirus in China erheblich zur globalen Pandemie beigetragen habe. Ohne die von den Behörden auferlegte Kontrolle und Zensur hätten die chinesischen Medien die Öffentlichkeit viel früher über die Schwere der Infektionskrankheit informieren können, argumentiert "Reporter ohne Grenzen." Und die HRW-China-Forscherin Yaqiu Wang kritisiert, dass während Peking seine internationale Propaganda verstärke, um den angeblichen Erfolg bei der Eindämmung von Covid-19 zu preisen, die Regierung gegen alle vorgehe, die auf unabhängige Weise über die Pandemie berichten wollten.

15 Jahre Haft für regimekritischen Journalisten

Welche Strafen regierungskritischen Journalisten in China drohen, bewies jüngst der Fall von Chen Jieren. Lange war er Teil des chinesischen Propagandaapparats, arbeitete etwa beim Parteiorgan "Volkszeitung", der "Zhongguo Qingnianbao" und als Chefredakteur der "Gongyi Shibao", bevor er sich gegen das System wandte und erfolgreicher Blogger wurde. Kurz vor seiner Festnahme im Juli 2018 hatte Chen mehrere Artikel veröffentlicht, die regionalen Parteiführern Korruption und Betrug unterstellten. Anfang Mai wurde er nun zu 15 Jahren Haft verurteilt. Chen wurden illegale Geschäfte, Störung der Ordnung, Erpressung und Bestechung zur Last gelegt. Er habe sich in dem Prozess schuldig bekannt und um ein mildes Urteil gebeten, erklärte das Gericht.

Mit Informationen von Axel Dorloff, ARD-Studio Peking

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 23. Mai 2020 um 08:33 Uhr.

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