Ein Straßenkind in Fortaleza, Ceará, Brasilien, hält sich sein T-Shirt vor das Gesicht. | Bildquelle: picture alliance / imageBROKER

Kokainhandel in Brasilien Die Drogensucht der Straßenkinder

Stand: 07.02.2020 10:43 Uhr

Brasilien ist zum zentralen Umschlagplatz für Rauschgift geworden. Betroffen sind auch Straßenkinder - statt Klebstoff zu schnüffeln, nehmen sie nun harte Drogen. Ihr Elend bleibt meist unbemerkt.

Von Ivo Marusczyk, ARD-Studio Buenos Aires

67 Tonnen Kokain haben Polizei- und Zollbehörden allein in Brasilien im vergangenen Jahr beschlagnahmt - fast doppelt so viel wie im Jahr zuvor. Die Gewalt in den Favelas lässt sich auf den Krieg verfeindeter Drogengangs zurückführen. Das weltweite Netz der Schmuggelrouten hat sich verändert. Brasilien ist zu einem der wichtigsten Umschlagplätze geworden. Und Brasilien ist längst nicht nur Transitland - auch der Drogenkonsum im Land hat über Jahre hinweg erschreckende Ausmaße angenommen.

"Ich habe früh mit Drogen angefangen - Kokain, Klebstoff -, habe auf der Straße geschlafen und dabei Drogen genommen, im Regen. Als ich neun oder zehn war, habe ich dann mit Crack angefangen. Ich war in Entzugskliniken. Das war meine Kindheit: Drogen, dann Entzug, dann wieder abhauen. Ich habe es nie geschafft, längere Zeit clean zu bleiben."

Das sagt Juliana da Silva, die lange auf der Straße lebte. Ihre Mutter wurde ermordet, andere Verwandte fand sie nicht. Heute ist sie 21.

"Von meiner Kindheit habe ich nur diese Erinnerungen. Was vor meinem 9. Geburtstag war, das weiß ich nicht. Denn die Erfahrung der Straße war viel zu stark. Und mit zehn habe ich mich im Crack verloren, viel, viel, sehr viel Crack."

Eine Gruppe Straßenkinder nachts auf dem Platz vor dem Bahnhof Central do Brasil im Zentrum von Rio de Janeiro, Brasilien | Bildquelle: picture alliance / imageBROKER
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Eine Gruppe Straßenkinder in Rio de Janeiro

Konsum von Crack und Kokain

Crack wird aus Kokain hergestellt, gilt als Droge mit der schnellsten Wirkung und dem höchsten Abhängigkeitspotenzial. Und nach dem vergangenen Drogenbericht der Organisation Fiocruz haben fast anderthalb Millionen Menschen in Brasilien schon einmal Crack geraucht, fast ein Prozent der Bevölkerung. Noch häufiger ist der Konsum von Kokain. Mehr als drei Prozent der Brasilianer haben Erfahrungen mit dieser Droge.

Was in diesen Zahlen gar nicht auftaucht: das Elend der Straßenkinder, die oft früh in die Drogensucht fallen. So wie Gilberto de Moraes, heute 26 Jahre alt:

"Meine Mutter starb, und da mein Vater von ihr getrennt war, konnten wir Kinder uns nicht mehr über Wasser halten. Er half uns nicht. Deshalb fing ich als Schuhputzer auf den Straßen im Zentrum an - und da habe ich diese Welt kennen gelernt. Da hab ich mit Drogen angefangen, harten Drogen, und habe auf der Straße gelebt, über Monate."

Drogen, um das Elend auszuhalten

Er hat den Absprung geschafft, kommt mit gelegentlichen Jobs über die Runden. Viele haben weniger Glück. Die Organisation Visao Mundial schätzt, dass in Brasilien 70.000 Kinder auf der Straße leben. "Warum Drogen auf der Straße so wichtig sind?", fragt Gilberto de Moraes. "Da gibt es viele Gründe. Sie helfen gegen die Kälte, gegen den Hunger, geben Dir Mut." Man verliere die Angst vor den anderen, die auch auf der Straße leben. "Manche trinken Cachaça, um die Kälte auf der Straße auszuhalten. Aber wir Jungs haben keinen Schnaps getrunken, sondern Kokain geraucht."

Hilfsangebote haben keine Priorität. Brasiliens Politik besteht immer noch darin, die Macht der Drogenbanden zu brechen. Wenn es sein muss auch mit äußerster Brutalität: mit Scharfschützen, die Verdächtige töten. Dass dabei immer wieder Unschuldige zwischen die Fronten geraten und selbst Kinder durch Querschläger getötet werden, nehmen die Verantwortlichen billigend in Kauf.

Kokain-Welle in Brasilien erfasst auch die Straßen
Ivo Marusczyk, ARD Buenos Aires
07.02.2020 09:37 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. Februar 2020 um 05:40 Uhr.

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