Eine Klinik im belgischen Charleroi. | Bildquelle: OLIVIER HOSLET/EPA-EFE/Shutterst

Corona-Hotspot Bütgenbach Der verzweifelte belgische Nachbar

Stand: 29.10.2020 03:42 Uhr

Wenn es im belgischen Bütgenbach brennt, kommt zuweilen die Feuerwehr aus Monschau - so nahe liegt die Gemeinde an der deutschen Grenze. Und auch jetzt versucht Deutschland, dem belgischen Nachbarn in der Corona-Krise zu helfen.

Von Ralph Sina, ARD-Studio Brüssel

Bütgenbach in der belgischen Eifel, ein kleines 5000 -Einwohner-Paradies, umgeben von den Ardennen und dem Hohen Venn. Mit einem Sandstrand am Talsperren-See, der die hartgesottene Triathleten des SC Bütgenbach zu allen Jahreszeiten begeistert.

Die Hotels in Bütgenbach werben im Winter mit nahegelegenen Langlaufloipen und Skipisten und verweisen fast jetset-mäßig für die Anreise auf den nahegelegenen Flughafen Lüttich.

Hotspot im Hotspot

Doch die belgische Provinz Lüttich ist derzeit eine der von Corona am härtesten betroffenen Regionen Europas. Und das deutschsprachige Bütgenbach unweit von Lüttich ist derzeit sozusagen der Hotspot im Corona-Hotspot Belgien. 

Mit 342 Neuinfektionen bei nur 5600 Einwohnern und einem vom belgischen Gesundheitsinstitut Institut Sciensano registrierten 14-Tage-Inzidenzwert von 6076 liegt Bütgenbachs Infektionsrate sechsmal höher als der Landesdurchschnitt in Belgien, dem von der Corona-Pandemie am härtesten betroffenen Land in Europa.

Kirmes eine Versammlung der Maskenmuffel

Bütgenbach wollte Anfang Oktober demonstrieren, dass sich Covid und Kirmes nicht ausschließen. "In der Gemeinde Bütgenbach steigt das Kirmesfieber", berichtete am 1. Oktober das "Grenzecho", die einzige deutschsprachige Zeitung Belgiens. Gleich drei Kirmesevents gingen an den ersten beiden Oktober-Wochenenden in der Gemeinde Bütgenbach über die Bühne.

Als 'Kirmes light' mit viel Sicherheitsabstand waren die Events geplant. De facto wurden zu einem engen Happening der Maskenmuffel. Die Fallzahlen explodieren. "Bütgenbach ist trauriger Spitzenreiter", notiert jetzt das "Grenzecho."

Neun Gesundheitsminister, keine Koordination

Der Hotspot Bütgenbach ist nur ein Beispiel für das belgische Covid-Drama. Das kleine Königreich hat neun belgische Gesundheitsminister, die sich kaum koordinieren. Erst seit kurzem gibt es wieder eine handlungsfähige Regierung in Brüssel. Und lange Zeit hat die belgische Bevölkerung das Problem nicht ernst genommen.

"Wir haben gewarnt, aber leider setzt sich erst jetzt bei der Politik und der Bevölkerung die Erkenntnis durch, dass wir ein Riesenproblem haben", betont die belgische Virologin Erika Vlieghe gegenüber dem ARD-Studio Brüssel.

Krankenhäuser an der Kapazitätsgrenze

Sorgen macht sich jetzt auch Antonios Antoniadis, der Gesundheitsminister der deutschsprachigen Gemeinschaft. Denn die Krankenhäuser in Lüttich und Eupen haben keine Kapazität mehr, um weitere schwer Covid-Erkrankte aus Bütgenbach intensivmedizinisch zu betreuen. Die Krankenhäuser in der Wallonie und im deutschsprachigen Ostbelgien sind schlicht überbelegt. Innerhalb Belgiens gibt es keine Ausweichmöglichkeit mehr.

Deshalb hat  der Gesundheitsminister der deutschsprachigen Gemeinschaft in Belgien das buchstäblich naheliegende getan und eine Vereinbarung mit der Städteregion Aachen und dem Land Nordrhein-Westfalen getroffen.

Zehn Krankenhausbetten wurden ihm von den Kliniken der Städteregion Aachen grundsätzlich zugesagt. "Im Zuge der Zusammenarbeit würden wir dann darauf zurückgreifen. Aber die Betten sind in keiner Weise reserviert worden" betont Gesundheitsminister Antoniadis.  

Ein fürchterliches Dilemma droht

Bütgenbach und ganz Belgien wird mittlerweile klar, dass der Nachbar Bundesrepublik nur begrenzt helfen kann, zumal auch Covid-Patienten aus den Niederlanden in Deutschland behandelt werden.

"Bald werden wir vor einer fürchterlichen Alternative stehen und uns entscheiden müssen, welchen Corona-Patienten wir retten“, sagt eine Krankenschwester des Krankenhauses in Charleroi . "Den Dreißigjährigen? Oder den Sechzigjährigen?"

Ein Ausweg ist nicht in Sicht für die schwer Erkrankten im belgischen Bütgenbach und im ganzen Land. Auf die Frage, ob er eine Implosion des belgischen Gesundheitssystems für möglich halte, antwortete der Gesundheitsminister der Zentralregierung Vandenbroucke sehr bestimmt: Das halte er absolut für möglich.

Belgien: Corona-Hotspot Bütgenbach
Ralph Sina, ARD Brüssel
29.10.2020 00:35 Uhr

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Über dieses Thema berichtete WDR 5 am 29. Oktober 2020 um 08:50 Uhr im "Morgenecho".

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