Eine Mitarbeiterin des Immunbiologie-Instituts an der Universität Sao Paulo (Archivbild). | Bildquelle: REUTERS

Impfstoffstudie in Brasilien Das Corona-Versuchslabor der Welt

Stand: 06.11.2020 04:27 Uhr

In Brasilien testen alle großen Hersteller ihre Corona-Impfstoffe, weil sie dort ein ideales Umfeld vorfinden: viele Ansteckungen, viele Freiwillige - und günstige Testbedingungen.

Von Matthias Ebert, Rio de Janeiro

Es ist ein unscheinbares Gebäude verkleidet mit blauen Kacheln, in dem derzeit das weltweit wohl vielversprechendste Projekt für eine Corona-Impfung vorangetrieben wird: Im Institut "Cepic" in São Paulo geht es zu wie in einem Taubenschlag. Immer wieder trudeln Freiwillige ein, nehmen im Wartesaal Platz, um anschließend den Impfstoff des Mainzer Unternehmens Biontech gespritzt zu bekommen - oder ein Placebo.   

Biontech hat einen neuartigen Corona-Impfstoff auf mRNA-Basis entwickelt, der die Vermehrung des Virus in der Zelle hemmt. Bei der Herstellung und Marktreife arbeiten die Mainzer mit dem US-Unternehmen Pfizer zusammen. Der Studienleiter, Dr. Cristiano Zerbini, führt seit 17 Jahren für Pfizer Medikamententests durch. Doch noch nie war der Druck des Auftraggebers und der Öffentlichkeit so hoch wie jetzt während der Pandemie - und die Anzahl der Probanden so groß. "Ich halte diesen Impfstoff aus Mainz für sehr effizient. Er könnte einer der wichtigsten Impfstoffe weltweit sein", sagt Zerbini.

Vor allem Placebo-Patienten klagen über Symptome

Biontech und Pfizer liegen im Rennen um die Genehmigung womöglich in Führung. Insgesamt wollen sie für die derzeit laufende finale Testphase III 44.000 Probanden weltweit behandeln, 3100 davon in Brasilien.

Bei knapp der Hälfte der Probanden haben sie bereits Impfdosen injiziert - entweder mit dem neuen Wirkstoff aus Mainz oder einem wirkungslosen Placebo. Alles sei bislang ohne Zwischenfälle verlaufen, sagt Zerbini und erheitert sich: "Erstaunlicherweise klagen vor allem diejenigen Patienten, die das Placebo erhalten, über Kopfschmerzen und Fieber."

Derzeit tummeln sich in Brasilien alle weltweit namhaften Impfstoff-Hersteller - neben Biontech/Pfizer unter anderem auch die Entwickler der Präparate aus China, Russland und die Hersteller Johnson & Johnson sowie AstraZaneca.

Demonstrierende halten bei einer Protestaktion gegen die Corona-Impfstofftests eine große Pappmaché-Spritze in die Höhe. | Bildquelle: REUTERS
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Nicht alle Brasilianer sind vom Status als Versuchsland für den Coronavirus-Impfstoff begeistert: Demonstrierende halten bei einer Protestaktion eine große Pappmaché-Spritze in die Höhe.

Brasiliens Gesundheitssystem kollabierte zeitweise

Dass sie Brasilien ausgewählt haben, liegt zum einen an den renommierten staatlichen Instituten Butantan und Fiocruz, mit denen einige Hersteller bei der Impfstoffentwicklung und -produktion kooperieren. Ebenso liegt es an den günstigeren Studienkosten im Vergleich zu Europa oder Nordamerika. Der wichtigste Grund jedoch, der für das größte Land Südamerikas spricht, ist ein anderer: die hohe Anzahl an Corona-Infizierten.

"Brasiliens Regierung war nicht fähig, die Virus-Ausbreitung mit sinnvollen Maßnahmen zu verlangsamen", klagt die Mikrobiologin Natalia Pasternak von der Universität São Paulo. Mit mehr als 160.000 Toten in Verbindung mit dem Corona-Virus seit Beginn der Pandemie liegt Brasilien weltweit auf dem unrühmlichen Rang zwei der Länder-Statistik. In manchen Regionen Brasiliens war das Gesundheitssystem zeitweise kollabiert - auch, weil selten strenge Quarantäne-Maßnahmen durchgesetzt wurden.

So breitete sich das Virus nahezu ungebremst aus. Mehr als ein Viertel der Bevölkerung São Paulos soll bereits Antikörper in sich tragen. Manche Experten glauben, dass es in Brasilien nicht nur eine erste Welle gab, sondern auch eine zweite, die die Bevölkerung nahezu zeitgleich traf.

Zielgruppe: Pendler und Menschen im öffentlichen Raum

In São Paulo ist nun für viele Menschen wieder Alltag eingekehrt. Die zähen Staus sind zurück, ebenso die überfüllten öffentlichen Busse, die aus den Randgebieten ins Zentrum fahren. "Genau das ist unsere Zielgruppe: Pendler und Menschen, die im öffentlichen Raum arbeiten wie etwa Bäckereimitarbeiter", erklärt Studienleiter Zerbini.

Bei ihnen ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie noch angesteckt werden. Wochen oder Monate nach der Behandlung stellt Zerbini fest, wie hoch der Anteil der Probanden in beiden Gruppen jeweils ist, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben. Sind es deutlich mehr bei der Placebo-Gruppe als bei denen, die den neuen Impfstoff erhalten hatten, steigen die Chancen auf eine frühe Zulassung bei den US-Behörden - im Idealfall noch in diesem Jahr.

Ein solcher Erfolg wäre dann nicht möglich gewesen ohne die viele Freiwilligen aus Brasilien. Diese erhalten - anders als in Deutschland - keine Entlohnung, denn das ist in Brasilien verboten. Lediglich ein Mittagessen und die Erstattung der Fahrtkosten werden übernommen. Dass dennoch viele bereitwillig mitmachen, liege an der Hilfsbereitschaft vieler Brasilianer, glaubt Zerbini.

Sie sähen sich nicht als Versuchskaninchen, sondern erhofften sich zudem, durch den Wirkstoff aus Mainz frühzeitig gegen das Coronavirus immun zu sein. Diejenigen, die das Placebo gespritzt bekommen, müssen etwas mehr Geduld mitbringen: Sie erhalten den Impfstoff zwar auch - aber erst später, nach der offiziellen Genehmigung durch die Behörden.

Über dieses Thema berichtete SWR2 Impuls am 24. Juli 2020 um 16:05 Uhr.

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