Chinesische Familie mit kleinem Kind

Sinkende Geburtenzahlen China will wieder mehr Kinder

Stand: 06.10.2021 15:03 Uhr

Wegen der rasch sinkenden Geburtenrate will Chinas Regierung die hohe Zahl der Abtreibungen reduzieren. Menschenrechtler kritisieren das Vorhaben und fordern stattdessen mehr Aufklärung über Sex und Verhütung.

Von Ruth Kirchner, ARD-Studio Peking, zzt. Berlin

Es war eine dieser langen Pressekonferenzen beim Staatsrat. Eine Stunde lang ging es um einen neuen Entwicklungsplan für chinesische Frauen und Kinder. Ziel des neuen Programms sei es, über gesunde Schwangerschaften und Vorsorge aufzuklären, sagte Yu Yanhong von der Nationalen Gesundheitskommission.

Ruth Kirchner ARD-Studio Peking

Doch in dem Bericht heißt es in einem etwas versteckten Satz auch, China wolle die Zahl der nicht medizinisch notwendigen Abtreibungen reduzieren.

Im chinesischen Internet ist seitdem die Aufregung groß. "Will man Frauen jetzt auch noch das Recht über ihre eigenen Körper nehmen?", fragte eine Nutzerin. Und eine andere: "Sollen jetzt alle gezwungen werden, Kinder zu kriegen?"

Menschenrechtler kritisieren Vorhaben

Auch Menschenrechtsgruppen sind alarmiert. "Mit der Ein-Kind-Politik seit Ende der 1970er-Jahre sollte das Bevölkerungswachstum verlangsamt werden", sagt Wang Yaqiu von Human Rights Watch. "Dafür wurden Frauen zu Verhütung, Sterilisierungen und Abtreibungen gezwungen. Jetzt propagiert die Regierung angesichts rapide sinkender Geburtenzahlen mehr Kinder - daher sind die Sorgen vieler Frauen, dass das Abtreibungsrecht jetzt eingeschränkt werden könnte, völlig berechtigt."

In den neuen Richtlinien werden keine Einzelheiten genannt. Daher befürchten viele Frauen jetzt, dass jede Provinz, jede Stadt das neue Ziel auf eigene Weise umsetzen könnte - möglicherweise mit Zwang. Denn der Geburtenrückgang in China hat schon jetzt dramatische Folgen.

Zahl der Neugeborenen sinkt

Die Zahl der Menschen im arbeitsfähigen Alter nehme ab, wie auch die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter, hatte der Leiter des Nationalen Statistikamtes, Ning Jizhe, im Frühjahr über die Ergebnisse der Volkszählung berichtet. Chinas Gesellschaft altere rapide. Die Zahl der Neugeborenen sinke.

Die Abschaffung der Ein-Kind-Politik vor sechs Jahren hat daran nichts geändert. Zugleich gibt es für Abtreibungen bislang nur wenige Einschränkungen in China. Verboten sind Schwangerschaftsabbrüche aufgrund des Geschlechts. Wegen der traditionellen Vorliebe für männliche Nachkommen wurden jahrelang Millionen weibliche Föten abgetrieben.

Mangel an Aufklärung über Verhütung

Aber die über neun Millionen Abtreibungen pro Jahr haben auch andere Gründe. Viele junge Frauen in China haben mehrere Abbrüche hinter sich - denn es mangelt an Aufklärung über Sex und Verhütung.

Die neuen Richtlinien des Staatsrates versprechen zwar mehr Anstrengungen, aber Yaqiu von Human Rights Watch ist skeptisch, dass mehr Aufklärung ausreicht, um die Zahl der Abtreibungen zu senken: "Dafür bräuchte es in China eine breiter angelegte Änderung der Einstellungen. Frauen müssen ermächtigt werden, Nein zu sagen zu ungeschütztem Sex. Das aber ist ein viel größeres Thema der Geschlechtergleichstellung."

Auch viele Frauen in China bleiben misstrauisch. Denn die Kommunistische Partei propagiert mit Blick auf die Geburtenrate seit geraumer Zeit wieder traditionelle Rollenbilder. Scheidungen etwa sind seit Anfang des Jahres schwieriger geworden. Feministinnen werden im Internet blockiert. Daher fürchten viele Frauen, dass der Staat ihnen jetzt mit Einschränkungen beim Abtreibungsrecht einmal mehr vorschreiben könnte, wie sie ihr Familienleben zu gestalten haben.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. Oktober 2021 um 13:47 Uhr.