Aserbaidschanische Streitkräfte, die das armenische Flugabwehrsystem an der Kontaktlinie der selbsternannten Republik Berg-Karabach, Aserbaidschan zerstören | dpa

Gefechte um Bergkarabach Armenien und Aserbaidschan im Kriegszustand

Stand: 28.09.2020 08:58 Uhr

Schweres Artilleriefeuer, zahlreiche Tote und Verletzte - die Kämpfe zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Bergkarabach gehen weiter. Jetzt gilt in beiden Ländern der Kriegszustand.

Nach schweren Kämpfen mit zahlreichen Toten und Verletzten in der Konfliktregion Bergkarabach gilt in den verfeindeten Nachbarländern Armenien und Aserbaidschan der Kriegszustand. In Aserbaidschan trat er in der Nacht auf Montag in Kraft, wie Staatschef Ilham Aliyev am Wochenende entschied. In der Ex-Sowjetrepublik soll es in einigen Landesteilen abends Ausgangssperren geben. In Armenien mobilisierte Regierungschef Nikol Paschinjan in Eriwan bereits am Sonntag die Bevölkerung und verhängte im ganzen Land den Kriegszustand.

Auch in der Nacht zum Montag setzten die beiden Konfliktparteien ihre Kämpfe fort. Zwischen beiden Seiten gab es nach Angaben der jeweiligen Verteidigungsministerien schweres Artilleriefeuer. Nach offiziellen Angaben aus Bergkarabach stieg die Zahl der getöteten pro-armenischen Kämpfer auf insgesamt 39.

Zuvor hatte Aserbaidschan eine Militäroperation gegen Bergkarabach begonnen und eroberte mehrere Dörfer. Zwischen den verfeindeten Ländern war es nach Angaben beider Seiten am frühen Sonntagmorgen zu Gefechten gekommen. Bergkarabachs Hauptstadt Stepanakert sei beschossen worden, hieß es. Paschinjan wertete die Gefechte als Kriegserklärung gegen sein Volk.

Für die Gefechte gaben sich beide Seiten gegenseitig die Schuld: Armenien warf Aserbaidschan vor, Bergkarabach aus der Luft und mit Artillerie beschossen zu haben. Die eigenen Truppen hätten daraufhin drei Panzer der gegnerischen Seite zerstört sowie zwei Hubschrauber und drei Drohnen abgeschossen. Aserbaidschan widersprach den Angaben und erklärte seinerseits, es habe auf einen armenischen Angriff reagiert. Man habe den Feind an der Front unter Kontrolle. Armenische Menschenrechtler erklärten, zwei Zivilisten - eine Frau und ein Kind - seien getötet worden. Die aserbaidschanische Regierung teilte mit, es seien mehrere Zivilisten umgekommen.

Der Vize-Armeechef von Bergkarabach, Artur Sarkisian, sagte, 16 Menschen und zwei Zivilisten seien getötet und mehr als 100 Menschen verwundet worden. Aserbaidschan teilte mit, dass es fünf Tote und Verletzte in den eigenen Reihen gebe. Armenien behauptete, dass 200 Soldaten auf der gegnerischen Seite getötet worden seien. Das bestätigte Baku jedoch nicht.

Übersichtskarte mit Aserbaidschan Armenien und Bergkarabach | picture alliance/dpa

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Armeniens Regierungschef warnt vor "umfassendem Krieg"

Ministerpräsident Paschinjan warnte vor einem militärischen Flächenbrand. Aserbaidschans "autoritäres Regime hat dem armenischen Volk erneut den Krieg erklärt", sagte Paschinjan im armenischen Fernsehen. "Wir stehen vor einem umfassenden Krieg im Südkaukasus", der für die Region und möglicherweise auch darüber hinaus "unabsehbare Folgen haben könnte". Aserbaidschans Verteidigungsministerium erklärte dagegen, die Armee habe eine "Gegenoffensive" gestartet, um "Armeniens Militäraktivitäten" in der Region zu stoppen und die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten.

Russland fordert sofortige Waffenruhe

Russland rief zu einer sofortigen Waffenruhe in der Region auf. Außenminister Sergej Lawrow führe intensive Gespräche, um die Konfliktparteien zur Einstellung des Feuers um die Konfliktregion zu bewegen, hieß es aus Moskau. Beide Länder müssten an den Verhandlungstisch zurückkehren. Russland vermittelt seit Jahren in dem Konflikt. Armenien setzt auf Russland als Schutzmacht, Moskau hat dort Tausende Soldaten und Waffen stationiert.

Auch Deutschland und Frankreich riefen beide Länder zu einem Ende der Gewalt auf. Der Konflikt könne nur auf dem Verhandlungsweg gelöst werden, erklärte Bundesaußenminister Heiko Maas. Das Auswärtige Amt verwies in einem Reise- und Sicherheitshinweis darauf, dass "erneut Kampfhandlungen" im Gebiet zwischen der Region Bergkarabach und Aserbaidschan ausgebrochen seien: "Von Reisen in die Region und in das gesamte Grenzgebiet zu Aserbaidschan wird dringend abgeraten."

Das Auswärtige Amt erkennt die Region nicht als "Republik Bergkarabach" an und bezeichnet sie als "von armenischen Streitkräften besetzte Gebiete der Republik Aserbaidschan".

Die EU forderte ein sofortiges Ende aller Kampfhandlungen. EU-Ratspräsident Charles Michel erklärte, die Konfliktparteien müssten "umgehend an den Verhandlungstisch zurückkehren". Die Informationen über die jüngsten Kampfhandlungen seien Anlass zu "größter Besorgnis". Auch UN-Generalsekretär Guterres forderte ein sofortiges Ende der Kämpfe in Bergkarabach. Er sei "äußerst besorgt" über das Wiederaufflammen des Konflikts zwischen Aserbaidschan und Armenien, sagte Guterres in New York.

Menschen haben sich in Jerewan, Armenien, auf der Straße versammelt, um sich als Freiwillige registrieren zu lassen, nachdem Armenien eine Generalmobilmachung verkündet hat.  | REUTERS

Menschen haben sich in Armeniens Hauptstadt versammelt, um sich als Freiwillige registrieren zu lassen. Bild: REUTERS

Türkei macht Armenien verantwortlich

Die Türkei stellte sich umgehend an die Seite Aserbaidschans. Der Sprecher der Regierungspartei AKP, Ömer Celik, verurteilte per Twitter vehement "Armeniens Angriff auf Aserbaidschan". Das sei eine weitere armenische Provokation. Präsident Recep Tayyip Erdogan sicherte Aserbaidschan nach einem Telefonat mit Präsident Ilham Alijew "verstärkte" Solidarität seines Landes zu.

Konflikt seit 1991

Die von Armenien kontrollierte Region Bergkarabach gehört völkerrechtlich zum islamisch geprägten Aserbaidschan. Der Konflikt um die Region entbrannte nach dem Ende der Sowjetunion 1991, in der Bergkarabach den Status einer autonomen Region der UdSSR innehatte. 1992 brach Krieg um das Gebiet aus, in dem in den folgenden zwei Jahren etwa 30.000 Menschen getötet und Hunderttausende Menschen vertrieben wurden. Aserbaidschan hatte damals die Kontrolle über das von christlichen Karabach-Armeniern bewohnte Gebiet verloren. Eine 1994 vereinbarte Waffenruhe wird bis heute immer wieder durchbrochen. Zuletzt flammte der Konflikt 2016 auf.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 28. September 2020 um 09:00 Uhr.