Schild Pomerode | Anne Herrberg

Pomerode in Brasilien Wo die Deutschstämmigen Bolsonaro wählen

Stand: 30.09.2022 06:29 Uhr

Brasiliens umstrittener Präsident Bolsonaro hat in seinem Land eine treue deutschstämmige Fangemeinde. Im von deutschen Siedlern gegründeten Pomerode wollen ihm die meisten zur Wiederwahl verhelfen - doch der Frieden im Ort bröckelt.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Rio de Janeiro

Ein großer Nussknacker weist den Weg zum Kaffeeklatsch: Holztische mit rot-weiß-karierten Tischdecken und Häkelblumen. Es wird Käsekuchen serviert, Heringbrot und Bockwurst. Dazu ein frisch gezapftes "Schornstein-Bier". Stadtfest in Pomerode, der deutschesten Stadt Brasiliens. "Wer nach Pomerode kommt, der sagt: 'Das ist nicht Brasilien, das ist Deutschland'", sagt Pomerodes Bürgermeister Ércio Kriek.

Anne Herrberg ARD-Studio Rio de Janeiro

Man ist stolz auf die alte Heimat, auch wenn es die gar nicht mehr gibt. Die ersten Siedler kamen vor 160 Jahren aus dem verarmten Pommern ins subtropische Bergland Südbrasiliens. Wirtschaftskrise oder Favelas, all das gibt es in der 30.000 Einwohner-Stadt bis heute nicht, Kriminalität kennt man kaum. Und am Zebrastreifen an der Rua Herrmann Weege wird sogar für Fußgänger gehalten.

"Was deutsch ist, ist gut. Dadurch sind wir auch wirtschaftlich sehr stark. Wir haben viele Arbeitsplätze hier und die Kultur, das Essen, die Häuser", so Bürgermeister Kriek.

Oktoberfest 2019 in Pomerode (Brasilien)

Sie nennen es "Pomerana" und "das deutscheste Fest in Brasilien": In Pomerode wird auch das Oktoberfest gefeiert.

Viel Zustimmung für Bolsonaro

Zwischen Fachwerk und gepflegten Vorgärten hängen allerdings recht viele, auch gern überdimensionale Brasilien-Flaggen. In Zeiten des Wahlkampfes ist das auch eine politische Botschaft: Die Nationalfarben stehen für Präsident Jair Bolsonaro, der in Pomerode schon 2018 mehr als 80 Prozent der Stimmen bekommen hat. 

"Bolsonaro hat das Land voran gebracht", sagt Jorge Roberto Odwazny. Straßen wurden gebaut, mehr Pestizide für die Landwirtschaft zugelassen, Bürokratie für Unternehmen abgebaut, man sei gut durch die Pandemie gekommen, die Wirtschaft brummt. "Wer hier nicht arbeitet, der will nicht", sagt der Unternehmer mit polnischem Vater und deutscher Mutter.

Odwazny ist Gründer des örtlichen Baumarktes "JoCa". Auf zwei Etagen gibt es alles, was das Heimwerker-Herz höher schlagen lässt. 30 Jahre Familientradition, nun will er um 1200 Quadratmeter expandieren und hat "große Angst, dass eine negative Welle über das Land kommt" und sich Brasilien "in Richtung Venezuela und Nord-Korea" bewegt.

Das wäre in seinen Augen der Fall, wenn der linke ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva an die Macht kommt. Was aber, und da verschränkt Odwazny die Arme vor der Brust, nur durch Betrug möglich wäre. "Die Umfragen sind manipuliert", glaubt er. Auch dem elektronischen Wahlsystem, das Brasilien 1996 einführte und das Fachleute als zuverlässig beschreiben, traut er nicht, genauso wenig wie den Medien.

Wahlkampfhilfe per Whatsapp

Deswegen hat er gemeinsam mit anderen lokalen Unternehmern die Whatsapp-Gruppe "Bolsonaro Pomerode" gegründet, eine Art digitalen Stammtisch. Unermüdlich trudeln Nachrichten ein, die Odwazny dann sofort weiterleitet: über Korruption der Arbeiterpartei, über angebliche Schwachstellen der Wahlcomputer oder linke Politiker, die Unternehmerfreiheiten einschränken wollen. Wahlkampfhilfe, die nichts koste.

Das, sagt Odwazny und zeigt auf sein Handy, sei heute auch die einzige Möglichkeit, sich objektiv zu informieren. Eine Kundin ruft an: "Auf einen Sieg des Kapitäns in der ersten Runde!", ruft der Unternehmer zur Verabschiedung und schickt gleich noch eine Nachricht hinterher.  

Stilfragen stören - ein bisschen

Wenige Straßen weiter legt Rolf Nicolodelli das Gewehr an, kneift ein Auge zu, zielt. Besuch im Schützenverein, es ist einer von insgesamt 15. Im ganzen Bundesstaat hätten sich in den vergangen vier Jahren mehr Sportschützen registrieren lassen, erklärt Rolf Nicolodelli. Eine Folge auch mehrerer Dekrete Bolsonaros, die den Zugang zu Schusswaffen flexibilisiert haben. Man benötige inzwischen beispielsweise weniger Dokumente.

Unter Bolsonaro sei es im Süden vorwärts gegangen, sagt Kriek. Und trotzdem ist Nicolodelli nicht mehr ganz so glücklich mit seinem Präsidenten - es geht ihm nicht, um das, was er tut, sondern das, was er sagt.

"Hat der Mensch keine Leute, die ihm zur Seite stehen und ihm sagen, was er sagen kann und was nicht? Oder hören sie ihm einfach nicht zu? Weil ein Mensch nicht so viel Dummheiten sagen kann, wie er es innerhalb eines Tages tut", sagt er. Die Stimmung sei aggressiver geworden, auch im beschaulichen Pomerode, manche verwechselten Politik mit Fanatismus. Wer während der Pandemie die Maskenpflicht einhalten wollte, wurde leicht als Kommunist abgestempelt.

Ericio Krieck | Anne Herrberg

Pomedrodes Bürgermeister Ercio Krieck: "Was deutsch ist, ist gut." Bild: Anne Herrberg

Nur noch wenige sprechen öffentlich über Politik

Diese Polarisierung tue Pomerode nicht gut. Da ist sich der konservative Schützenkönig ausnahmsweise mal einig mit Antenor Zimmermann, einem der letzten Gewerkschaftsführer der Stadt. Er trägt einen Marx-Engels-Bart und hat sich einen roten Stern mit der Wahlnummer der linken Arbeiterpartei auf den Unterarm tätowiert.

"In der Stadt gab es immer gegenseitigen Respekt, ein gutes Miteinander, bis der Bolsonarismo auftauchte und es plötzlich hieß: Gute gegen Böse", sagt Zimmermann. "Freundschaften sind auseinandergebrochen, Familien haben sich zerstritten, über die sozialen Medien bekomme ich jetzt Drohungen, wir werden beschimpft, als Korrupte, als Zecken, wir sollten doch nach Venezuela gehen." 

So spreche, außer dem radikalen Flügel, kaum einer mehr öffentlich über Politik - über die Skandale der Bolsonaro-Regierung werde in den Lokalmedien kaum berichtet. Und seinen alten Volkswagen, Modell "Brasilia" aus dem Jahr 1978, auf dem ein Sticker der Arbeiterpartei klebt, lässt er derzeit lieber in der Garage.

Antenor Zimmermann | Anne Herrberg

Schützenkönig Antenor Zimmermann: "Freundschaften sind auseinandergebrochen, Familien haben sich zerstritten." Bild: Anne Herrberg

Am Ende wählt man doch Bolsonaro

Im Schützenverein würde man dieses Mal gern jemand anders wählen, aber leider habe eine dritte Option neben den Kandidaten Bolsonaro und Lula wohl keine Chance, meint Marcus Edgar Muller Dallmann: "Wir haben hier eine sehr produktive Region. Wir brauchen hier keine populistische Regierung, die Almosen verteilt oder Sozialhilfe. Wir wollen auch keine Korruption, das ist ein Schimpfwort für uns, das liegt in unserer deutschen Kultur, wir sind sehr konservativ. Moral und Werte sind uns wichtig."

Dass der rechte Präsident seit Monaten Misstrauen gegenüber dem Wahlsystem schürt und demokratische Institutionen angreift, finde er zwar nicht gut. Sein Kreuzchen wird er dann aber doch wieder bei Bolsonaro setzen.