Wahlhelferin in Punta Arenas. | AFP

Stichwahl um Präsidentenamt Richtungsentscheidung in Chile

Stand: 19.12.2021 03:00 Uhr

In Chile steht eine Richtungswahl an: Für das Amt des Präsidenten bewerben sich der rechtsnationale Politiker Kast und der Kandidat eines Linksbündnisses, Gabriel Boric. Wie entscheiden die 14 Millionen Stimmberechtigten?

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Südamerika, zzt. Santiago de Chile

Isabel Lobos hat eine Mission. Die 50-jährge Frau steht im Auraucano-Park im wohlhabenden Viertel Las Condes von Santiago und hält ein Schild mit der Aufschrift "Rettet Chile" in der Hand.

Die Freiheit, die müssen wir verteidigen. Die Freiheit, meine Meinung sagen zu dürfen. Die Freiheit, mich frei bewegen zu können, ohne überfallen zu werden. Ich sage Nein zum Kommunismus, nie wieder!
Anne Herrberg ARD-Studio Rio de Janeiro

Deswegen ist sie hier, auf dem Wahlkampfabschluss ihres Kandidaten: José Antonio Kast. Der deutschstämmige, ultrarechte Anwalt und strenggläubige Katholik gilt vielen als Chiles Version von Jair Bolsonaro: Er steht mit Frau und seinen neun Kindern auf der Bühne, verspricht Freiheit, Ordnung und Sicherheit. Er warnt eindringlich vor Kommunismus und Chaos, sollte sein Kontrahent, der linksprogressive Gabriel Boric, die heutige Stichwahl gewinnen.

Die Linke tut so, als sei sie ein weißes Täubchen, aber täuscht euch nicht. Kommunismus ist Kommunismus.
Chiles Präsidentschaftskandidat Kast bei einem Selfie mit Anhängern | AFP

Kast lag in der ersten Wahlrunde vorne. Er warnt das Land vor der Wahl seines Kontrahenten. Bild: AFP

"In Chile gibt es einen Hang zu Ordnung und Autorität"

Eine Rhetorik, die so gar nicht zu den Bildern passt, die zuletzt aus Chile zu sehen waren: Nach den massiven sozialen Protesten vor zwei Jahren hatte das südamerikanische Land einen Reformkurs eingeschlagen. Hunderttausende gingen für mehr soziale Gerechtigkeit auf die Straße - denn auch wenn Chiles Wachstumsraten für Eindruck sorgten, der Wohlstand kam längst nicht bei allen an.

Derzeit wird ein neues Grundgesetz ausgearbeitet, das endgültig mit dem Erbe der Pinochet-Diktatur und ihres neoliberalen Wirtschaftsmodells brechen soll. Doch nun könnte mit Kast jemand, der der Pinochet-Diktatur ideologisch nahe steht, in den Präsidentenpalast einziehen: "In Chile gibt es einen Hang zu Ordnung und Autorität, das war immer da", erklärt Politikwissenschaftlerin Mireya Dávila. "Die sozialen Proteste 2019, während der die Stadt über Monate in einem Ausnahmezustand war, der Reformprozess, der darauf folgte, haben nun die Sehnsucht nach der harten Hand verstärkt", berichtet sie. Kast verstehe es, sich als genau derjenige zu positionieren, der sagt, alles wird so wie früher, und für alles gibt es eine klare Ordnung.

Chiles Präsidentschafts Boric ballt bei einem Auftritt die Faust | REUTERS

Mit 35 Jahren will er der neue Präsident von Chile werden: Gabriel Boric. Bild: REUTERS

Boric will Veränderungen

"Die Hoffnung wird über die Angst siegen", ruft dagegen sein Kontrahent Boric von einer Bühne im Arbeitervorort Puente Alto. Er ist erst 35 Jahre alt, wurde bekannt als Studentenführer, engagiert sich seit 2014 als Abgeordneter für einen gesellschaftlichen Wandel: mehr Sozialstaat, Klimaschutz und Gleichberechtigung.

Zwar ging er selbst zu Venezuela oder Nicaragua auf Distanz - doch zu seinem Bündnis gehört auch die Kommunistische Partei. Seine Gegner warnen: Er sei im Endeffekt nur deren Marionette. Nicht Boric sei der Extreme, sagen Susana Valdebenito und ihre Tochter Rocío Paz dagegen - die Gegenseite sei die Gefahr für Chiles Demokratie: "Wir hatten hier schon einmal ganz dunkle Zeiten, Menschen wurden umgebracht und sind spurlos verschwunden, es darf keinen Rückschritt geben", sagt sie.

Unsere Rechte stehen auf dem Spiel, als Frauen, für die wir jahrzehntelang gekämpft haben, der Verfassungsprozess steht auf dem Spiel. Kast redet von Freiheit, aber es geht ihm nur um wirtschaftliche Freiheit, nicht um die Menschen, die sozialen Freiheiten stehen auf dem Spiel.

Wichtigste Abstimmung seit Ende der Diktatur

Chile ist tief gespalten. In der ersten Wahlrunde lag Kast knapp vor Boric, seitdem haben beide massiv um Stimmen der Mitte gebuhlt - wer heute gewinnt, ist völlig offen. Klar ist: Es wird die wichtigste Abstimmung seit Ende der Diktatur. Geht das Land den Reformkurs weiter, oder tritt es mit voller Kraft auf die Bremse?

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 18. Dezember 2021 um 10:08 Uhr und tagesschau24 am 19. Dezember 2021 um 10:00 Uhr.