Jair Bolsonaro | Bildquelle: AFP

Wahl in Brasilien Der Populist unter den Populisten

Stand: 08.10.2018 09:40 Uhr

Er ist für Folter, hetzt gegen Schwarze und Schwule und will mit Waffen gegen Kriminelle vorgehen: Jair Bolsonaro. Der 63-Jährige könnte Brasiliens nächster Präsident werden.

Von Ivo Marusczyk, ARD-Studio Buenos Aires

Jair Bolsonaro polarisiert: Die einen lehnen den Rechtspopulisten entschieden ab, die anderen wollen ihn zum nächsten Präsidenten Brasiliens machen. Zehntausende gingen zuletzt auf die Straße und protestierten gegen den Kandidaten, den sie als Faschisten bezeichnen, aber zu den Kundgebungen für Bolsonaro kamen ebenfalls Tausende Menschen.

"Ich bin für Folter"

Der 63-jährige Bolsonaro sitzt seit 30 Jahren im Parlament. Bekannt geworden ist er aber nicht durch Sachpolitik, sondern durch provozierende Sätze - manche sagen auch Hetze. Vor allem gegen Frauen, gegen Schwarze und gegen Schwule. "Ich diskutiere hier nicht über Promiskuität. Meine Kinder wurden sehr gut erzogen und sie hatten keinen so schlechten Umgang wie Du", antwortete Bolsonaro auf die Frage, was er machen würde wenn einer seiner Söhne sich in eine schwarze Frau verliebt.

Ein anderer Klassiker: "Wer mag schon Homosexuelle, keiner mag sie - man erträgt sie halt." Immer wieder überschritt Bolsonaro die Grenzen des Sagbaren - auch mit Bezug auf die brasilianische Geschichte. Immer wieder machte er die Demokratie verächtlich, lobte und verteidigte das Militärregime und dessen Folterschergen. Bis 1985 beherrschten sie Brasilien. "Ich bin für Folter, weißt du das? Mit Wahlen wird sich in diesem Land nichts ändern, überhaupt nichts. Sondern leider nur mit einem Bürgerkrieg."

Ein Unterstützer hängt T-Shirts mit dem Bild von Bolsonaro auf | Bildquelle: REUTERS
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Ein Unterstützer hängt T-Shirts mit dem Bild von Bolsonaro in Sao Paulo auf.

"Recht in die eigenen Hände nehmen"

Bei der Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff rief Bolsonaro "Für Oberst Ustra", das war der Offizier, der die linke Politikerin einst foltern ließ. Bolsonaro macht aus seiner Grundhaltung keinen Hehl, sein politisches Programm ist dagegen nur in Ansätzen zu erkennen.

Nach dem Vorbild von Donald Trump fordert er, die Grenzen zu schließen, vor allem die Nordgrenze, wo täglich Hunderte Flüchtlinge aus Venezuela ankommen. Und er fordert eine weitgehende Freigabe von Schusswaffen, um die ausufernde Gewalt und Kriminalität in Brasilien in den Griff zu bekommen. Eine Forderung, die vor allem auf dem Land bei seinen Anhängern gut ankommt.

"In einem gesetzlosen Land, in dem die Polizei einen nicht mehr beschützt, muss man das Recht letztlich wohl in die eigenen Hände nehmen", fordert der Populist.

Messerangriff brachte öffentliches Interesse

Seit Anfang September konnte Bolsonaro nicht mehr im Wahlkampf auftreten: Ein Mann hatte ihm bei einem Auftritt ein Messer in den Bauch gerammt. Bolsonaro überlebte schwer verletzt, erst nach vier Wochen konnte er das Krankenhaus verlassen. Doch das bremste ihn nicht, sondern gab ihm weiter Auftrieb und Sendezeit.

Nach den brasilianischen Regeln stand ihm kaum Sendezeit für Wahlspots in Radio und Fernsehen zu, aber seit dem Attentat berichteten die Nachrichtensender fast rund um die Uhr über Bolsonaro. Jede Darmbewegung wurde als Eilmeldung verbreitet. Um seine Anhänger aufzuheizen, reichte ein Foto aus der Intensivstation auf Twitter. Immer wieder zeigte er dabei seine Lieblingsgeste: Daumen und Zeigefinger abgespreizt zu einer imaginären Schusswaffe.

Breites Bündnis gegen Bolsonaro?

Fernando Haddad | Bildquelle: AFP
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Fernando Haddad

Trotz seines Sieges in der ersten Runde könnte es für Bolsonaro schwer werden, neuer Präsident seines Landes zu werden. Wahrscheinlich ist, dass sich eine breite Front aller Parteien von ganz links bis weit rechts der Mitte gegen ihn verbündet und in der Stichwahl seinen Gegenkandidaten Fernando Haddad unterstützt.

Ob es tatsächlich so kommt, ist ungewiss. Die unterlegenen Kandidaten wollen sich in den nächsten Tagen für eine Seite entscheiden. Brasilien ist immer für Überraschungen gut.

Porträt des brasilianischen Präsidentschaftskandidaten
Ivo Marusczyk, ARD Buenos Aires
08.10.2018 10:18 Uhr

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Über dieses Thema berichteten am 08. Oktober 2018 Inforadio um 06:01 Uhr und B5 aktuell u.a. um 06:02 Uhr.

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