Helfer tragen einen Sarg in Manaus. | Bildquelle: REUTERS

Coronavirus in Brasilien Notstand in der Urwaldmetropole Manaus

Stand: 09.05.2020 04:20 Uhr

Brasilien wird zum neuen Corona-Hotspot. Derzeit sterben jeden Tag mehr als 600 Menschen. In Rio und São Paulo droht das Gesundheitswesen zu kollabieren. In der Urwaldmetropole Manaus ist das schon passiert.

Von Ivo Marusczyk, ARD-Studio Buenos Aires und Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Auf dem Friedhof von Manaus gibt es keine Zeit mehr für richtige Beerdigungen oder gar Trauerfeiern. Kaum haben die Bestatter einen Sarg hinunter in die Erde gesenkt, schon kommt ein Bagger und schüttet den Graben zu. Ein Sarg neben dem anderen, ein Toter nach dem anderen. Fünf Angehörige dürfen die Toten auf den Friedhof begleiten. Eine von ihnen ist Lindi Ramos, die ihre Schwiegermutter durch Covid-19 verloren hat.

"Sie ist nach und nach gestorben. Erst haben die Nieren versagt, dann ging das Virus ins Gehirn. Nur in die Lunge nicht. Dann hat alles versagt, und sie ist gestorben. Es gab kein Intensivbett mehr für sie. Niemand konnte ihr einen Platz besorgen. Deshalb ist sie gestorben."

Dieselbe Erfahrung hat auch Val Soares gemacht. Sie trauert um ihre Großmutter. 

"Ich habe schon keine Tränen mehr, weil wir so viel geweint haben. Meine Großmutter ist gestorben, weil es kein Beatmungsgerät mehr für sie gab. Hätte es auf der Station noch ein Beatmungsgerät gegeben, hätte sie überlebt." 

Tote liegen in Kühlcontainern

In Manaus werden jetzt jeden Tag hundert Menschen beigesetzt, an manchen Tagen waren es sogar 120 - vor der Pandemie waren es um die 30. In der Millionenstadt ist das Gesundheitswesen kollabiert. Schon seit Wochen sind alle Intensivbetten belegt. Manche Tote liegen in Kühlcontainern.

In Manaus werden im Moment jeden Tag hundert Menschen begraben - normalerweise sind es rund 30. | Bildquelle: AFP
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In Manaus werden im Moment jeden Tag hundert Menschen begraben - normalerweise sind es rund 30.

In Manaus wurden zwar Isolierung und Kontaktsperren angeordnet. Aber viele Menschen können diese Sperren gar nicht einhalten. Etwa die Verkäufer auf dem Fischmarkt. Für sie gibt es keine finanzielle Hilfe von Staat und Reserven, von denen sie einige Wochen leben könnten, haben sie nicht.

Er müsse arbeiten, seine Familie lebe davon, sagt ein Fischverkäufer dem ARD-Fernsehteam. Ein Problem das in ganz Brasilien herrscht. Hinzu kommt, dass die Politik unterschiedliche Signale sendet. Präsident Bolsonaro kämpft weiter gegen alle Beschränkungen, Wirtschaftsminister Guedes malt das Szenario eines völligen Zusammenbruchs der Wirtschaft an die Wand, während die Gouverneure und Bürgermeister die Menschen anflehen, zu Hause zu bleiben. So wie Arthur Virgilio Neto, der Bürgermeister von Manaus.

"Der Präsident sagt immer, ihr müsst nicht zu Hause bleiben. Und wir sagen: Bleibt zu Hause. Ein regelrechter Wettstreit. Die Lage ist schwierig, aber wir kämpfen einen harten Kampf, der und Blut, Schweiß und Tränen kostet, aber wir müssen ihn gewinnen."

Abgeschottete Großstadt

Er hat sich schon an Angela Merkel und Emmanuel Macron gewandt und an Greta Thumberg - in der Hoffnung, dass er Aufmerksamkeit für seine Stadt bekommt. Manaus ist nur per Schiff oder Flugzeug zu erreichen. Die Großstadt liegt mitten im Urwald im Bundesstaat Amazonas, der mehr als viermal so groß ist wie Deutschland. Es gibt aber nur 50 Intensivbetten. Manche Menschen holen nicht einmal mehr Hilfe, wenn es einem Angehörigen schlecht geht. Sie wissen, dass der Staat, dass die Krankenhäuser nicht mehr helfen können.

"Wenn es ein Intensivbett für meinen Bruder gegeben hätte, dann hätten wir ihn ins Krankenhaus gebracht und er könnte noch leben. Aber bevor er dort stirbt, dann doch lieber zu Hause."

Lenise Trinidade vom städtischen Sozialamt muss jetzt die Beerdigungen organisieren für die vielen Menschen, die sich keinen Bestatter leisten können. Auch sie sagt, die Zahl der Krankheitsfälle habe Manaus regelrecht überrollt.

"Darauf war niemand vorbereitet. Als der erste Todesfall aufgetreten ist, sind alle erschrocken. Uns war überhaupt nicht klar, wie groß das Problem wird, das vor uns lag."

Corona-Notstand in der Urwaldmetropole Manaus
Ivo Marusczyk, ARD Buenos Aires
09.05.2020 07:23 Uhr

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Über dieses Thema berichtete WDR5 im "Mittagsecho" Info am 09. Mai 2020 um 13:17 Uhr.

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