Migranten sitzen in einem Lagerhaus in Belarus (Quelle: Martha Wilczynski)
Reportage

Migranten in belarusischem Lager "Wir warten, bis Deutschland uns aufnimmt"

Stand: 20.11.2021 08:04 Uhr

Sie haben weiter das Ziel EU: Viele der Migranten in Belarus sind inzwischen aus den Wäldern in ein Lagerhaus gebracht worden. Die Bedingungen dort sind zwar besser, doch es fehlt weiter eine Perspektive.

Von Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau, zzt. Grodno/Belarus

Dicht drängen sich rund 30 Kinder an den Absperrzaun. Ihre Kleidung ist schmutzig und abgewetzt. Ihre Augen aber leuchten vor Freude und Aufregung. "Ja, für jeden", verspricht eine hochgewachsene blonde Frau auf Englisch. "Ich bringe Euch die Überraschungen. OK?" Als sie wenig später mit einem Sack voller Spielsachen zurückkehrt, gibt es kein Halten mehr.

Martha Wilczynski ARD-Studio Moskau
Im belarusischen Migrantenlager stehen Menschen an einem Foodtruck an (Quelle: Martha Wilczynski)

Im neu eingerichteten Flüchtlingslager im belarusischen Grodno gibt es Toiletten, Tankwagen mit Frischwasser und Imbisswagen.

Viktor Liskowitsch schaut sich die Szene zufrieden an. Er ist Mitglied im belarusischen Föderationsrat, zuständig für die Region Grodno - und damit auch für das vor wenigen Tagen in einem Logistikzentrum unweit der polnischen Grenze neu errichtete Flüchtlingslager. Die Spielsachen, erklärt er, seien Spenden von belarusischen Kindern und Familien.

Die Kinder wollten das unbedingt, baten ihre Eltern mit Hilfe der Lehrer zu sammeln - nicht nur Spielsachen. Auch Stifte, Malblöcke und vieles mehr, damit auch die Kleinen im Lager wieder Kinder sein können.

"Danke Belarus"

Auch den belarusischen Fernsehteams gefallen die Bilder. Sie filmen, wie Liskowitsch und seine Mitarbeiterin die Gruppe animieren, englische Sätze in ein Megaphon zu rufen: "Ich liebe Belarus" und "Danke Belarus". Ebenso scheint ihnen zu gefallen, dass ein deutsches Radio- und Fernsehteam diese Szenen mitbekommt - nicht selten sind die Kameras auf uns Journalisten gerichtet.

Auf dem Gelände vor der großen Lagerhalle stehen Toilettenhäuschen, Tankwagen mit Frischwasser und neuerdings auch Trucks - als mobile Kioske und Imbissbuden. In der Halle liegen die Menschen dicht an dicht - rund 2000 sollen hier untergebracht sein. Es ist stickig, überall wird gehustet.

"Du schläfst zwei Minuten und drei bist Du wach", sagt die 13-jährige Bahasch und zeigt ihr improvisiertes Schlaflager aus Holzpaletten, Decken und einem kleinen Zelt. Manchmal sei es sehr warm, manchmal kalt. Immer wieder öffneten sich die Türen und es werde sehr kalt.

Viele wollen nach Deutschland

Dennoch sei es hier weitaus besser als in den Wäldern, wo sie und ihre Familie tagelang ausgeharrt hätten - in der Hoffnung, es vielleicht doch noch über die Grenze in die EU zu schaffen. Auch weil sich der belarusische Grenzschutz hier den Flüchtlingen gegenüber ganz anders verhalte. "Die geben uns Essen, die geben uns Schlafsäcke - alles! Die geben uns Decken. Die helfen uns irgendwie."

Was die Flüchtlinge aber nicht bekommen, ist eine klare Perspektive. Einen Plan, wie es für sie weitergehen kann. Wie fast alle hier wollen Bahasch und ihre Familie nach Deutschland. Sie hatten dort bereits einige Jahre lang Asyl, aber keinen dauerhaften Aufenthaltsstatus. Es ist ihr zweiter und endgültiger Versuch. Das Angebot, über Minsk zurück in den Irak zu fliegen - für sie ist das keine Option. "Wir werden nie zurückgehen. Wir warten, bis Deutschland uns aufnimmt", sagt Bahasch.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 20. November 2021 um 07:27 Uhr.