Fahne der Terrormiliz Islamischer Staat | Bildquelle: AFP

Debatte in Großbritannien Streit über Rückkehr schwangerer IS-Frau

Stand: 15.02.2019 14:51 Uhr

Vor vier Jahren schloss sich die damals 15-jährige Britin Shamima Begum dem IS an. Jetzt möchte sie ihr Kind in Großbritannien zur Welt bringen. Die britische Regierung lehnt dies ab.

Von Christoph Heinzle, ARD-Studio London

Von einem normalen Leben spricht Shamima Begum, wenn sie auf ihre Anfangszeit im sogenannten Kalifat des "Islamischen Staats" vor vier Jahren zurückblickt. Mit 15 hatte sie zusammen mit zwei Schulfreundinnen ihre Familie in London verlassen, um sich den Islamisten anzuschließen.

Die Britin heiratete einen niederländischen IS-Kämpfer, bekam zwei Kinder, die aber an Unterernährung und Krankheit starben. Ihr Mann wurde gefangengenommen.

Gesicht von Shamima Begum, die ein schwarzes Kopftuch trägt. | Bildquelle: AP
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Shamima Begum hat sich vor vier Jahren als 15-Jährige dem IS angeschlossen.

Keine Reue

Jetzt ist die die junge Frau im neunten Monat schwanger und lebt in einem Flüchtlingslager in Nordsyrien. Dort hat ein Reporter der "Times" Shamima Begum gefunden. Ob sie jemals Hinrichtungen gesehen habe, will er wissen. Begum verneint, aber sie habe Köpfe von enthaupteten Gefangenen im Mülleimer gesehen. "Das hat mich aber gar nicht gestört."

Die heute 19-Jährige zeigt keinerlei Reue. Sie hält ihre Entscheidung für den IS immer noch für richtig. Dennoch wolle sie jetzt nach Großbritannien zurück, damit ihr drittes Kind überlebt.

Keine diplomatische Unterstützung für die Schwangere

Doch die britische Regierung demonstriert Härte. Innenstaatssekretär Ben Wallace macht im BBC-Radio deutlich, dass man keine Diplomaten zu der Schwangeren in das Flüchtlingslager schicken werde: "Ich riskiere nicht das Leben von Briten, um Terroristen in einem gescheiterten Staat zu betreuen. Es gibt anderswo in der Region konsularische Betreuung. Die starke Botschaft der Regierung ist seit Jahren: Handeln hat Konsequenzen."

Frauen, die mit IS-Kämpfern verheiratet sein sollen, im Lager al-Hol im Nordosten Syriens | Bildquelle: AFP
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Frauen, die mit IS-Kämpfern verheiratet sein sollen, im Lager al-Hol im Nordosten Syriens (Archivbild)

In Großbritannien drohen der IS-Anhängerin Ermittlungen und möglicherweise ein Gerichtsverfahren. Doch soweit will es die britische Regierung eigentlich gar nicht erst kommen lassen. Innenstaatssekretär Wallace betont zwar die Pflicht des Staates gegenüber allen britischen Bürgern, auch denen im Ausland. "Aber wir haben auch eine Pflicht, die Bürger hier zu schützen." Der Umgang mit britischen IS-Anhängern sei eine Herausforderung. "Wir können verschiedene Maßnahmen gegen Terrorismus ergreifen, bis hin zum Entzug der Staatsbürgerschaft. Und wir werden nicht zögern, das auch zu nutzen", so Wallace.

Innenminister Sajid Javid ging noch einen Schritt weiter und kündigte in einem Interview mit der "Times" an, er werde alles in seiner Macht Stehende tun, um eine Rückkehr Begums zu verhindern. Briten, die sich dem IS angeschlossen haben, seien voller Hass für Großbritannien.

Der Fall spaltet die britische Gesellschaft

Die Familie bittet die Regierung um Gnade. Und Abase Hussen, der Vater einer der mitgereisten Schulfreundinnen, sagte: "Meine Botschaft an die Regierung ist: Lasst die Teenager nach Großbritannien zurückkehren. Als Teenager können sie Fehler machen. Das muss die Regierung verstehen."

Doch in der Nachbarschaft der Familien im Arbeiterviertel Bethnal Green im Osten Londons haben viele Menschen dafür kein Verständnis. "Sie hat ihr Land verraten und ist dorthin gegangen, um mit Terroristen zusammen zu sein. Man sollte sie nicht zurückkehren lassen. Und wenn es der Familie nicht passt, dann sollen sie doch zu ihrer Tochter", so eine Anwohnerin.

Die Politik, die britischen Medien und die Öffentlichkeit sind in der Frage gespalten. Eine junge Muslimin meint: "Wir sollten dem Baby eine Chance geben, das Gesundheitssystem hier zu nutzen. Wir tun es nicht für seine Mutter."

Streit um hochschwangere britische IS-Frau
Christoph Heinzle, ARD London
15.02.2019 13:21 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 15. Februar 2019 um 13:21 Uhr.

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