Ein Delfin springt vor der Kulisse Istanbuls aus dem Bosporus. | Bildquelle: AFP

Corona in Istanbul Weniger Menschen, mehr Delfine

Stand: 05.05.2020 07:42 Uhr

Wegen der Corona-Pandemie sind der Straßen- und Schiffsverkehr in Istanbul stark reduziert. Für die Menschen ist das ungünstig - den Delfinen im Bosporus gefällt es. Sie tauchen in weit größerer Zahl auf und trauen sich näher ans Ufer als sonst.

Von Christian Buttkereit, ARD-Studio Istanbul

Ein stiller Morgen im sonst so lauten Istanbul. Die Wasseroberfläche des Bosporus ist spiegelglatt. Hinter der neuen, riesigen Camlica Moschee hoch über der asiatischen Seite der Stadt geht die Sonne auf.

Der Istanbuler Fotograf Volkan ist extra früh aufgestanden und in den bei Touristen sonst so beliebten Ortsteil Ortaköy gefahren. Hier am Ufer will er Delfine fotografieren. Anfangs mit wenig Erfolg: "Ich habe nur ein einziges wirklich brauchbares Foto gemacht, alle anderen sind aus einer zu großen Distanz." Volkan ist noch unzufrieden. "Wahrscheinlich muss ich mich gedulden. Eigentlich sind wir hier gerade am geeignetsten Platz, aber die Delphine sind noch zu weit weg."

Delfine sind im Bosporus zuhause

Delfine im Bosporus sind keine Seltenheit, doch man hat sie nie so häufig zu Gesicht bekommen wie seit Beginn der Corona-Krise. Der Meereswissenschaftler Arda Tonay von der Istanbul Universität gehört einer Forschungsgruppe an, die das Leben der Bosporus-Delfine seit zehn Jahren genau untersucht.

"Der Große Tümmler ist hier im Bosporus heimisch. Es gibt eine Population von 40 bis 50 Tieren. Sie entfernen sich kaum, schwimmen allenfalls mal bis zu den Prinzeninseln." Den Gemeinen Delfin könne man hingegen nicht als heimisch bezeichnen. "Er liebt das weite Meer und man kann ihn nur beobachten, wenn er den Bosporus durchquert. Er hat es aber immer sehr eilig." Ob der Schweinswal, den es im Bosporus auch gebe, dort auch wirklich heimisch sei, das könne die Wissenschaft noch nicht mit Gewissheit sagen, so der Meereswissenschaftler.

Die nicht heimischen Arten ziehen jetzt im Frühjahr vom Mittelmeer ins kühlere, nahrungsreichere Schwarze Meer. Die Bosporus-Delfine bleiben. Auch sie sind stattliche Tiere: Bis zu 2,50 Meter wird der Große Tümmler hier lang.

Ein Delfin schwimmt im Bosporus. | Bildquelle: AFP
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Im Bosporus sind verschiedene Delfinarten zu beobachten.

Delfine erobern die Meerenge zurück

Adil beobachtet sie zurzeit jeden Morgen. Der 43-Jährige ist so etwas wie der Bewacher eines geschlossenen Restaurants direkt am Ufer in Ortaköy. Wegen Corona bleiben die Gäste zwangsweise aus. Dafür lassen sich umso mehr Delfine blicken. "Es sind erstmals so große Gruppen, das war vorher noch nie so. Oder vielleicht war es so, und wir haben sie nicht gesehen. Sie kommen ständig vorbei. Vor allem in den frühen Morgenstunden oder nachts tauchen sie auf", berichtet Adil.

Grund dafür ist nach Überzeugung von Wissenschaftlern verringerter Stress - denn wegen der Corona-Krise sind weniger Schiffe auf dem Bosporus unterwegs und auch der Autoverkehr auf der Uferstraße ist zurückgegangen. Sogar die vielen Angler, die sonst das Ufer säumen, müssen zu Hause bleiben - und machen den Delfinen die Beute nicht streitig.

Es ist eine vorübergehende Erholungspause. Zwar sind die Meeressäuger in der Türkei seit 1983 streng geschützt. Trotzdem stehen alle drei Gattungen, die im Bosporus vorkommen, auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten, sagt Meeresforscher Arda Tonay: "Da sind zum einen die großen Fischernetze, in denen sie sich verfangen können. Dann der intensive Fischfang an sich, der den Delfinen einen wichtigen Teil ihrer Nahrung wegnimmt. Dann die Wasserverschmutzung." Außerdem komme hinzu, dass sich die Stadt immer weiter Richtung Norden ausdehne. Dort, wo seit einigen Jahren eine neue Autobahnbrücke stehe, sei nicht nur ein wichtiges Nahrungsgebiet, sondern auch ein Ort, wo die Tiere zuvor relative Ruhe gefunden hätten.

Naturschauspiel auf Zeit

Aylin Akkaya, die ihre Doktorarbeit über die Wirkung von Umwelteinflüssen auf die Bosporus-Delfine geschrieben hat sagt, dass die Delfine nah ans Ufer kommen, sei eigentlich normal und kein Corona-Phänomen: "Sie treiben Fischschwärme dorthin, um sie besser erbeuten zu können. Was man aber jetzt insbesondere in Ortaköy beobachten kann - dass sie nahe ans Ufer herankommen und vor den Menschen nicht sofort flüchten - das ist schon bemerkenswert."

Fotograf Volkan konnte dieses Naturschauspiel inzwischen mit seiner Kamera einfangen. "Etwa 40 Minuten nach meiner Ankunft sind die ersten Delfine in Gruppen aufgetaucht. Sie kamen nicht ans Ufer, aber doch etwas näher heran, und ich konnte erste Bilder machen und auch ein Video."

Ein paar Wochen dürften Volkan für die seltenen Delfinfotos noch bleiben, bevor der übliche Verkehr am und auf dem Bosporus wieder einsetzt und die Meeressäuger überwiegend auf Tauchstation gehen.

Delfine erobern den Bosporus zurück
Christian Buttkereit, ARD Istanbul
05.05.2020 06:55 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. Mai 2020 um 05:44 Uhr.

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